In Hofstetten-Flüh patrouillieren Privatpolizisten

Im solothurnischen Leimental ist der Glaube geschwunden, dass die Polizei alleine Herr über die Einbrecher wird. Eine Gemeinde hat nun bereits die Konsequenzen gezogen.

Freund und Helfer: Im Kampf gegen Einbrecher trainieren Mitarbeiter des Unternehmens Silent Dog Security mit belgischen Schäferhunden.

Freund und Helfer: Im Kampf gegen Einbrecher trainieren Mitarbeiter des Unternehmens Silent Dog Security mit belgischen Schäferhunden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was die über 100 Teilnehmer einer Informationsverantaltung der Solothurner Kantonspolizei zur Einbruchs-Prävention am Donnerstagabend in der Turnhalle Flüh zu sehen bekamen, gibt keinen Anlass zur Hoffnung. Der Leiter Region Nord der Kantonspolizei Solothurn, Martin Husistein, legte eine Folie auf, die eine Karte der Nordwestschweiz zeigte. Immer dort, wo sich ein Einbruch ereignet hatte, wurde ein roter Punkt gesetzt. Als Folge davon waren die Stadt und nähere Agglomeration Basel nur noch als blutrote Fläche zu erkennen. Es gibt kaum mehr einen Strassenzug, wo die Einbrecher ihr Unwesen nicht schon getrieben hätten.

Nicht nur die Stadt Basel und ihre Umgebung werden von Einbrechern stark heimgesucht. Auch entlang der Autobahnen zieht sich ein dicker roter Strich. Walter Schöni, Chef der Regionenpolizei im Kanton Solothurn: «Es kommt nicht selten vor, dass Einbrecher in einer Nacht ihren verbrecherischen Streifzug im Thurgau beginnen, ihr gestohlenes Auto ohne Sprit im Mittelland stehen lassen und mit einem weiteren gestohlenen Fahrzeug ihren Diebeszug Richtung Genf fortsetzen. 1739-mal wurde 2011 im Kanton Solothurn eingebrochen, in 420 Fällen war ein Einfamilienhaus betroffen. 359-mal drangen die Täter in ein Mehrfamilienhaus ein. Die Lage ist inzwischen so ernst geworden, dass sich Spezialisten der Polizei aus den beiden Basel, dem Aargau und dem Kanton Bern wöchentlich in Solothurn zur Lagebesprechung treffen. «Wir tauschen uns aus, kommunizieren Ermittlungsergebnisse und versuchen, Tatmuster zu erkennen und zuzuordnen», sagt Husistein.

Schäferhunde im Einsatz

Donat Fritsch, dem Präsidenten der FDP Hofstetten-Flüh, reicht das alles aber nicht mehr. Er kritisiert die Polizei, weil sie lieber Verkehrskontrollen durchführt, statt Einbrecher zu jagen. Fritsch, der den Anlass mit der Polizei in Flüh organisiert hatte, war vor zwei Jahren selber Opfer eines Einbruchs geworden. Ein Einbruch, der äusserst perfid abgelaufen war, weil der Einbrecher praktisch keine Spuren hinterlassen hatte. «Am Morgen habe ich gedacht, ich hätte mein Handy verlegt. Am Mittag, als ich nach einem Restaurant-Besuch zahlen wollte, fehlte das Geld in meinem Portemonnaie. Erst da bemerkte ich, dass ich in der Nacht, während ich geschlafen hatte, bestohlen worden war.»

Fritsch hatte wie viele andere Opfer nicht nur einen materiellen Verlust erlitten. «Die psychischen Folgen können weit schlimmer sein», erinnert er sich. «Meine Frau hatte während Wochen und Monaten ein Gefühl der Unsicherheit und Angst.» Selbst einem wie ihm, dessen Natur in solchen Dingen mit wenig Sensibilität ausgestattet sei, habe der Vorfall zu schaffen gemacht. Fritsch ist heute nicht nur Finanzchef seiner Wohngemeinde. Er ist auch für das Ressort Sicherheit zuständig.

Im Kampf gegen Gewalt, Einbrecher und Vandalen setzt er im Auftrag des Gemeinderates schon seit geraumer Zeit nicht mehr nur auf die staatlichen Stellen. Er arbeitet intensiv auch mit privaten Unternehmen zusammen. Silent Dog Security patrouilliert mit belgischen Schäferhunden vor neuralgischen Punkten in Hofstetten-Flüh. Geschäftsleiter Felix Maissen: «Wir sind jede Nacht während 365 Tagen im Jahr unterwegs.» Sein Einsatzgebiet erstreckt sich inzwischen bis zu den Schrebergartenanlagen im Basler Bachgraben. Seine Bilanz während eines Jahres: zwei Einbrecher in flagranti erwischt, drei Gebäude nach einem versuchten Einbruch untersucht und acht Einbrüche verhindert.

