Steinwüsten erobern das Baselbiet

Schotterlandschaften statt blühende Gärten gehören in den Gemeinden immer mehr zum Ortsbild. Für Naturschützer ist das keine erfreuliche Entwicklung.

Vermeintlich pflegeleicht: Dass Steingärten wenig Arbeit mit sich bringen, ist laut Experten ein Trugschluss

Vermeintlich pflegeleicht: Dass Steingärten wenig Arbeit mit sich bringen, ist laut Experten ein Trugschluss Bild: Daniel Aenishänslin

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Ein Spaziergang durch Baselbieter Gemeinden kann sehr aufschlussreich sein. Beispielsweise durch Pratteln. Für Durchreisende nur ein riesiges Dorf mit viel Industrie und inzwischen einer Skyline. Aber Pratteln kann auch anders. In den Quartieren zeigt sich ein ganz anderes Bild. Da lässt es sich leben. Herrschaftliche, gemütliche, moderne und traditionelle Liegenschaften wechseln sich ab. Ein majestätischer Magnolienbaum in der Schauenburgerstrasse lässt den Frühling hochleben.

Doch es gibt auch andere Gärten. Ob in Pratteln, Arlesheim oder Münchenstein – mit Steinen überzogene Gartenflächen scheiden die Geister: Schotterlandschaften.

Während Pro Natura einen Trend hin zu mehr Stein im Garten registriert, sieht es Luzius Gschwind, Mediensprecher des Verbands Gärtnermeister beider Basel, genau gegenteilig: «Dieser Trend ist am abflachen. Dafür gibt es eine starke Entwicklung hin zu mehr Pflanzen, Natur und Bio.» Die vielen Steine im Garten hätten ihren Ursprung in der Hoffnung, möglichst wenig Pflegeaufwand betreiben zu müssen. Auch würden sich «vertiefte Fachkenntnisse» erübrigen. Mit den Jahren relativiere sich allerdings die Freude am pflegeleichten Umgang. «Es ist äusserst mühsam, eine Schotterfläche zu entlauben oder zu jäten», erklärt Gschwind.

Die Kettenreaktion

«Steine im Garten machen Sinn, wenn sie als Lebensraumelement verwendet werden und nicht, um alles Leben zu verhindern», sagt Andrea Haslinger. Die Projektleiterin «Schutzgebiete und Artenförderung im Siedlungsraum» von Pro Natura verweist etwa auf Trockensteinmauern, die vielen Reptilien als Unterschlupf dienen. Wichtig sei jedoch, dass auf regionale Steine zurückgegriffen werde. Nicht nur, weil ein Transport von Steinen aus China nach Europa unnötig Energie verbrauche. «Steine aus anderen Regionen wirken sich auf den Boden aus, der sich wiederum auf Flora und Fauna auswirkt», beschreibt Haslinger die Kettenreaktion.

Luzius Gschwind differenziert. Gehe es um Natursteinkies, seien einheimische Steine wie etwa Maggiakies «gängiger und günstiger». Das treffe auch auf europäische Kiesarten wie den Schwarzwaldgranitschotter zu. Dagegen seien die Natursteinplatten der Konkurrenz aus China oder Indien «optisch und preislich attraktiv». Allerdings verwende Gschwinds Betrieb aus «ökologischen und ethischen» Gründen lieber einheimische oder zumindest europäische Natursteine. Kein Verständnis bringt Gschwind, selbst Mitinhaber der Alabor Gartenbau, für Firmen auf, die sich in der Eigenwerbung als ökologisch und nachhaltig bezeichnen, die Grünflächen an ihrem Firmensitz jedoch in Schotterflächen verwandeln. «Für das Image einer Firma ist heute eine ökologisch wertvolle und optisch attraktive Bepflanzung ein Muss.»

Lieber eine Wohnung suchen

Mit den passenden Steinen könne der Rohboden simuliert werden. Darauf siedeln sich spezialisierte heimische Pflanzen an, welche der regionalen Fauna dienen. Andrea Haslinger spricht von einem «minimen ökologischen Wert, wenn zwischen exotischen Steinen exotische Pflanzen gesetzt werden, mit denen unsere Schmetterlinge nichts anfangen können.» Nicht förderlich für die Biodiversität sei es, Schotter in einheitlicher Korngrösse zu verwenden, der auf einer Folie über der mit Pestiziden behandelten Vegetation liege. «In diesem Umfeld keimt bestimmt kein Samen mehr.»

Gschwind rät aus «ökologischen, klimatischen und ästhetischen» Gründen ab von Schotterwüsten. Wer keine Gartenarbeit mag, solle sich eher für eine Wohnung mit Terrasse interessieren. Sollte ein Kunde unbedingt ein Kiesbeet favorisieren, empfehle er eine Aufwertung der Fläche mit «standortangepassten Gehölzen und Stauden». Zudem biete eine richtig zusammengestellte Bepflanzung Abwechslung über das ganze Jahr hinweg.

Angenehmes Klima

Es sei immer die ausgewogene Mischung, die einen Garten ausmache, sagt Luzius Gschwind. Eine «Steinwüste» ohne Pflanzen heize sich in der warmen Jahreszeit stark auf, weshalb sie keine Aufenthaltsqualität biete. «Erst die Pflanzen schaffen ein angenehmes Klima und eine stimmige Atmosphäre.» Vielleicht würde dem auch der majestätische Magnolienbaum in Prattelns Schauenburgerstrasse zustimmen. Er hat schon viele Jahreszeiten ausserhalb modischer Steinwüsten gesehen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.04.2017, 10:35 Uhr

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