Abstimmung über Flugtage gefordert

Die Dittinger kritisieren nach dem Unglück ihre Aviatikshow. Sie diskutieren Änderungen und äussern Bedenken, bekennen sich aber auch zu dem Event.

Akrobatik über den Dächern: Anwohner haben nach dem Unfall Angst vor einer weiteren Flugshow.

Akrobatik über den Dächern: Anwohner haben nach dem Unfall Angst vor einer weiteren Flugshow. Bild: Keystone

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Die Bewohnerin des Obermattwegs muss wohl all ihren Mut zusammengenommen haben, als sie in der eine gute halbe Stunde alten Diskussion erstmals Kritik äussert an den Dittinger Flugtagen. «Dieser Unfall hat bewiesen, dass diese Veranstaltung nicht sicher ist.» Sie habe das Unglück mit eigenen Augen beobachtet. Es sei nicht einfach ein Absturz gewesen, sondern es habe auch eine Explosion gegeben. Das Eis ist gebrochen. Eine weitere Anwohnerin der Strasse, die nur 200 Meter Luftlinie vom Flugplatz entfernt liegt, schildert sichtlich betroffen, wie die zwei Leichtflugzeuge über ihrem Haus zusammenstiessen. «Unsere Kinder haben im Garten gespielt. Wir haben ehrlich gesagt Angst vor der Zukunft», sagt die Mutter.

Betretene Gesichter bei den Organisatoren, bei Gemeinderat Edi Jermann und Jörg Turnherr vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). «Sie haben recht», sagt Letzterer etwas zögerlich zur ersten Kritikerin. Eine solche Veranstaltung sei nie 100 Prozent sicher, «ansonsten müsste man sie absagen». Jedoch seien in den letzten 30 Jahren an Flugshows in der Schweiz noch nie Dritte zu Schaden gekommen. Und immerhin gebe es zwischen 20 und 40 solcher Veranstaltungen pro Jahr. Ein Restrisiko bleibe, egal welche Sicherheitsmassnahmen man treffe, sagt Turnherr abschliessend.

Genau vor einem Monat ist den Dittingern jäh bewusst geworden, was es bedeutet, ein «Restrisiko» für eine Flugshow zu tragen. Noch immer sitzt der Schock tief. Der Zusammenstoss zweier Flugzeuge kostete einen Piloten das Leben. Am Dienstagabend fanden sich gut 60 Einwohner des Laufentaler Dorfs im Gemeindesaal ein, um darüber zu diskutieren, wie und ob es mit der Veranstaltung weitergeht.

Unfall trotz Trainingsflug

Die Leute im Saal wollen von Turnherr wissen, ob es im Vorfeld irgendwelche Besonderheiten bei der verunglückten Fluggruppe gegeben habe. «Nein, sonst hätten wir die Bewilligung nicht erteilt», antwortet er. Am Tag vor dem Event habe die Fliegerstaffel Grass­hoppers vorfliegen müssen. Nicht, weil die Manöver besonders gefährlich gewesen seien, sondern «weil sie schlicht noch nie in der Schweiz aufgetreten sind», betont Turnherr. Alle Vorschriften seien eingehalten worden. Viele Anwesenden nehmen dies mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis.

Die brennende Frage ist, ob die Unfallursache schon geklärt sei. Flugplatzchef Urs Winkelmann erklärt, dass es dafür zu früh sei. Solche Abklärungen bräuchten Zeit. Zu einem Gerücht aber nimmt Winkelmann Stellung: Dass eine Windböe den Unfall verursacht habe. Wenn Flugzeuge mit geringem Abstand fliegen, würden alle von einem Windstoss erfasst und in die gleiche Richtung geblasen. Zudem habe der dritte Pilot, der nicht in den Unfall verwickelt war, nach der Landung am Sonntag gesagt, dass es in der Luft «ruhig wie in der Kirche» gewesen sei, sagt Winkelmann. Turnherr schätzt, dass in einem bis eineinhalb Jahren der Unfallbericht der Untersuchungs­behörde vorliegt.

Neuer Flugkorridor

Doch bereits im Frühling 2016 wird der Segelflugverein darüber entscheiden, ob der Event im Sommer 2017 wieder stattfinden soll. Die Vorbereitungszeit dafür dauert eineinhalb Jahre. Noch ist völlig offen, welche Veränderungen gegebenenfalls vorgenommen werden oder werden müssen. Turnherr lässt durchblicken, dass es bei der Festlegung des Flugkorridors sicher noch Verbesserungspotenzial gebe. «Die Hinweise zum Gebiet Obermattstrasse werden wir prüfen, da liegt wohl etwas drin.» Die Risiken müssten im akzeptablen Bereich sein, «doch was ist akzeptabel?», fragt der BAZL-Vertreter.

Eine Verschiebung des Flugkorridors nach Westen sei schon diskutiert worden, hält Thomas Anklin von der Segelgruppe fest. Dies würde einen Teil des Dorfes entlasten. Die Besonderheit der Dittinger Flugtage lag bisher darin, dass die Piloten unter dem Niveau des Flugplatzes fliegen, der auf einem Hochplateau liegt. «Diese Spezialität werden wir sehr wahrscheinlich abschaffen.»

Bekenntnisse zum Event

Gemeinderat Edi Jermann nimmt zur Kenntnis, dass offenbar Akrobatikflüge über den Hausdächern Ängste auslösen. «Auch das müssen wir anschauen.» Er vertritt die Stimme der Gemeinde, weil Gemeindepräsidentin Regina Weibel OK-Chefin der Veranstaltung ist. Sie hat im Publikumsbereich Platz genommen. Den Vorschlag einer Dittingerin, anonym über die Flugtage abzustimmen, nimmt Jermann ebenfalls entgegen. «Wir haben das auch schon abgeklärt. Der Gemeinderat hat aber keine Kompetenz, den Event zu verbieten.» Es sei aber durchaus möglich, so zu einem Abbild der Meinung über die Dittinger Flugtage zu kommen.

Erst gegen Ende des Austauschs reiht sich Zuspruch an Zuspruch. Viele geben ihr Bekenntnis zum Event ab, trotz des Unfalls. Rettungskräfte und Organisatoren werden für ihren Einsatz gelobt. «Ihr habt euch nicht versteckt, sondern seid von Haus zu Haus gegangen, um mit uns zu sprechen, Hut ab», sagt eine Betroffene.

Nach ein paar weiteren Voten wird klar: Das Dorf ist so eng mit den Dittinger Flugtagen verbunden, dass der Rückhalt trotz des Absturzes wohl grösser ist als die Bedenken. Vor allem die Alteingesessenen sind eher dafür. Neuzuzüger, die nicht mit dem Event aufgewachsen sind, eher dagegen. Winkelmann sagt nach der Diskussion: «Selbst wenn es eine Abstimmung geben sollte, bin ich überzeugt, dass die Mehrheit noch immer hinter dem Event steht.» Turnherr hält vorsorglich fest: «Wir würden nie gegen den Willen einer Gemeinde einen Flugtag bewilligen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.09.2015, 06:58 Uhr

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