Neue Spur zu Schweizerhalle-Brand

Ex-Sandoz-Mitarbeiter brechen ihr Schweigen: Ein Angestellter des Unternehmens habe fahrlässig am gleichen Ort Feuerwerk und selbstentzündlichen Chemieabfall gelagert.

Bis heute viele offene Fragen. Die Katastrophe von Schweizerhalle in der Nacht vom 1. November 1986 ist immer noch nicht restlos aufgeklärt worden.

Bis heute viele offene Fragen. Die Katastrophe von Schweizerhalle in der Nacht vom 1. November 1986 ist immer noch nicht restlos aufgeklärt worden. Bild: Keystone

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In der Nacht vom 1. November 1986 versetzte der Grossbrand von Schweizerhalle die Basler Bevölkerung in Angst und Schrecken. Bis heute bestehen viele offene Fragen, wie es in dem Sandoz-Werk in Muttenz zu einem der grössten Chemieunglücke Europas kommen konnte. 1988 bezeichnete der Wissenschaftliche Dienst der Stadt­polizei Zürich nach aufwendigen Unter­suchungen das Schrumpfen von Berlinerblau-Papiersäcken mit einem Propangas-Brenner als «wahrscheinlichste Brandursache». Die Entzündlichkeit des Pigments sei unterschätzt worden. An dieser Schlussfolgerung bestanden aber immer Zweifel. Hartnäckig hielt sich der Verdacht der Brandstiftung.

Rund dreissig Jahre nach der historischen Katastrophe, die zu einer beispiellosen Verschmutzung des Rheins führte, steht eine völlig neue Theorie im Raum. Für eine Abschiedsfeier des abtretenden Feuerwehrkommandanten Hermann Stämpfli soll ein leitender Sandoz-Angestellter eine Überraschung geplant haben. Seine Absicht sei es gewesen, im Anschluss an eine Feuerwehr-Hauptübung eine Feuer­werkshow zu veranstalten und dem scheidenden Chef damit eine Freude zu bereiten. Für diesen Zweck habe der betreffende ­Mitarbeiter am Nachmittag des 31. Oktober 1986 ­Feuerwerkskörper und selbstentzündlichen Chemieabfall in der Lagerhalle 956 deponiert – und zwar exakt an jener Stelle, wo die Ermittler später den Brandausbruch eruierten.

Diese Aussagen stammen aus dem Umfeld der ehemaligen Sandoz-Belegschaft. Ein früherer Werksmitarbeiter hat nach jahrzehntelangem Stillschweigen unter alten Berufskollegen offen­gelegt, was am besagten 31. Oktober 1986 geschah. So habe ihn Hans Müller (Name geändert) mit dem Auto zur Halle 956 gefahren und ihm das auf einem Materialwagen deponierte Feuerwerk gezeigt. «Es war auch ein Fass aus dem Betrieb 926C dabei, worin Chemieschutt war, der selbstentzündlich sei. Müller prahlte sogar noch damit, dass er die Idee hatte, im Rahmen des Feuerwerks seinen Chemie­abfall durch Verbrennen auf elegante Weise entsorgen zu können.»

«Bislang plausibelste Version»

Für Werner Kaupp, der 1986 den Feuerwehreinsatz in Schweizerhalle leitete, stellen die neuen Informationen alle bisherigen Vermutungen auf den Kopf. Es handle sich um die «bislang plausibelste Version», erklärt er im Gespräch mit der BaZ. «Anhand der Zeugenaussagen fügen sich verschiedene Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammen.»

Fakt ist, dass dem Sandoz-Konzern in jener Zeit selbstentzündliche Chemieabfälle Schwierigkeiten bereiteten. Dies geht aus firmeninternen Akten hervor, die der BaZ vorliegen. Regelmässig kam es zu spontanen Brand­ausbrüchen, die Feuerwehreinsätze auslösten.

Der beschuldigte Ex-Sandoz-­Angestellte bestreitet indes, was ihm vorgeworfen wird: «Das ist Unsinn. Ich weiss gar nicht, wie ich das hätte bewerkstelligen sollen.»

Lesen Sie den ausführlichen Hintergrundbericht zum Thema: Am Samstag in der Basler Zeitung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.03.2017, 08:10 Uhr

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