Personenunfall

Der ehemalige SBB-CEO Benedikt Weibel spricht über Schienensuizide und die Belastung für die Lokführer. Die Psychiatrie Baselland nennt erstmals Zahlen.

Hohe Überlebensquote: Im 2013 war fast jeder dritte Schienensuizidversuch nicht erfolgreich.

Hohe Überlebensquote: Im 2013 war fast jeder dritte Schienensuizidversuch nicht erfolgreich. Bild: Keystone

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Erst vor wenigen Wochen sass Benedikt Weibel in der Bahn von Bern nach Thun. Bei Uttingen stoppte der Zug, «Personenunfall», hiess es in der Durchsage. Mit 35 Minuten Verspätung traf der langjährige CEO der SBB schliesslich am Ziel ein. Natürlich habe er sich geärgert. «Doch meine Gedanken drehen sich in diesem Moment vor allem um die Person, die sich das Leben nahm.»

Der Schienensuizid begleitet Weibel auch beruflich seit Jahrzehnten. Schon als er 1993 zum SBB-Chef aufgestiegen war, sei das Tabuthema intern «immer präsent» gewesen. Die Fahrgäste wurden damals nicht darüber informiert, wenn sich jemand auf den Schienen das Leben nahm. Die Vorfälle wurden in der Öffentlichkeit totgeschwiegen. «Zu dieser Zeit gab es zudem ein Gentlemen’s Agreement zwischen den Medien und den SBB: Über Todesfälle auf den Schienen wurde generell nicht berichtet.» In den Richtlinien des Schweizer Presserats werden die Journalisten zu grosser Zurückhaltung ermahnt. «Im Normalfall besteht kein öffentliches Interesse, darüber zu berichten, obwohl es viele Betroffene beschäftigt», findet Weibel.

Bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt als CEO kam es Ende April 1994 zu einem Schienensuizid, der zum Bruch des Gentlemen’s Agreement führte und später zu einer neuen Kommunikationspolitik der SBB: Kurt Meier, der frühere Generaldirektor der Berner Kantonalbank, legte sich vor einen Regionalzug. Er war wegen ungetreuer Geschäftsführung angeklagt worden, im Zusammenhang mit dem Konkurs des Finanzspekulanten Werner K. Rey. «Plötzlich war der Schienensuizid kein Tabuthema mehr. Die Polizei informierte aktiv über den Fall», erinnert sich Weibel. Es ­wurden erstmals Details eines solchen Vorfalls öf­fentlich bekannt: Wie Meier vorging, die Reaktion des Lokführers, der im Schock einige Hundert Meter zum nächsten Bahnhof lief und dass der Bankier einen Abschiedsbrief in seinem grauen Audi hinterliess, den er in der Nähe des Unfallortes abgestellt hatte.

Das Gentlemen’s Agreement wurde ab diesem Vorfall seitens der Medien zunehmend gebrochen, sagt Weibel. Vermehrt und detaillierter wurde über den Tod auf Schienen berichtet. Später wurde ein Schienensuizid den Fahrgästen als «Störung» verschleiert.

Bis zu Kurt Meiers Tod war der Schienensuizid bei den SBB weder in der Ausbildung der Lokführer ein spezielles Thema, noch hat es spezielle Strukturen für die psychologische Betreuung der betroffenen Mitarbeiter gegeben. «Wir haben in der Folge ein solches System eingeführt», sagt ­Weibel. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Lokführer in der Schweiz mehrmals mit einem Schienensuizid konfrontiert wird, sei sehr gross. Leider sei nun eine diesbezügliche Eignungsprüfung Bestandteil der Ausbildung geworden.

«Eindeutige Zunahme»

Auf dem 3000 Kilometer langen Schienennetz in der Schweiz ereignen sich gemäss Angaben der SBB durchschnittlich 14 bis 15 Suizide pro Monat, das macht etwa 180 pro Jahr. Hans Vogt, Leiter Sicherheit und Qualität bei den SBB, gab kürzlich die jüngsten Entwicklungen bekannt: Die Anzahl Schienensuizide sei von 90 im Jahr 2003 auf 140 im 2014 angestiegen. Dazu kamen 90 versuchte Schienensuizide. «Es gab in den letzten Jahren eine eindeutige Zunahme, tödliche Unfälle sind genau rapportiert», bestätigt Thomas Reisch, Suizidforscher und Ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen.

Der Baselbieter Kantonshauptort Liestal wird aufgrund der Nähe der Psychiatrischen Klinik Baselland (PBL) zu den Bahngleisen von vielen direkt mit Schienensuiziden in Verbindung gebracht. Erstmals nennt die Institution nun Zahlen: «Seit 2010 waren es insgesamt drei unserer in der Klinik behandelten Patienten, die sich auf Bahngleisen das Leben genommen haben», sagt Joachim Küchenhoff, Direktor der Erwachsenenpsychiatrie der PBL. Das sei schlimm genug, aber berechtige nicht, die PBL und Bahnsuizide miteinander zu verknüpfen. «Wir sind mit dem Thema befasst, aber – und das ist gut so – nicht in besonderer Weise.» Weiter wollte sich die PBL nicht dazu äussern. Der letzte publik gewordene Suizid am Liestaler Bahnhof war im März 2012.

