Zwei Jahre Leiden auf Irrwegen der Beamten

Erstmals spricht Kevin darüber, warum die Behörde ihn als Zwölfjährigen in Handschellen abführen liess.

Mütterliche Besorgnis. Kevin zeigt seiner Mutter Handyaufnahmen, die dokumentieren, wie rabiat es im Heim zugeht.

Mütterliche Besorgnis. Kevin zeigt seiner Mutter Handyaufnahmen, die dokumentieren, wie rabiat es im Heim zugeht. Bild: Daniel Wahl

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Wohnung von Anna S*. ist schmuck, vielleicht etwas deutsch, gekachelt mit Wohnwand. Im Kinderzimmer steht noch immer dasselbe Bett unter demselben schwarz-weissen Überwurf, von dem aus Sohn Kevin* als Zwölfjähriger von der Polizei in Handschellen abgeführt worden ist. Nur stand dieses Bett damals in Oftringen und nicht wie heute in Diegten, wenige Meter abseits der langen Dorfstrasse.

Die entwürdigende Verhaftung des damaligen Primarschülers in Handschellen hat Aufsehen erregt. Wie muss ein Kind sich verhalten, um wie ein Verbrecher abgeführt zu werden? Die Zeitung Blick berichtete über das Vorgehen. Eine Antwort blieben die Behörden schon damals schuldig. Auf Anordnung der Kindes- und Erwachsenenschutz­behörde (Kesb) Gelterkinden darf nun Kevin nach einer zweijährigen Irrfahrt durch sechs Pflegestationen und einem Heim im Fricktal wieder nach Hause zu seiner Mutter. Erstmals sprechen der inzwischen 14-Jährige und seine Mutter abwechslungsweise über die Verhaftung, die ungehörten Hilferufe an die Behörden und darüber, wie der Knabe, der eigentlich in die achte Klasse käme, die Schule verpasst hat.

Kevins Geschichte gibt Einblick in das Handeln der Ämter und Behörden, die letztlich keine Verantwortung – weder eine juristische noch eine finanzielle – für ihre lang hinausgezögerten Entscheide übernehmen müssen. Der letzte Beistand – inzwischen der sechste – hat sein Mandat verloren. Auch der mitverantwortliche Gelterkinder Kesb-Leiter Reinhard Studer ist gegangen. Ihm wurde vorgeworfen, dass er den «Laden nicht im Griff» hatte. (BaZ vom 13. November 2014).

«Mein allerschönster Tag im Heim, in Effingen, wohin mich die Kesb platziert hat? Das ist der vergangene 18. Dezember. Zuerst hiess es, ich darf über Weihnachten wiederum nicht nach Hause gehen. Aber an diesem Tag kam eine Gruppenbetreuerin schon am Morgen zu mir und sagte, ich solle mal ins Büro gehen. Ein Kesb-Leiter erklärte mir, dass ich schon am nächsten Tag nach Hause darf. Im Sommer werde ich ganz nach Hause gehen, bis dahin jedes Wochenende und in den Ferien. Ausserdem darf ich die öffentliche Schule besuchen. Geweint habe ich nicht. Gelacht auch nicht. Eigentlich konnte ich es gar nicht glauben, denn alle meine Briefe, dass ich Heimweh habe und zu meiner Mami wollte, hatten der Beistand und Herr Studer von der Kesb in Gelterkinden nie beantwortet.»

«Ja, nicht mein Sohn, aber die Heimleitung hat mich angerufen. 21 Monate lang war Kevin nicht zu Hause. Dass er an Weihnachten temporär zurückkommen darf, war für mich wirklich Weihnachten, denn der Kontakt zu meinem Kind wurde reduziert. Es hiess, ich würde meinen Sohn gegen das Schulheim aufhetzen, was einfach eine infame Unterstellung war, damit man sich nicht mit mir und meiner Kritik am Behördenentscheid auseinanderzusetzten brauchte. Nur darum ging es. Vielleicht hat es genützt, dass ich von Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) im Bundeshaus empfangen wurde und sie sich eingeschaltet hat. Vielleicht haben auch die Briefe genützt, meine Beschwerden und der Gang an die Presse und an den Ombudsmann. Oder alles zusammen?»

