Lusche Makler machen Terror

Aggressive Anrufer eines fiktiven Gesundheitszentrums beschimpfen Versicherte. Nun schaltet sich Santésuisse ein, doch die Ermittlungen gestalten sich schwierig.

Krankenkassenwechsel? Die Versicherungsmakler sind am Telefon häufig ruppig und gehen aggressiv vor.

Krankenkassenwechsel? Die Versicherungsmakler sind am Telefon häufig ruppig und gehen aggressiv vor. Bild: Keystone

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Er sei von der Gesundheitszentrale Schweiz, sagt der Mann am Telefon. Er spricht Hochdeutsch. Ohne die Gelegenheit zu geben, dass sein Gesprächspartner etwas erwidert, fährt er fort und fragt nach dem Namen der Krankenkasse. Wie hoch die Prämie sei, will er noch wissen. Als der Angerufene sich weigert, die Angaben zu machen, wird dieser ungeduldig und ungehalten. «Ich kann wirklich nicht verstehen, dass Sie kein Interesse daran haben, weniger zu zahlen. Sie müssen wirklich ziemlich naiv sein», sagt er.

In letzter Zeit häufen sich in der Region Anrufe von aufdringlichen Maklern, die Versicherte zu einem Wechsel der Krankenkasse bewegen möchten. Sie geben sich als Mitarbeiter der Gesundheitszentrale Schweiz aus, die im Auftrag «aller Krankenkassen» handle. Ihr Umgangston ist ruppig und sie sind äusserst aggressiv. Bricht jemand das Gespräch ab, wird er häufig erneut angerufen und durchaus auch mal bedroht: «Ich komme zu dir nach Hause und mache dich fertig.» In der Regel sprechen die Makler Hochdeutsch.

Eine entsprechende Internetseite des Unternehmens ist unter den Suchbegriffen Gesundheitszentrale und Gesundheitszentrum oder der angegebenen Nummer nicht zu finden. Dagegen gibt es auf Internetseiten wie unknownphone.com oder tellows.ch mehrere Einträge von Personen, die ihre Erfahrungen mit solchen Anbietern schildern.

Mehrere Internet-Einträge

Userin Laura berichtet etwa, dass der Hochdeutsch sprechende Anrufer sie als «Hure» bezeichnet habe, als sie nicht auf ihn eingehen wollte. «Ich finde so etwas untragbar und werde Anzeige erstatten», schreibt sie. Ein anderer Betroffener kommentiert: «Ich arbeite bei einer Krankenversicherung und habe durch ein paar Fragen schnell festgestellt, dass der Anrufer inkompetent ist. Er wurde immer unfreundlicher und hängte dann mit dem Kommentar ‹Du Fisch› auf.» Andere wiederum beschweren sich in den Foren darüber, dass sie trotz Sterneintrag im Telefonbuch immer wieder von solchen Anrufern belästigt werden.

Santésuisse, dem Branchenverband der schweizerischen Krankenversicherer, sind diese Fälle bestens bekannt. «Diese Makler geben behördenähnliche Bezeichnungen an oder verwenden Namen, die auf eine Verbindung mit Krankenversicherern oder gar dem Branchenverband hindeuten», sagt Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn. Damit wollten die Anrufer glaubwürdig und seriös erscheinen.

Verwischte Spuren

Seit August seien deutlich mehr Beschwerden von Versicherten eingegangen, sagt Rhyn. Wer telefonisch kontaktiert wurde für den Abschluss einer neuen Grund- oder Zusatzversicherungs-Police oder für den Wechsel der Krankenkasse, kann auf der Homepage von Santésuisse ein Online-Formular ausfüllen. Damit haben die Versicherten die Möglichkeit, einen allfälligen Verstoss gegen die Branchenvereinbarung zur Kundenwerbung im Bereich der Grundversicherung zu melden.

Santésuisse habe auf verschiedenen Ebenen versucht, die Anrufe zurückzuverfolgen, sagt Rhyn. Jedoch erfolglos. Auch habe bisher keine Verbindung mit einer bestimmten Kasse nachgewiesen werden können. «Wir haben schlicht keine Anhaltspunkte», sagt Rhyn.

Santésuisse wird aktiv

Im März wurde bereits ein Communiqué veröffentlicht, in dem Santésuisse vor «unseriösen Maklern und Vermittlern» warnte. Diese nützten den Prä­mien­streit zwischen den Kantonen aus, um die Versicherten unter falschem Vorwand zu behelligen, hiess es. In den nächsten Tagen soll ein weiteres Communiqué veröffentlicht werden.

Anders als etwa im Kanton Zug, wo die Polizei vor rund einem Jahr wegen diverser Meldungen aktiv wurde, sind weder im Baselbiet noch in Basel-Stadt bei der Polizei Beschwerden eingegangen. Im privaten Umfeld habe er aber schon mehrfach von solchen Anrufen gehört, sagt der Baselbieter Polizeisprecher Meinrad Stöcklin. Persönlich habe er mehrere Anrufe von «einem Hochdeutsch sprechenden, aggressiven und frechen Mann» erhalten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.09.2013, 07:01 Uhr

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