In Eptingen ist Geschichte greifbar

Eine Unternehmerfamilie setzt die Pionierarbeit mit dem Eptinger Mineralwasser bis heute fort. Als regionaler Produzent von Nischenprodukten lässt sie sich auch nicht von den Grossen kleinkriegen.

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Die Fenster sind weit geöffnet, die kühle Morgenluft drückt die aufgestaute Wärme aus den Ritzen des gut 100-jährigen Hauses, um die Innentemperaturen tagsüber etwas erträglicher zu machen. Wie in so vielen alten Bürogebäuden haben auch die Angestellten hier an der Sissacher Hauptstrasse 20 unter der Sommerhitze geächzt. Doch darüber beschwert hat sich hier keiner. Denn hohe Temperaturen sind für die Mineralquelle Eptingen, die von Sissach aus geführt wird, das Lebenselixier in seiner höchsten Konzentration. Warmes Wetter ist gleich durstiges Wetter; Mineralwasser- und Bierkonsum ziehen an. Klettert das Thermometer aber über 30 Grad, vergeht den Menschen die Lust aufs Bier, beim Mineralwasserkonsum wiederum wird der Nachbrenner gezündet. Ein Fest für die Branche.

Natürlich könnte ein nasskalter Herbst die bisherige Bilanz noch trüben, doch ist davon auszugehen, dass der Vorjahresumsatz von 55 Millionen Liter dieses Jahr deutlich übertroffen wird. Matthias Buchenhorner, seit Oktober 2014 Geschäftsführer im über 100-jährigen Familienunternehmen, erwartet fürs gesamte Jahr ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Diesen Sommer habe man in Eptingen phasenweise zusätzliche Schichten fahren müssen, um die grosse Nachfrage decken zu können. Um binnen kürzester Frist drei Schichten hinzubringen, habe man Temporärkräfte aufbieten müssen, und auch für die Transporteure sei es eng geworden, sagt Buchenhorner. «Das ging nicht nur uns so, sondern der ganzen Branche. Alle waren am Anschlag.» Dennoch wünschte sich Buchenhorner nur solche Sommer: «Wir brauchten nur das Telefon abzuheben, Bestellungen aufzunehmen und konnten liefern – eine wunderbare Zeit.»

Der Koch und der Zöllner

Matthias Buchenhorners Urgrossvater Edmund, Koch von Beruf, war es, der zusammen mit seinem Schwager Ernst Singer-Buchenhorner, ein Zöllner, den Grundstein der Firma Eptinger gelegt hatte. 1899 erwarben sie das damalige Heilbad samt den Rechten an der Quelle, ergänzten den Kurbetrieb aber schon ein Jahr später mit dem Verkauf des Mineralwassers aus der Melstenquelle, die rund 300 Meter oberhalb des Dorfs entspringt. Sie ermöglichten damit auch weniger gut Betuchten, das heilkräftige Mineralwasser zu Hause trinken zu können.

Bis zur Jahrhundertwende wurde das in der Schweiz konsumierte Mineralwasser fast ausnahmslos importiert – aus Deutschland, Frankreich und Böhmen. Zudem auf dem Markt waren billige, aus Brunnenwasser hergestellte «Mineralwässer» einheimischer «Limonadiers». Die geschäftstüchtigen Compagnons priesen ihr Eptinger als «Ärztlich empfohlenes Tafelwasser 1. Ranges» an. So stieg der Absatz des Eptinger Wassers stetig. 1908 wurde die Firma in eine AG umgewandelt mit «Bureaux in Sissach», wo ein Auslieferungslager entstand. Die Jahresproduktion lag bereits bei einer halben Million Flaschen. Die abgefüllten Flaschen wurden mit Ross und Wagen von Eptingen nach Sissach transportiert und dort auf die Bahn verladen.

1924 beschlossen die Partner, den Hotelbetrieb zu verpachten. Im gleichen Jahr wurden sie mit der Anschaffung der ersten automatischen Ab­füllanlage zu einem der modernsten Mineralwasserproduzenten der Schweiz. Ungefähr zur selben Zeit hatten die Firmengründer zusätzlich die Sissacher Alpbad­quelle erworben. 1929, der Eptinger-Umsatz lag inzwischen bei zehn Millionen Einheiten, wurde in Sissach die Produktion von «Quellenlimonaden» – Citro, Grapefruit, Orange und Pepsi-Cola aufgenommen. 1933 erwarben die Partner im solothurnischen Lostorf eine weitere Quelle.