«Damals, im März 2013, als entschieden war, dass ich zurück ins Erziehungsheim in Effingen muss, weil kein anderer Platz frei war, habe ich meinen Koffer wie verlangt zusammen mit Mami gepackt. Die Beiständin sollte mich abholen kommen. Es hiess, dass man die Polizei beiziehen werde, wenn ich nicht mitkommen wolle. So wartete ich an jenem Tag um 10 Uhr morgens abfahrbereit in meinem Zimmer, und trotzdem kam die Beiständin unerwartet mit zwei Polizisten. Ich bin mit meinem Koffer auf meinem Bett gesessen, als sie in mein Zimmer eintraten, und dann haben sie die Türe hinter sich zugeschlossen und mich gefragt, ob ich mitkommen wolle. Das wollte ich eigentlich nicht. Darum habe ich ihnen wahrheitsgemäss – «nein, ich möchte nicht nach Effingen» – geantwortet. «Dann müssen wir dich in Handschellen abführen», sagte einer der Polizisten. Weiter wurde nicht darüber geredet. Sie haben mir die Handschellen angelegt. Gewehrt habe ich mich nicht. Dann wurde ich in ihr Auto verfrachtet.»

«Ich durfte mich im Flur von meinem Sohn verabschieden und ihm seine Schuhe anziehen. Den einen Arm haben mir die Polizisten hinter meinem Rücken blockiert, mit dem anderen konnte ich Kevin umarmen und Tschüss sagen. Wohin er gebracht werden soll, wusste ich nicht. Ich konnte nicht glauben, dass das in der Schweiz immer noch möglich ist. Ich meine, es gab ja früher solche Geschichten mit den Verdingkindern.»

«Wohin sie mich bringen werden, haben sie mir dann im Auto erklärt: Es soll nicht direkt ins Heim gehen, sie wollen mich zuerst zu einer Pflegefamilie ins Emmental bringen. Auf einen Bauernhof im Auftrag vom Schulheim, wo ich arbeiten muss. Der Landwirt war wirklich ein netter Betreuer. Bei ihm hatte ich es nicht schlecht; es ging gut. Aber schon bald musste ich die Familie wechseln. Es hiess, dass er geeignet sei für schwierigere Junge, die man ihm anvertrauen wolle. Also musste ich weggehen und einem Schwererzieh­baren Platz machen. Innerhalb von ein paar Monaten kam ich immer wieder zu neuen Familien und schliesslich wieder zurück ins Schulheim nach Effingen.»

«Anfänglich durfte ich meinen Sohn sehen; es wurde ein Besuchsrecht vereinbart. Aber das sah so aus: Ich könne Kevin für zwei Stunden im einem Restaurant im Emmental treffen. Er erschien in Begleitung eines alten Mannes, der sich dann ständig in unser Privatgespräch einmischte. Es war nicht möglich, mit meinem Sohn familiär zu reden. Zu guter Letzt flatterte mir ein Einzahlungsschein über 700 Franken ins Haus, die ich für das Treffen zu zahlen hätte. Ich konnte mir eine Fortsetzung der Besuche finanziell nicht leisten, weshalb ich Kevin nicht mehr sehen konnte.»

«Als ich von Deutschland in die Schweiz zog, habe ich in der Schule Blödsinn gemacht. Ich bin beispielsweise während der Stunde auf den Tisch und unter den Tisch gelegen, oder habe nicht richtig geantwortet, wenn die Lehrerin mich fragte. Ja, es war mir langweilig in der Schule, ich wäre auch eine Klasse weiter gewesen, wenn ich nicht vom Ausland zugezogen wäre. Auf jeden Fall hatte es die Lehrerin nicht einfach mit mir, weshalb sie die Behörden eingeschaltet hatten.»

