Wohnen über der Autobahn

Wohnraum wird immer knapper. Grünflächen jedoch auch. Der grünliberale Landrat Hans Furer fordert daher eine Überbauung beim Schweizerhalle-Tunnel.

Wohnraum für rund 5500 Personen: Das Projekt des Zürcher Architekten Claude Schelling für den Autobahnabschnitt zwischen Aubrugg und dem Glattzentrum. Etwas Ähnliches wäre auch im Baselbiet möglich.

Wohnraum für rund 5500 Personen: Das Projekt des Zürcher Architekten Claude Schelling für den Autobahnabschnitt zwischen Aubrugg und dem Glattzentrum. Etwas Ähnliches wäre auch im Baselbiet möglich.

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Eine lang gezogene Wohn- und Arbeitsüberbauung auf beiden Seiten des verlängerten Tunnels Schweizerhalle über der Autobahn A2? Im ersten Augenblick eine verrückte Idee. Nicht so für den grünliberalen Landrat Hans Furer aus Bottmingen. Gebetsmühlenartig werde von der Wirtschaft verlangt, bisher freie Flächen einzuzonen, um mit neuem Industrieland zusätzliche Firmen zu akquirieren.

«Ich möchte aber Flächen, die noch unbebaut sind, möglichst unbebaut lassen», sagt Furer. Bauten über Autobahnen könnten da Abhilfe schaffen. Der Druck auf den Boden der Agglomera­tion Basel wird in Zukunft weiter zunehmen. Aktuell leben rund 275'000 Menschen im Baselbiet. Schätzungen des Kantons zeigen, dass es 2035 zwischen 293'000 und 312'000 sein werden. Doch wohin mit all diesen Menschen und wo sollen sie arbeiten?

Projekt in der Region Zürich

Der Zürcher Architekt Claude Schelling entwickelte ein Projekt für den Autobahnabschnitt zwischen Aubrugg und dem Glattzentrum auf Walliseller Boden. Über der Fahrspur entstünde Wohnraum für rund 5500 Personen. Dazu kämen Büros, Läden, Gewerbenutzungen und ein Schulhaus. Gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung» zeigte sich Schelling überzeugt davon, dass die Luft- und die Lärmbelastung weitgehend verschwinden würden und die Umgebung um den Autobahnabschnitt stark aufgewertet würde.

Besitzer der Nationalstrassen in der Schweiz ist das Bundesamt für Strassen (Astra). Dieses hat laut Schelling bereits Zustimmung signalisiert. Auch Investoren seien schon in Sicht. Der Zürcher Architekt würde bei seinem Projekt nach Minergie-P-Standard bauen, die Abluft der Autobahn filtern und als Wärmequelle nutzen. Die weniger attraktiven Lagen an den Tunnelenden würden Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben vorbehalten.

Vom Vorschlag Schellings begeistert, reichte Landrat Hans Furer ein Postulat ein. Darin fordert er den Regierungsrat auf, mittels Machbarkeitsstudie zu prüfen, ob für den Kanton Baselland solche Überbauungen möglich und sinnvoll sind. Dazu sollen laut Furer auch Experten beigezogen werden.

«Ich bin überzeugt, dass sich für ein solches Grossprojekt auch Investoren finden würden», sagt Furer und denkt dabei vor allem an die grossen Firmen in Basel und im Gebiet Schweizerhalle, die immer wieder Arbeitnehmer aus dem Ausland einstellen und für diese Wohnraum brauchen.

Nahe bei Natur und Arbeitsorten

Konkret sind die Vorstellungen von Landrat Furer noch nicht. «Es muss beispielsweise abgeklärt werden, wie hoch die Bodenpreise wären.» Von der Nutzung her hat er sich aber schon einige Gedanken gemacht: «Auf der Schweizerhalle-Tunnelseite in Richtung Basel könnte ich mir Wohnungen vorstellen, die gegen Nordosten vom Hardwald und gegen Südwesten von den Bahngleisen eingegrenzt wären. Die Nähe zur Natur und möglichen Arbeitsplätzen würde die Wohnungen stark aufwerten.»

Die andere Tunnelseite sieht Furer als ideal für ein Gewerbegebiet an. «Generell bin ich der Meinung, dass man Wohnenund Arbeiten näher zusammenbringen sollte», regt er künftige Wohn- und Arbeitsentwicklungen an. Es sei ein Wahnsinn, wie viele Pendler tagtäglich in der Region Basel unterwegs seien.

Wie es gemacht werden könnte, hat Berlin in den 1970er-Jahren gezeigt. Die Autobahnüberbauung Schlangenbader Strasse ist 600 Meter lang und bietet Platz für über 2200 Wohneinheiten. Diese entstanden aufgrund der schlechten Wohnraumsituation im damals isolierten West-Berlin.

Unterstützung erhält Furer vom grünen Landrat Philipp Schoch. Der Prattler schlug schon 2010 mittels Postulat eine Überdachung der Autobahn im Gebiet Salina Raurica vor. So könnte das neue Gewerbegebiet künftig besser an die Gemeinde Pratteln angebunden werden. «Der Boden ist ein knappes Gut in der Schweiz. Jeder mehrfach genutzte Boden ist dabei wesentlich», sagt Schoch. Das Postulat wurde klar verworfen. «Zu teuer und die Not ist noch zu klein», hiess es damals von der Gegenseite. Druck auf Boden gross genug?

Für Schoch wäre das Gebiet vor dem Schweizerhalle-Tunnel auf Liestaler Seite ideal für eine derartige Überbauung: «Die Autobahn verläuft unterhalb einer Hangkante. Die neue Überbauung könnte man auf gleichem Niveau wie die Ebene des Siedlungsgebietes bauen und so beides miteinander verbinden.»

Sehr optimistisch ist Schoch bezüglich Furers Vorstoss jedoch nicht. «Es scheint, dass der Druck auf den Boden noch nicht gross genug ist.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.10.2012, 15:10 Uhr

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