Plädoyer für den Wert menschlichen Lebens

Zum Tod von David Goodall, Sterbetourist aus Australien.

Der Weg des Australiers in den Freitod wurde bis zuletzt von den Medien begleitet.

Der Weg des Australiers in den Freitod wurde bis zuletzt von den Medien begleitet. Bild: Keystone

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An Auffahrt hat er seine Mission umgesetzt: David Goodall hat seinem Leben ein Ende bereitet. Dazu war der australische Biologe Goodall extra nach Liestal gereist, um sich der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit von Erika Preisig anzuvertrauen.

Preisig ist unterdessen weltweit dafür bekannt, dass sie Sterbewillige aus fernsten Ländern begleitet, wenn sie sich den Todeswunsch erfüllen wollen. Goodall hat mit seiner Reise um die halbe Welt das Sterbehilfe-Verbot in seinem Heimatland umgangen – wie Unzählige schon zuvor. Preisig ist Ärztin. Statt dem Leben hat sie sich dem Tod verschrieben. «Die Abtreibung eines gesunden Embryos ist praktisch auf der ganzen Welt legalisiert. Dasselbe soll auch für den Sterbewunsch am Lebensende gelten», hat sie einst einem Kollegen auf der Redaktion der Basler Zeitung diktiert.

Goodall ist kein gewöhnlicher Sterbetourist. Anders als viele andere hat er dafür gesorgt, dass Preisigs Stiftung Eternal Spirit sich weltweit bekannt machen konnte. Mit den Kamerateams aus aller Welt ist er von Perth nach Basel geflogen, um für die erlaubte Sterbehilfe in der Schweiz zu werben. Goodall litt nicht an einer tödlichen Krankheit. Er wollte in seinem 105. Lebensjahr nur den fortschreitenden Verlust an Lebensqualität beenden. Preisig wusste dies und erklärte ihre Begleitung mit «einem Sammelsurium an Krankheiten», die in diesem hohen Alter zusammengenommen unheilbar seien. Das Theater um Goodalls Todesreise dürfte ihr recht sein: Ihre Praxis in der Schweiz ermöglicht den weltweit fast einmaligen Zugang zur Sterbehilfe für alle im fortgeschrittenen Alter noch geistig gesunden Menschen. Ganz in Preisigs Sinn gab Goodall nach Medienberichten bei der Ankunft am EuroAirport Basel-Mulhouse zu Protokoll: «Jeder über 50 oder 60 sollte frei sein zu entscheiden, ob er weiterleben möchte oder nicht.» Der Sterbetourismus in Richtung Schweiz hat Hochkonjunktur und ermöglicht Preisig, ihre Mission auszuleben.

Grosse Teile der Öffentlichkeit unterstellen ihr schon lange, damit ihrer morbiden Passion zu frönen

Die Präsenz in den Medien dürfte der Baselbieter Ärztin österreichischer Herkunft gelegen kommen: In den letzten Wochen hat die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft gegen sie ermittelt. Sie war wegen des bei ihr gelagerten tödlichen Arzneimittels Natrium-Pentobarbital (NaP) in den Verdacht geraten, die Todesration auch für spontane Sterbewünsche bereitzuhalten. Abgegeben werden darf es aber einzig an schwer kranke Patienten, die ein entsprechendes Rezept vorweisen.

Dass Preisig im Verdacht steht, den Todeswunsch mit Passion zu begleiten, ist nicht neu. Die Behörden und grosse Teile der Öffentlichkeit unterstellen ihr schon lange, vom Sterbetourismus verbotenerweise finanziell zu profitieren und dabei ihrer morbiden Passion zu frönen. Immerhin war es der Tod ihres Vaters, der sie vor zwölf Jahren auf die Idee brachte, ihr Leben der Sterbehilfe zu verschreiben. Schon als Teenager habe sie Suizidgedanken gehabt, gab sie einst zu. Heute kämpft sie fanatisch dafür, dass ihre Dienstleistung weltweit anerkannt wird.

Die Liebe zum Leben ist der Last gewichen, die Alte heute oft für Freunde und Angehörige zu sein glauben

Längst sind es nicht nur unheilbar Erkrankte, die zu Preisig ins Baselbiet reisen. Altersbeschwerden reichen heute. Die Hochstilisierung der Selbstbestimmung hat inzwischen zu einer unglaublichen Abwertung des Lebens über 80 geführt. Die Liebe zum Leben ist der Last gewichen, die Alte heute oft für Freunde und Angehörige zu sein glauben. Der unkritische Umgang mit der liberalisierten Sterbehilfe in der Schweiz ist zu einem breit anerkannten Trend geworden, der Glaube an den Wert jeden Lebens in weiten Teilen des Landes geschwunden. Dass Ärzte sich nicht mehr nur dem Erhalt des Lebens verschreiben, ist eine breit anerkannte Zeiterscheinung.

Kriterien, nach denen das Rezept für den Todestrunk ausgestellt wird, gib es keine. Wer im Alter seinem Leben spontan ein Ende setzen will, findet in jedem Fall einen Arzt, der ihm dabei behilflich ist und die Verbindung zu Organisationen wie jener Preisigs herstellt. Die Selbstbeschränkungen, die sich etwa Exit oder Dignitas auferlegen, sind umgehbar. Mit der längeren Lebensdauer wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz immer stärker zum Hort der immer häufiger werdenden Sterbewilligen wird. Trotz Palliative Care erfahren viele Menschen im hohen Alter, dass sie unerwünscht sind.

Sicher: Die persönliche Entscheidung jedes Menschen ist zu akzeptieren. Ob dazu aber auch zweifelhafte Werbeaktionen wie jene des Australiers Goodall gehören, ist zu bezweifeln. Werbung für die Hilfe zum Suizid ist verwerflich. Stattdessen sollte zumindest die christliche Welt den Wert des geschenkten Lebens hochhalten. Das bedeutet auch, dass im konkreten Fall alles zu unternehmen ist, damit das Leben lebenswert ist, die Lebensqualität im Alter erhalten bleibt, das Leiden der Menschen gelindert wird. Menschen über 80 haben mitmenschliche Liebe verdient wie jüngere auch. Spontane Lebensmüdigkeit ist kein Ausdruck respektabler Selbstbestimmung. thomas.daehler@baz.ch

Umfrage

David Goodall ist gestern aus dem Leben geschieden. Er kam extra in die Schweiz, um hier zu sterben. Ist es gut, wenn Menschen bei ihrem Freitod unterstützt werden?

Ja

 
78.0%

Nein

 
22.0%

751 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 07:35 Uhr

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