Ein Drittel mehr im Baselbiet

Auch im solothurnischen Leimental ist der Glaube geschwunden, dass die Polizei alleine Herr über die Einbrecher wird. In den fünf Gemeinden wurde von Januar bis Oktober durchschnittlich pro Woche ein Einbruch begangen. Wie Andreas Mock, Leiter Kommunikation und Medien bei der Kantonspolizei Solothurn, gegenüber der BaZ bestätigt, kam es in dieser Zeit zu 34 Einbruch- und 12 Einschleichdiebstählen. Am meisten betroffen war Witterswil mit 13 Einbrüchen. Am besten kam der Ortsteil Mariastein mit zwei Einbrüchen davon. Ein Vergleich zum Vorjahr sei aufgrund des isolierten Jahresausschnitts nur bedingt möglich, sagt Mock.

Auch auf Bezirksebene wurden Türen und Fenster aufgebrochen. Im Schwarzbubenland waren in den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres 119 Einbrüche zu registrieren. Das sind zwei mehr als in der Vergleichsperiode des Vorjahres. Noch trister sieht es ennet dem Passwang aus. «Im Kanton Solothurn verzeichnen wir gesamthaft mehr Einbrüche als im Vorjahr», bestätigt Mock.

Im Vergleich zum Kanton Baselland ist Solothurn 2012 aber noch glimpflich davongekommen. «Wir erwarten für das laufende Jahr deutlich höhere ­Einbruchszahlen», bestätigt Meinrad Stöcklin, Leiter Kommunikation bei der Baselbieter Kantonspolizei. «Im Moment geht es in Richtung Steigerung von rund einem Drittel.» Vor allem in den letzten Wochen haben sich die Delikte gehäuft. Am meisten betroffen sind die grenznahen Gemeinden im Leimental wie Allschwil, Binningen, Bottmingen und Oberwil.

Mehrere Verhaftungen pro Woche

Im Kampf gegen Einbrecher passt die Baselbieter Polizei täglich ihre Dispositive an «und unternimmt enorme Anstrengungen, um das Problem in den Griff zu bekommen», sagt Stöcklin. Sowohl im Solothurnischen als auch im Kanton Baselland setzt die ­Polizei zudem auf die Hilfe der Bevölkerung. Im Baselbiet fanden in den letzten Wochen 13 entsprechende ­Anlässe statt.

Dass der Kampf gegen Einbrecher durchaus nicht nur hoffnungslos sein muss, belegt die Zahl der Verhaftungen. Im Baselbiet werden nach Angaben von Stöcklin wöchentlich gleich mehrere mutmassliche Täter gefasst. Allerdings sei es nicht immer einfach, diesen ihre Taten auch nachweisen zu können. ­Angehaltene würden zwar häufig Einbruchswerkzeug mit sich führen, aber nur selten effektives Deliktsgut. «Dieses wird heute erfahrungsgemäss sehr rasch weitergegeben oder irgendwo ­gebunkert», betont Stöcklin. Zu den ­Tätern gehören häufig Minderjährige, oft aus den Fahrenden-Camps im Elsass, aber auch erwachsene Profis aus dem osteuropäischen Raum, die extra in die Schweiz reisen, um Einbrüche zu begehen.

Während an der Front der Kampf gegen die Einbrecher auf Hochtouren läuft, bewegt sich auf dem politischen Parkett wenig bis nichts. Die Idee wurde nicht weiterverfolgt, bikantonale Polizeipatrouillen einzuführen. Christian Imark (SVP, Fehren), der dieses Jahr den Solothurner Kantonsrat präsidiert, schreibt den Kampf gegen Einbrecher aber noch nicht ab. Nach seiner Präsi­dialzeit will er das Problem wieder aufgreifen. Auch Remo Ankli (FDP, Beinwil) will die politische Diskussion über die Frage, «wie viel uns unsere Sicherheit wert ist», weiter diskutieren. «Es geht nicht an, dass sich die Bevölkerung unsicher fühlt», sagt er. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.11.2012, 13:36 Uhr

Artikel zum Thema

Der Schweiz fehlen 1500 Polizisten

Wachsende Bevölkerung und nächtlicher Hochbetrieb in den Städten: Die 24-Stunden-Gesellschaft macht laut den kantonalen Polizeidirektoren eine personelle Aufstockung der Korps notwendig. Mehr...

«Viele der Täter stammen aus Rumänien oder Nordafrika»

Die Grenzwache unterstützt die Polizei im Kampf gegen Diebesbanden. Bei Zollkontrollen wird immer wieder Diebesgut gefunden, das ins Ausland gebracht werden sollte. Mehr...

Einbrecher werden immer dreister

Die Einbruchszahlen in der Nordwestschweiz erreichen neuen Rekord. Die basel-städtische Politik scheint das Thema jedoch kaum ernst zu nehmen. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...