Vertrauensverlust und unklare Strategie

Die tiefen Patientenzahlen beim Bruderholzspital beunruhigen Politiker. Die alarmierende Entwicklung bestätigt die Kritiker in ihrer Überzeugung, dass der Standort keine Zukunft hat.

Wie lange brennen die Lichter noch? Die veraltetet Infrastruktur und die tiefen Patientenzahlen beunruhigen Politiker.

Wie lange brennen die Lichter noch? Die veraltetet Infrastruktur und die tiefen Patientenzahlen beunruhigen Politiker. Bild: Pino Covino

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Kaum hat Gesundheitsdirektor Thomas Weber (SVP) die neue Eigen­tümerstrategie des Kantonsspitals Baselland (KSBL) vorgestellt, gerät das in die Selbstständigkeit entlassene Unternehmen unter Druck. Die Zahlen, welche das SRF-«Regionaljournal» diese Woche öffentlich machte, zeugen von einer Abwanderungswelle am Standort Bruderholz: In der Orthopädie gingen die Patientenzahlen von 2012 bis 2014 um 38,6 Prozent zurück, bei der Frauen­klinik beträgt der Rückgang für denselben Zeitraum 11,8 Prozent. Die alarmierende Entwicklung ist teilweise auch das Ergebnis einer Hochrechnung: Für die Monate Juni bis Dezember 2014, für die noch keine Daten vorliegen, wurde eine Schätzung vorgenommen.

Der Bericht des «Regionaljournals» wirft einmal mehr das Bruderholzspital in ein schlechtes Licht und bestätigt die Kritiker in ihrer Überzeugung, dass der Standort keine Zukunft hat. So kommt für den Zürcher Gesundheitsökonomen Willy Oggier der Einbruch der Patientenzahlen bei Orthopädie und Frauen­klinik nicht überraschend. Dafür sei aber nicht in erster Linie die veraltete Infrastruktur verantwortlich.

Abgang einer Koryphäe

Infrastruktur stelle nämlich nur einen und in der Regel auch nicht den wichtigsten Faktor dar. Dieser liege vielmehr bei den Ärzten und deren Kompetenzen. So sei das Bruderholzspital nicht auf den Abgang des Orthopädie-Chefarztes Niklaus F. Friederich, einer Koryphäe, vorbereitet gewesen.

Bei der Frauenklinik sieht Oggier den Chefarzt David Hänggi in der Verantwortung. Angesichts des Patientenschwunds könne man sich tatsächlich fragen, ob es richtig gewesen sei, diesen wieder zurückzuholen statt mit einer neuen Kraft durchzustarten.

Für die Zukunft des Bruderholz­spitals sieht Oggier unter diesen Umständen schwarz: «Wenn das Bruderholzspital die Orthopädie und die Geburtshilfe/Gynäkologie nicht zum Fliegen bringt, was ist denn seine Existenz­berechtigung? Sicher nicht die hoch­spezialisierte Medizin.» Der Gesundheitsökonom weist zudem auf die regionale Konkurrenzsituation in diesen zwei Gebieten hin.

KSBL sieht «Trendwende»

Jürg Aebi, CEO des KSBL, ärgert sich über den Wirbel, der aufgrund der Berichterstattung entstanden ist. Der Spitaldirektor betont, dass seit diesem September die Patientenzahlen im Bereich Orthopädie und Frauenklinik wieder «deutlich» zunehmen. Im 2013 hätten vier leitende Ärzte das Bruderholz verlassen. Das habe die Statistik nach unten gedrückt. «Wir konnten aber im Sommer 2014 sämtliche Kaderstellen wieder besetzen, sodass ab ­September die Zahlen wieder gestiegen sind. Unter dem Strich kann man sagen, dass sich 2014 die Situation stabilisiert hat und wir wieder aufholen. Man kann also von einer Trendwende sprechen», sagt Aebi. Doch die Herbst- und Wintermonate reichen nicht aus, um das Jahres­ergebnis zu retten. Bis Ende 2014 schliesse das KSBL insgesamt mit Patientenzahlen, die leicht unter dem Vorjahr liegen, ab. «Im Bereich Orthopädie liegen wir im Moment mit 7,2 Prozent hinter dem Vorjahr», sagt Aebi.

Für die Landrätin und Baselbieter SP-Präsidentin Pia Fankhauser, Mitglied der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission (VGK), ist es nicht verwunderlich, dass es beim Bruderholz in den vergangenen Jahren zu einer schmerzvollen Abwanderung gekommen ist. Die Politikerin, die beruflich als Physiotherapeutin tätig ist, spricht von einem Vertrauensverlust bei Bevölkerung und den zuweisenden Ärzten. Der Ruf habe stark gelitten.

«Alles ist offen und unklar. Es fehlt eine klare Strategie. Auf diese Weise wird es natürlich extrem schwierig, Ärzte und Personal zu halten. Und wer will schon an einen Ort wechseln, wo Unsicherheit herrscht?», sagt Fankhauser. Für die SP-Politikerin rächt sich nun der Entscheid, nicht gemeinsam mit den Städtern auf dem Bruderholz ein Geriatriezentrum zu betreiben. Es war der inzwischen verstorbene Regierungsrat Peter Zwick, der das Projekt 2012 aus Spargründen gekippt hatte.

Kaum Informationen

Fankhauser ist überzeugt, dass das KSBL beim Bruderholz auf die Reha von älteren und chronisch kranken Menschen setzen sollte. «In diesem Bereich ist der Bedarf riesig.» Doch statt abzuklären, wo tatsächlich Nachfrage bestehe, werde immer nur über den Bau gesprochen. «Mir fehlt das Interesse an der Medizin. Man führt Spitäler, die man am liebsten gar nicht hätte.»

Auch Wirtschaftskammer-Direktor Christoph Buser, Vizepräsident der VGK, bemängelt, dass kaum Informationen über die künftige Ausrichtung vorhanden sind. «Wir hören in der Kommission nicht mehr, als wir aus den Medien erfahren. Gleichzeitig brodelt die Gerüchteküche.» Gemäss der neuen Eignerstrategie könne das KSBL Kooperationen eingehen. «Was das genau bedeutet, wird jedoch nicht ausgeführt», stellt Buser fest. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.12.2014, 09:56 Uhr

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Die Patientenzahl im Bruderholzspital ist rückläufig, die Infrastruktur veraltet. Soll das Bruderholz­spital geschlossen werden?

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