«Ich bin noch heute der Meinung, dass Kevin unterfordert und seine Suche um Aufmerksamkeit eine Folge davon war. Erst letzte Woche schrieb mir seine Lehrerin: ‹Ich habe grundsätzlich manchmal den Eindruck, dass Kevin sich etwas langweilt im Unterricht bzw. noch mehr leisten könnte, als was er bisher macht. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass er etwas älter ist als die anderen Schüler.›»

«Als ich zu den Pflegefamilien auf den Bauernhöfen kam, musste ich oft arbeiten und nicht in die Schule gehen. Insgesamt über ein halbes Jahr. Ich verpasste vieles. Ich weiss, dass meine Mutter das schlecht fand und sich sogar dagegen gewehrt hat. Aber irgendwie war das meinen Beiständen egal. Wie viele Beistände ich hatte, weiss ich selber gar nicht. Es gab solche, die haben sich nie vorgestellt, der letzte hat mir nie geantwortet. Mehrere sah ich nur einmal im Leben. Nur der erste Beistand hat sich für mich wirklich eingesetzt.»

«Wir haben Kevin zum Schulpsychologischen Dienst zur Abklärung gebracht. Man empfahl mir, einen Beistand zu nehmen. Es hiess: ‹Im Behördendschungel kommen Sie alleine nicht klar.› Dass ich als alleinerziehende, damals Vollzeit berufstätige Mutter als Quality-Inspector in der Medizinalbranche einwilligte, betrachte ich heute als grössten Fehler. Statt einer temporären Lösung entwickelte sich alles gegen unsere Familie. Ich willigte auch ein, dass Kevin in ein Schulheim eingewiesen werden kann, wenn er am Wochenende nach Hause kommen darf und wenn wir die Ferien gemeinsam verbringen können. Mündlich wurde mir das versprochen, aber die Kesb hat sich einfach nicht daran gehalten. Auch wurde mein Sohn ausgerechnet ins Schulheim Effingen gebracht, über das ich so viel Schlechtes hörte. Ich verlangte auch ausdrücklich, meinen Sohn nicht dort zu platzieren. Wollte die Kesb mir einfach zuleide leben?»

«Inzwischen bin ich im Aussenwohnbereich des Schulheims von Effingen. Im Schulheim selber ging es mir gar nicht gut. Viele trinken im Ausgang und machen immer wieder Radau. Ich habe das mit dem Handy aufgenommen. Aber ausser meiner Mutter interessiert das niemanden. Ich habe viele Briefe geschrieben – an den Papst, an die Heimleitung, an den Kesb-Leiter Studer und an meinen Beistand von der Firma Sozionova in Bubendorf. Aber meinen Sie, die haben mir je geantwortet? Im Brief an den Beistand schrieb ich am 4. Dezember 2013 (siehe Bild): ‹Ich war seit fast einem Jahr nicht mehr zu Hause. Ich weiss nicht, wie mein Zimmer zu Hause aussieht. Ich weiss auch nicht, wie sich das Leben da draussen anfühlt. Hier in Effingen ist es nicht gut. Jedes Mal, wenn ich vom Bauernhof zurückkomme, wird es mir schlecht. (…) Man hat hier keine Freunde wie zu Hause, man muss für alles fragen, zum Beispiel, ob man aufs WC darf. Die Einzigen, mit denen ich offen reden kann, das sind die Tiere (nicht die Zweibeiner). Ich wünsche mir, dass ich nach Hause kann.›»

«Als Mutter hat es mir das Herz zerrissen. Über zwei Jahre haben die Behörden unser Familienleben kaputt gemacht. Kevin konnte weder mit dem Onkel angeln gehen, er hat die Geburtstage der Grossmutter und der anderen Verwandten verpasst. Und immer schrieb er in Grossbuchstaben: ‹ICH WILL NACH HAUSE.› Selbst auf seine psychosomatischen Hinweise, wie Bauchschmerzen und dass es ihm schlecht werde, ist niemand eingegangen. Ich wollte, dass dies der Schulpsychologische Dienst von Liestal abklärt. Der Beistand hat mir versprochen, ihn dort anzumelden. Aber als ich nachfragte, wussten die in Liestal von nichts. Nachdem Kevin endlich einen Termin hatte, wurde er mehrmals verschoben. Einmal hatte der Beistand keine Zeit, einen zweiten Termin liess das Schulheim platzen. Neun Monate später, nach all dem Hin und Her, kam man zum Schluss, es brauche keine Abklärung. Kevin sei ja im Heim bestens betreut. Es gebe auch ein Gerichtsurteil, was zu tun sei.»