Bekannte Leupin-Logos

Zu seinen besten Zeiten beschäftigte das Unternehmen 160 Mitarbeitende – das war in den frühen 1980er-Jahren – und gehörte zu den «Grossen der Branche» wie in der Firmenchronik nachzulesen ist.

Nicht nur das Eptinger wurde in der Schweiz zum Begriff, sondern auch die Süssgetränke Sissa (Citro), Pepita (Grapefruit) und Toco (Orange) – nicht zuletzt dank den Motiven des Werbegrafikers Herbert Leupin (er schuf das bekannte Circus-Knie-Plakat, das einen Clown zeigt, der sein Knie präsentiert). Noch heute sind Leupins Bilder mit Blööterli und Papageien, die zwischen 1951 und 1972 entstanden und die Getränke aus dem Baselbiet im ganzen Land bekannt machten, omnipräsent in der Firma. Das grosse Sitzungszimmer am Eptinger Hauptsitz ist reich dekoriert mit den Originalen des Künstlers, und die neu lancierten Plakatmotive für Pepita tragen ebenfalls dessen Handschrift. Ein Ausdruck der Fantasielosigkeit? Matthias Buchenhorner wehrt sich: Mit der Reaktivierung der Marke von 2009 mit Leupins Papagei habe man die Konsumenten einerseits an früher erinnert, andererseits verpasste man dem Nummer-1-Grapefruit-Getränk in der Schweiz ein trendiges Image: So spannte Buchenhorner nicht nur mit Glace-Hersteller Gasparini zusammen und brachte ein Grapefruit-Sorbet am Stängel heraus, sondern erfand auch eine Reihe von Mix-Getränken für Sommerpartys. Mit Erfolg, wie Buchenhorner sagt. Dank aller Werbemassnahmen habe der Pepita-Umsatz vervielfacht werden können. Die Süssgetränke tragen jedoch lediglich 15 Prozent der in Lostorf und Eptingen umgesetzten Menge bei.

Der grösste Teil des Umsatzes generiert die Gruppe heute mit Eptinger. Das Mineralwasser wird aus 417 Metern Tiefe hochgepumpt, abgefüllt und in die ganze Schweiz transportiert. Geschätzt wird das Eptinger Wasser für seine hohe Mineralisation und seine Tiefstwerte bei den Nitraten. Heilsame Wirkung hatte dem Eptinger Wasser schon 1693 der Basler Medizinalprofessor Theodor Zwinger attestiert: Es sei «blutreinigend, Verstopfungen der Leber, Milz und der Nieren verhütend, stärkend, die Räude heilend sowie Geschwülste und das kalte Fieber vertreibend». Mit der heilenden Wirkung des Wassers wurde anfänglich auf dem Etikett geworben, erzählt Buchenhorner beim Streifzug durchs Firmenmuseum. Der Gesetzgeber hat derlei inzwischen verboten. Immerhin: Auch heute noch wird das Mineralwasser von Ärzten empfohlen und in Altersheimen reichlich konsumiert. «Bei der Generation 55+ sind wir gut etabliert», sagt Buchenhorner, «wir möchten aber auch ein etwas jüngeres, aktives Publikum ansprechen.» Im Fokus hat er bewegungsaffine Menschen, die mit dem potenten Wasser die Mineralien wieder aufnehmen können, die sie beim Sport aus dem Körper geschwemmt haben. So findet man im aktuellen Eptinger-Prospekt auch keine Leupin-Grafiken mehr, sondern eine hübsche junge Frau, die durch den Wald joggt.

Generationswechsel und Umsatzeinbrüche

Der Junior hat nicht nur das Image des wichtigsten Standbeins entstaubt, sondern auch kräftig investiert und die Führungsstruktur modernisiert. Die Verantwortung wurde auf mehr Schultern verteilt, die Geschäftsleitung verjüngt und Öffentlichkeitsarbeit ist in der Firma kein Fremdwort mehr.

