«Entweder blanker Hohn oder barer Unsinn»

Das technische Potenzial bei der Energieeffizienz mit der digitalen Revolution zu vergleichen, ist utopisch, weil fundamentale Gesetze der Physik unumstösslich bleiben.

Silvio Borner: Solarzellen sind seit gut 50 Jahren und Windräder für Strom seit 100 Jahren verfügbar, aber immer noch subventionsabhängig.

Silvio Borner: Solarzellen sind seit gut 50 Jahren und Windräder für Strom seit 100 Jahren verfügbar, aber immer noch subventionsabhängig. Bild: Keystone

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Kürzlich hat Urs Steiner, CEO der Elektra Baselland und ehemaliger FDP-Landrat, die geplante Einführung einer neuen Energiesteuer zur Verdreifachung der Subventionen vehement befürwortet («Baselbieter Energiepaket – Investition in die Zukunft»). Er begründet dies vor allem mit der digitalen Revolution und zieht Parallelen zwischen dieser und dem Energiesektor. Das ist entweder blanker Hohn oder barer Unsinn.

Also, wenn das mit der Energie-Effizienz gleich laufen sollte wie im IT-Bereich, dann dürfen wir keine Sekunde daran zweifeln, dass sich die Energiewende schnell und unumkehrbar über freie Märkte durchsetzt. Historisch einmalig sind neben dem exponentiellen Kapazitätswachstum im Kommunikationssektor die geradezu unvorstellbaren Kosten- und Preissenkungen. So sanken die Kosten für Transistoren pro Leistungseinheit zwischen 1990 von 257 Franken bis 2014 auf 5 Rappen und die Speicherkosten im selben Zeitraum gar von 569 Franken per Gigabyte auf 2 Rappen. Vergleichen wir das mal mit den Produktionskosten von erneuerbarer Energie oder gar den Speicherkosten für Strom. Linth-Limmern lässt grüssen. Dabei sind Solarzellen seit gut 50 Jahren und Windräder für Strom seit 100 Jahren verfügbar, aber immer noch subventionsabhängig.

Fehlgeleiteter Innovationsprozess

Richtig gerechnet, steigen die Stromkosten auf der Netzebene mit steigendem Anteil an Flatterstrom. Dänemark und Deutschland haben denn auch etwa doppelt so hohe Strompreise auf der relevanten Verbraucherstufe wie Frankreich oder dreimal so hohe wie die USA. Innovationen, die sich am Markt von selber durchsetzen, sind immer durch radikale Verbesserungen des Preis-Leistungs-Verhältnisses getrieben und nicht durch Lenkungsabgaben, Subventionen oder Vorschriften. Wenn uns die digitale Revolution etwas lehrt, dann eben das! Und aus der Geschichte lernen wir, dass staatliche Subventionen oder gar Investitionen den Innovationsprozess fehlleiten, weil wirklich neue Technologien erst erfunden werden müssen und noch keine Lobbys haben.

Das technische Potenzial bei der Energieeffizienz mit der digitalen Revolution zu vergleichen, ist utopisch oder lächerlich, weil fundamentale Gesetze der Physik unumstösslich bleiben. So erreicht ein moderner Dieselmotor einen Wirkungsgrad von gut 50 Prozent mit nur noch wenig Spielraum nach oben. Auch Düsentriebwerke sind weitestgehend optimiert, sodass die «staatliche Forschungshilfe» für versprochene Effizienzsteigerungen von 30 Prozent schlicht Unsinn finanziert.

Übermässige Isolierungen

Das Gleiche gilt für «Schwachwind räder» oder Wirkungsgrade von über 100 Prozent. Natürlich können wir bei der Wärmedämmung etwas CO2 einsparen, aber zu horrenden Kosten, weil wir auch hier schon sehr weit gekommen sind. Zudem ist CO2 ja nicht die einzige Bedrohung für die Umwelt. Denn übermässige Isolierungen, ineffiziente Speicherungen (via Gross-Batterien) oder Energie vernichtende Umwandlungsketten (von Strom zu Methan und zurück zu Strom) führen schon rein physikalisch zu einer Netto-Energievernichtung. Aber nicht nur energetische Umwandlungen – wie etwa von Dampf zu Arbeit, von Kohle zu Strom oder von Strom zu mechanischem Antrieb – haben absolute Grenzen. Auch die Energiedichte ist eine absolute Schranke, die kein technischer Fortschritt überwinden kann. Wenn wir ein Kilo Natururan ersetzen wollen, brauchen wir dafür zirka 66 000 Liter Öl oder 80 Tonnen Kohle. Hier zeigt sich bereits die Relativität der Abfallproblematik des nuklearen im Vergleich zum fossilen Strom.

Demgegenüber «schicken Sonne, Wind wie auch Wasser wohl keine Rechnung», benötigen jedoch für ihre Umwandlung in nutzbare Energie sehr viele Ressourcen und sehr viel gerade hier knappen Platz. Und die Intensität können wir weder bei der Sonnenstrahlung noch bei den Windgeschwindigkeiten oder den Wassermengen technisch beeinflussen. Dasselbe gilt für unsere geografische Lage, die für Sonne und Wind ungünstig, aber für Wasser günstig ist. Also wenn schon eine Revolution, dann am ehesten im Nuklearbereich, weil hier die Energiedichte enorm viel höher ist. Im Falle neuer Kernkraft-Reaktoren oder gar der Kernfusion reduziert sich sowohl die Ressourcen- wie die Abfallproblematik auf ein fast vernachlässigbares Mass.

Standort Baselland wird geschwächt

Was aber beim Beitrag von Steiner auch stört, ist seine Interessenlage. Es ist ihm nämlich als Wärmenetz-Betreiber gelungen, einen Anschlussanreiz zugunsten seiner Elektra Baselland und zulasten der Ölheizungen einzubauen, obwohl Wärmenetze gerade in ländlichen Gebieten ökologisch und ökonomisch kontraproduktiv sind. Das zeigt eben, wie sehr das Ganze nebst Aberglauben auch ein Spiel zwischen Sonderinteressen beinhaltet, welches den Standort Baselland schwächt. Unter dem Strich werden das auch die Gewerbler zu spüren bekommen, selbst wenn sie punktuell vom Subventionskuchen profitieren. Was Urs Steiner vorlegt, ist eine unschöne Mischung aus Ignoranz in der Sache (oder besser gesagt Ausnützung der Ignoranz breiter Kreise) mit Insistenz in der politischen Ergatterung von Wettbewerbsvorteilen. Elektra- Baselland und die Wirtschaftskammer sind nebst der staatlichen Bürokratie die beiden grossen Profiteure.

Silvio Borner ist emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Basel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.11.2016, 14:06 Uhr

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