«Schappo»-Gewinner von der Kesb abserviert

Wie Albert Godelmann die Fürsorge für seine Lebensgefährtin und seinen Lebenssinn verlor. Trotz preisgekröntem Engagements durfte er plötzlich nicht mehr helfen. Ein Kampf gegen den Entscheid der Kesb sei chancenlos.

Aus dem Rennen: Schappo-Pin-Träger Albert Godelmann darf nicht mehr für seine Lebensgefährtin sorgen, wie die Kesb Leimental verfügt hat.

Aus dem Rennen: Schappo-Pin-Träger Albert Godelmann darf nicht mehr für seine Lebensgefährtin sorgen, wie die Kesb Leimental verfügt hat. Bild: Nicole Pont

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Über ein Jahrzehnt lang hat sich Albert Godelmann für seine Lebensgefährtin, die er über ein Inserat kennenlernte, eingesetzt und alles für sie getan. Aber nach einer Einweisung ins Alters- und Pflegeheim Schlossacker in Binningen hat sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) im Leimental ins Spiel gebracht. Godelmanns noch bis vor einem Jahr vom Staat gelobte und preisgekrönte Pflege ist heute unerwünscht.

Die Geschichte von Albert Godelmann und seiner Lebensgefährtin ist die Geschichte über die amtlichen Nebenwirkungen der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde und die Folgen eines Systemwechsels vom Primat der privaten Pflege zum Primat der staatlichen Fürsorge, wo nicht die Wünsche der Betroffenen zwangsläufig mitberücksichtigt werden müssen, sondern wo Staatsexperten nach ihrem Ermessen über das Leben anderer entscheiden. Das verursacht vor allem eines: Kosten.

Geschätzte Nachbarhilfe

Albert Godelmann ist mit seinen 89 Jahren schon ins hohe Alter ge­­kommen. Wenn er mit seiner roten, etwas schmuddeligen Kommissions­tasche unterwegs zum Binninger Alters- und Pflegeheim ist und wenn man dann sein Bein durch die aufgerissenen Jeans blitzen sieht, könnte man den Eindruck gewinnen, es wäre gut, Herr Godelmann selber würde etwas Unterstützung erhalten. Der erste Eindruck aber täuscht. Der Mann ist hellwach, führt seinen eigenen Haushalt in der Stadt und greift seinen Zeitgenossen unter die Arme, wo er Bedarf sieht – im Garten, in der Küche, beim Finanziellen. «Ich war Ingenieur bei der Regent Beleuchtungskörper AG, wohlgemerkt, und habe mein Leben lang mit meiner Arbeit den Leuten geholfen.»

Für sein langjähriges Engagement hat Albert Godelmann im vergangenen Jahr sogar einen Schappo-Pin erhalten. Er hat gekocht, gewaschen, die Steuern erledigt – einfach alles unternommen, was es brauchte, um «meiner Freundin» nach einem Schlaganfall den Verbleib in der Wohnung zu ermöglichen. «Mit ‹Chapeau!› drücken wir aus, dass wir vor jemandem den Hut ziehen, dessen Engagement uns begeistert», schrieb Projektleiterin Michelle Bachmann vom Präsidialdepartement Basel-Stadt, als sie im Oktober 2014 Godelmann für seinen selbstlosen Einsatz auszeichnete.

«Er hat mir erhebliche Altersheimkosten erspart», gab die Lebensgefährtin gegenüber den Behörden zu Protokoll. Und ihr Wunsch war es, nach dem dritten Schlaganfall, als die Einweisung ins Altersheim unausweichlich wurde, von Albert Godelmann betreut zu werden. Ihr Freund hätte nicht nur fürs Finanzielle sorgen sollen, sondern genau auch auf jene kleinen Dinge achten, die ein Leben im Altersheim erträglich machen: Zum Beispiel, dass die drei Handseifen – eine gewöhnliche, eine Luxseife und eine Sonntagsseife – zum Einsatz kommen. Als aber die Pfleger vom Schlossacker offenbar lieber Seifenspender einsetzten, intervenierte Godelmann – «nachdem meine Freundin einen Hautausschlag zeigte». Und er intervenierte auch, als die «Gütterli» in der Rechnung aufgeführt wurden. «Sie haben die Seifen wieder von der Rechnung abgezogen, die Handseifen blieben gleichwohl unbenutzt», be­merkt der 89-Jährige.