Mitten in den Generationenwechsel fiel 2012 der Verlust des grössten Einzelkunden. Coop verzichtete nach rund 40-jähriger Kooperation auf eine Verlängerung des Liefervertrags für das Mineralwasser aus Lostorf und erwarb stattdessen für sein Prix-Garantie-Wasser eine eigene Quelle. Lostorf verlor dadurch 60 bis 70 Prozent des Umsatzes, die ganze Gruppe 40 Prozent. 20 von 85 Mitarbeitenden mussten gehen.

Einen bescheidenen Teil des weggebrochenen Umsatzes habe man durch Verträge mit anderen Detailhändlern wie Lidl oder Aldi auffangen können, sagt Buchenhorner. Wieder zur alten Stärke zurückzufinden, also grössere Marktanteile zu erobern, sei aber illusorisch. Dafür seien Marken wie Henniez oder Valser mit internationalen Konzernen im Rücken schlicht zu mächtig. Stattdessen setzen die Baselbieter umso mehr auf das Prädikat regional und passen die Kosten den Einkünften an, um schwarze Zahlen schreiben zu können, was sie stets getan haben, wie der Chef betont. Und sie setzen auf die Nische – Pepita zum Beispiel.

Gefährlicher Erdrutsch

Eine andere grosse Krise hatte das Unternehmen 1969 zu bestehen, als durch einen Erdrutsch der grösste Teil der Produktionsanlage in Eptingen zerstört wurde. Die damaligen Chefs liessen sich aber nicht unterkriegen. Nur drei Tage stand die Produktion damals still. Dann wurde mit einer Ausnahmebewilligung des Bundes das Eptinger nach Sissach zur Abfüllung transportiert. 1973 wurde ausserhalb des Siedlungsgebiets von Eptingen ein neuer Produktionsbetrieb eingeweiht.

Auf jenen Erdrutsch geht die wenig schmeichelhafte Legende zurück, das Eptinger Wasser sei deshalb so reichhaltig, weil es unter dem Friedhof hindurchführe, was natürlich völliger Blödsinn ist, wie Buchenhorner sagt. Der Erdrutsch habe damals auch den Friedhof voll getroffen. Doch sei zu keinem Zeitpunkt Wasser unterhalb des Friedhofs gefasst oder auch nur durchgeleitet worden.

Firmengründer Edmund Buchenhorner hatte einen langen Schnauf. Erst mit seinem Tod im 1967 ging die Führung des Unternehmens an Edmund junior, der wiederum übergab 1985 an Jörg, der sich die Tiefenbohrungen in Eptingen und Lostorf auf die Fahne schreiben kann.

Übernehmen oder verkaufen

Ob das Unternehmen auch in vierter Generation in Familienhand bleibt, war lange ungewiss. Als sich Jörg Buchenhorner dem Pensionsalter näherte, stellte er Matthias vor die Wahl: Als einziger Erbe übernimmt er oder das Unternehmen wird aus der Familienhand gegeben. Er habe sich nicht leicht getan mit dem Entscheid, sagt Matthias Buchenhorner. Auf der einen Seite sei er als Banker mit Prokura bei einer Grossbank glücklich gewesen und habe vom Lebensmittelgeschäft keine grosse Ahnung gehabt. Auf der anderen Seite sei er sich auch seiner privilegierten Situation bewusst gewesen: Nicht jeder hat die Chance, einen Betrieb mit 65 Mitarbeitenden übernehmen zu können. Zur Freude seines Vaters, einem Patriarchen der alten Schule, stieg Matthias 2009 mit 33 Jahren in den Familienbetrieb ein. Seit vergangenem Herbst hat der Junior, der Teamplayer, das Sagen, seine Frau Damaris hat er zur Marketingchefin gemacht und teilt mit ihr ein Büro. Ganz der Familienbetrieb halt.

Der Senior ist zwar Mitglied des Verwaltungsrats und jeden Tag in seinem alten Büro. Aus dem Kerngeschäft hält er sich aber raus, lässt den Jungen machen. Er kümmert sich lediglich um die Vermietung der einstigen Betriebsgebäude, in denen bis 1989 mit Wasser aus der Alpbadquelle die Süssgetränke gemischt und abgefüllt wurden. In die frühere Abfüllerei beispielsweise wird kommendes Jahr die Brauerei Farnsburg einziehen. Damit wird in Sissach ein Stück Tradition als Standort für die Getränkeproduktion wiederbelebt, worüber sich Buchenhorner freut. Fast so sehr wie über diesen phänomenalen Sommer. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.08.2015, 07:04 Uhr

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