«Ich habe meinen Geburtstag verpasst. Ich konnte nicht Ostern feiern. Ich habe weit über ein Jahr Schule versäumt. Irgendwie wissen sie, dass sie Mist gebaut haben. Meine Mutter hat mir gesagt: Du hast viele Steine auf deinen Weg geworfen bekommen. Statt darüber zu stolpern, bauen wir jetzt etwas daraus.»

«Das ist ein guter Ansatz für meinen Sohn. Aber die Kesb und der Beistand stehlen sich aus der Verantwortung. Wegen ihrer Untätigkeit und dem Hinauszögern von Entscheidungen habe ich gegen beide Beschwerden wegen Rechtsverweigerung und Verstosses gegen das Beschleunigungsgebot eingeleitet. Stellen Sie sich vor: An Weihnachten 2013 hiess es mündlich, dass man Kevin ins Heim Schillingsrain bringen könne, von wo aus er auch übers Wochenende nach Hause komme. Wir freuten uns megastark auf den Sommer 2013. Aber passiert ist nichts. Und als ich die mündlichen Versprechungen schriftlich einforderte, wollte sich der Beistand an nichts erinnern. Im Oktober habe ich die Rechtsverweigerungsbeschwerde gegen die Kesb Gelterkinden und gegen den Beistand eingereicht. Und was sagt nun das Gericht? Es hat die Beschwerde als gegenstandslos abgeschrieben, weil mein Sohn im Sommer ohnehin wieder zurückkommen kann.

Den untätigen Beistand aus Bubendorf sind wir endlich los. Aber Verantwortung für das, was meinem Sohn angetan wurde und was er in seiner wertvollen Jugendzeit verpasst hat, übernimmt niemand. Sie kommen alle ungeschoren davon.

Den Kontakt mit der neuen Beiständin versuche ich zu vermeiden. Jedes Telefon, jedes Treffen wird abgerechnet. In zwei Jahren soll ich dann eine Zusammenstellung und eine Rechnung erhalten. Ich kann nur erahnen, was da auf mich zukommt.

Überhaupt diese Rechnungen. Da flatterte eine aus den Anfängen ins Haus: 2500 Franken soll ich für die Pflegebetreuung bezahlen und 3000 Franken verlangt die Vermittlung des Betreuungsplatzes zusätzlich. Stellen Sie sich vor: Die Vermittlung ist teurer als der Pflegeplatz, obschon ich keinen Auftrag ausgelöst habe und längst keinen Beistand mehr haben will. Ich kann das nicht bezahlen.»

Nachtrag

Der Beistand der Firma Sozionova in Bubendorf beruft sich auf sein Amtsgeheimnis – selbst bei der Frage, weshalb er die Briefe an Kevin nicht beantwortet hat. Beim früheren Kesb-Leiter Reinhard Studer geht nur die Frau ans Telefon. Stellung nehmen will er nicht. Susanne Leutenegger Oberholzer zeigt sich auf Anfrage der BaZ erfreut, dass es in der Sache jetzt vorwärtsgeht.

* Name geändert. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.05.2015, 14:57 Uhr

Kindlicher Hilferuf. In unzähligen Briefen beschreibt Kevin psychosomatische Beschwerden und bittet, ihn nach Hause gehen zu lassen.

Artikel zum Thema

«Hohe Kesb-Kosten gefährden die Solidarität»

Die Gemeinderäte Peter Riebli (Buckten) und Ursula Jäggi (Therwil) streiten über die reorganisierte Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Mehr...

«Fachleute haben Mühe mit dem System Kesb»

Statt individuelle Lösungen zu finden, mache die Sozialbehörde zunehmend Fallverwaltung, sagt ein Insider. Ein Problem sei die fehlende Zeit, um sich vertieft mit einem Fall vertraut zu machen. Mehr...

«Die Kesb nimmt mir mein Kind weg»

Jessica Nwokolo (38) macht den Behörden den Vorwurf, unverhältnismässig zu reagieren. Warum das Kind nicht bei der Mutter sein darf, ist unklar. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Gut verpackt: Im Logistikzentrum von Amazon in Hemel Hempstead (England) warten Unmengen an Paketen auf die Auslieferung. (14. November 2018)
(Bild: Leon Neal/Getty Images) Mehr...