Godelmann plötzlich eine Gefahr

Vielleicht hat Godelmann einmal zu viel reklamiert, vielleicht war die Bemerkung zu viel, er wisse nicht, wie lange er das machen könne. Jedenfalls sah sich das Pflegeteam auf dem Wohnbereich 5 veranlasst, eine Gefährdungsmeldung abzusetzen und das Thema «Beistandschaft» bei der Kesb anzusprechen. Als Godelmann sich zur Wehr setzte, lud die Bewohneradministration des «Schloss­ackers» zum Gespräch und fasste folgende Punkte zusammen: Es habe sich um keine ernsthaften Bedenken gehandelt. Die Meldung sei in keiner bösen Absicht erfolgt, nur zum Schutz der Frau. Man hielt fest: «Herr Godelmann kümmert sich sehr engagiert und pflichtbewusst um die Frau und es gab keinerlei Beanstandungen hinsichtlich seiner Betreuung.» Und dann begründete das Heim: «Es ist unsere Pflicht, sofern keine Angehörigen und offizielle Beistände bestehen, den Sachververhalt bei der Kesb zu melden.»

Indessen macht sich die beauftragte Kesb unverzichtbar: Ausführlich be­schäf­tigt sich die Behörde damit, wie Godelmann den Haushalt aufgelöst hat, als sich zeigte, dass die Lebensgefährtin nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren kann. Zwar hat Godelmann Wertvolles gesichert – «Schwarzwald-Dittis», Fotoalben, ein Radio-­Tischchen. Aber andere Dinge, welche die Brockenstube als unverkäuflich erachtete, landete in der Mulde.

Aussichtsloser Kampf gegen Kesb

Dieser Trennungsschmerz hat der Freundin die Tränen in die Augen getrieben, wie die Kesb festhält und legt es Godelmann zur Last. Selbstverständlich ist nicht notiert, wie eine staatlich ernannte Beiständin einen solchen Haushalt anders aufgelöst hätte. Aber Godelmann ist nun aus dem Rennen.

Für den Betagten brach eine Welt zusammen. «Die Frage, was ich falsch gemacht habe, nagt ununterbrochen an meiner Seele. Ich bekomme es fast nicht mehr aus dem Kopf», sagt er verzweifelt. Sein grosser Wunsch ist es, die Kesb möge auf den Entscheid zurückkommen. «Das ist alles in meinem Leben.» Ein Pfarrer von der Theodorskirche hat ihm geholfen, eine Beschwerde ans Kantonsgericht zu formulieren. Anwälte haben ihm gesagt, ein Kampf gegen die Kesb sei aussichtslos.

Kosten trägt die Frau

Während Albert Godelmann über ein Jahrzehnt lang seine Lebensgefährtin unentgeltlich betreute, hat die Kesb Leimental zuerst einmal mit Gebühren zugeschlagen: «Die Verfahrenskosten der Kesb Leimental werden mit CHF 770.00 festgelegt und gehen zu Lasten der Frau», heisst es in der Verfügung. Die eingesetzte Beiständin darf für «Einkommens- und Vermögensverwaltung» alle zwei Jahre 500 bis 3000 Franken verlangen, für « persönliche Betreuung» weitere 500 bis 3000 Franken und für die «Amtsführung» ausserhalb der beiden genannten Sachgebiete weitere 2200 bis 5000 Franken.

Stefan Gollonitsch, Leiter der Kesb Leimental, sagt: «Wer solche Kosten bezahlen muss, ist eine politische Frage.» Nicht in allen Kantonen ist es gleich gelöst. Im Kanton Solothurn seien nur ein Bruchteil solcher Leistungen kostenpflichtig. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.08.2015, 12:23 Uhr

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