Post bedient den Wühltisch

Wegen Normfehler weigert sich der gelbe Riese, Briefe den Betagten persönlich zuzustellen.

Auf der Suche nach ihrer persönlichen Post. Statt den Briefkasten zu leeren, wühlt sich Lina Capirone durch die Post von 34 anderen Mitbewohnern.

Auf der Suche nach ihrer persönlichen Post. Statt den Briefkasten zu leeren, wühlt sich Lina Capirone durch die Post von 34 anderen Mitbewohnern. Bild: Daniel Wahl

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Direkt vor dem Hintereingang des Cafés Central an der Baslerstrasse in Allschwil, im Bereich, wo wildfremde Restaurant-Kundschaft ein- und ausgeht, steht ein Tisch. Dort deponiert manchmal ein Pöstler bündelweise Briefe und Zeitungen für 34 Betagte, die im umgebauten «Central – Haus für betreutes Wohnen» Zweizimmerwohnungen mit günstigen Betreuungskonzepten gefunden haben. Andere Pöstler geben die Briefbündel an der Rezeption des im Haus angegliederten Fitnesscenters ab.

Eigentlich gibt es vor dem Eingang angeschriebene Briefkästen, deren Schlitzbreite, Fachtiefe und -höhe einem normgerechten Briefkasten entsprechen würden. Sie sind auch allesamt funktionstüchtig. Aber weil die Briefkästen nicht über Milchkästen verfügen, ist die Post nicht gewillt, die Briefpost einzuwerfen und den Betagten persönlich zuzustellen. Die Feinverteilung vor Ort muss mittlerweile das Personal des Fitnesscenters vom Central Trainings & Therapie vornehmen, dass im Haus eingegliedert ist und zum Betreuungskonzept gehört.

«Irgendwann ging das nicht mehr. Da lagen Rechnungen offen herum», erklärt Health-Club-Manager Rolf Dürrenberger. Man sei vom Hausbesitzer Leon van der Merwe darum gebeten worden, die Briefpost den Betagten persönlich einzuwerfen.

Für Betagte eine Zumutung

Doch nicht immer klappt die Feinverteilung der zu Pöstlern umfunktionierten Fitnesstrainern hundertprozentig. Dies, weil der eine Pöstler die Post einfach vor dem Hauseingang hinwirft, der andere die Umschläge auf den Tisch im Eingangsbereich stellt. So stehen am Wühltisch neben den Rollatoren nicht selten Gruppen von Betagten, die sich durch die Briefbündel wühlen, um ihre Ansichtskarten oder Krankenkassenrechnungen herauszufischen.

«Für meine 94-jährige Mutter finde ich das eigentlich eine Zumutung. Zudem kann jeder Café-Besucher die Briefpost einsehen», sagt eine Angehörige und findet, dass die Post das Postgeheimnis verletzt. Man könnte ohne Weiteres die Briefe in die vorgesehenen Briefkastenschlitze einwerfen. Bewohnerin Lina Capirone erklärt, während sie ihre Zeitung auf dem Wühltisch sucht: «Ach die Post, das ist ein ewiges Thema in diesem Haus.»

Die Post sieht sich im Recht. «Als der Eigentümer Leon van der Merwe seine Institution umbauen liess, waren Briefkastenmodelle installiert worden, die nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Dies hat die Post noch während der Umbauphase mitgeteilt», schreibt deren Mediendienst. Man habe eine einvernehmliche Lösung gesucht und schliesslich eine Vereinbarung getroffen – einen sogenannten Verpflichtungsschein ausgestellt.

Leon van der Merwe ist es nicht recht, dass die Betagten nun unter dem Formalismus der Post leiden. «Ich habe der Post sogar Geld angeboten, damit ihre Pöstler die Briefe einwerfen. Aber die Institution zeigt sich nicht flexibel.»

Milchkästen hält van der Merwe für überflüssig. «Die meisten Pakete haben im Zeitalter von Zalando und Amazon darin ohnehin keinen Platz und müssen mit dem Abholschein auf der Poststelle in Empfang genommen werden.» In Österreich werden seit 2004 nur noch Briefkästen ohne Milchkästen installiert. «Die schweizerische Postverordnung ist doch veraltet.»

Nach den Erfahrungen mit einem Haus in Aesch, das mit kleinem Briefkasten ausgestattet ist und nach der Information der Post, dass schlanke Briefkästen für betreutes Wohnen infrage kämen, war er dankbar, seinen Hauseingang in Allschwil nicht mit einer Briefkastenwand entstellen zu müssen. «Doch plötzlich teilte mir die Post mit, dass sie hier nicht mitmache und wir die Feinverteilung selber vornehmen müssten.» Die Post wiederum hält fest, dass sie mit zahlreichen Institutionen wie Wohnheimen, Spitälern, Hotels und Seniorenzentren solche Vereinbarungen habe.

Verletzung des Postgeheimnisses?

Auf die Frage, ob mit dieser Art der Zustellung nicht das Brief- und Postgeheimnis verletzt werde, ist die Medienstelle der Post nicht eingegangen. Es entspricht offenbar der Kommunikationsstrategie, wie die BaZ per Zufall erfahren konnte. Aus Versehen wurde ein Anruf der BaZ an einer Sitzung der Post-Medienleute zugeschaltet, an der ausgerechnet «der Fall aus Basel» behandelt wurde. Dort hielt man fest, dass man die Frage des Postgeheimnisses genau klären müsse, bevor man dazu antworte. Die Geschichte könne schweizweit zum Thema werden, und das wolle man vermeiden. Ob es gelinge, den Journalisten «umzupolen»?

In diesem Gespräch wurde auch die Frage der Kontrollen erörtert, ob das Postgeheimnis durch den Einsatz von Privatpersonal allenfalls verletzt werden könnte. Daraufhin hat sich die Medienstelle der Post entschieden, die Fragen der BaZ nicht zu beantworten. Schliesslich wurde darauf hingewiesen, die Post für die Betagten könne auf dem Postamt zurückgehalten werden. In einem solchen Fall nähme das Unternehmen in Kauf, dass die Betagten mit ihren Rollatoren täglich entlang der Baslerstrasse zur Allschwiler Post pilgern müssten.

Nachtrag: Der Verteildienst der Basler Zeitung, Distriba, wirft die Zeitung täglich zuverlässig in die Briefkästen der Betagten ein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.09.2018, 15:12 Uhr

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