Inwiefern die Wahl der Suizidmethode der PBL-Patienten mit der Nähe zum Bahnhof zusammenhängt, ist kaum überprüfbar. Im Durchschnitt kommen auf 1000 Eintritte in einer psychiatrischen Klinik 0,6 bis 1,5 Suizide pro Jahr, sagt Reisch. Bei einem jährlichen Durchschnitt von etwa 2000 stationären Eintritten (Kinder- und Erwachsenenpsychiatrie) der letzten Jahre liegt die PBL also im Durchschnitt.

Während Weibels Amtszeit habe man bei den SBB grosse Anstrengungen unternommen, um Regelmässigkeiten bei den Schienensuiziden zu finden. «Wir haben jegliche Unfallorte und Zeitpunkte statistisch ausgewertet. Doch wir haben nichts herausgefunden. Es gibt schlicht kein Muster.» Und zwar weder Tages- noch Jahreszeiten.

Wer nach den Gründen für die Zunahme der Schienensuizide sucht, findet kaum Antworten. Wichtigstes Kriterium bei der Wahl der Methode sei die Verfügbarkeit, sagt Thomas Reisch. Bahnhöfe und Gleise seien offen zugänglich. Danach spiele die Effektivität eine Rolle, drittes Kriterium sei die Schnelligkeit des Todes.

Der Suizid auf den Gleisen werde als effektiv angesehen. Darum sei er eine oft gewählte Methode. «Das ist jedoch ein Irrtum, dies belegen Statistiken: Die Überlebensrate beim Schienensuizid liegt bei 15 Prozent, wenn man diejenigen Personen dazunimmt, die davon abgehalten werden konnten, sogar noch höher.» Die Zahlen von 2013 zeigen eine noch höhere Überlebensquote: Von 187 Versuchen, das Leben auf den Schienen zu beenden, misslangen deren 67, was etwa einem Drittel entspricht. Bahnsuizide fordern invalidisierte und traumatisierte Menschen, hält Reisch fest.

Anstieg nach Medienberichten

Die Anzahl Bahnsuizide gehe mit der Menge beförderter Personen einher, sagt Reisch. Dies lasse sich statistisch nachweisen. Inwiefern die Kommunikation der Personenunfälle einen Einfluss hat, ist nur teilweise geklärt. Es wurde beispielsweise noch nie untersucht, ob die Art der Information der Bahngesellschaft Auswirkungen hat auf die Anzahl Bahnsuizide. «Sehr wohl aber die Berichterstattung über Schienensuizide in den Medien», sagt Reisch. Er nennt dafür zwei Beispiele aus Deutschland. In einer ZDF-Sendung zum Thema wurde ein fiktiver Schienensuizid gezeigt. Der Anstieg der Todesfälle aufgrund dieser Sendung ist wissenschaftlich belegt. «Nach den Berichterstattungen über den Schienentod des deutschen Torhüters Robert Enke gab es ebenfalls einen deutlichen Anstieg von Bahnsuiziden in Deutschland.» Untersuchungen zeigen, dass sich Suizidgefährdete für diese Methode entscheiden, weil sie von Bekannten davon gehört haben oder diese sogar denselben Weg gingen, sagt Reisch.

Der Männer-Mythos

Es sei sehr schwierig, sich in einen Menschen mit Suizidgedanken hinein- zuversetzen, so der Münsinger Psychiatrie-Direktor. «Sie stellen das Denken an Mitmenschen und Umfeld ab. Im Zentrum steht nur noch ihr psychischer Schmerz. Darum können wir den Entscheid, sich vor einen Zug zu legen, kaum nachvollziehen.» Öfter seien junge Menschen davon betroffen. Dies liesse sich unter anderem damit erklären, dass das Sozialbewusstsein im Alter steige. «Die Option Schienen­suizid wird daher weniger zum Thema, weil die betroffene Person andere nicht in ihr Leid hineinziehen möchte.» Die Behauptung, dass fast nur Männer diese Methode wählen, sei ein Mythos: Das Geschlechterverhältnis betrage 60 zu 40, also lediglich eine leichte Mehrheit der Männer, stellt Reisch klar.

Wie sehr die Bahngesellschaften mit Selbsttötungen hadern, zeigt die fast unbeholfene Praxisänderung der französischen Staatsbahn SNCF. In den 1990er-Jahren beschloss diese, nach einem Personenunfall auf Metro-Bahnstrecken einfach weiterzufahren, diesen also zu ignorieren. Der öffentliche Protest war so heftig, dass diese Praxis schnell wieder eingestellt wurde.

«Es gibt keinen Königsweg», sagt Benedikt Weibel. Es gebe den stetigen Zielkonflikt zwischen Transparenz und Verhinderung des Nachahmereffekts. Die aktuelle Handhabung, von einem «Personenunfall» zu sprechen und in den Medien mit grösster Zurückhaltung darüber zu berichten, hält er darum für einen guten Kompromiss. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.06.2015, 14:04 Uhr

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