Die Belchenfrau - eine Begegnung der dritten Art

Die Weisse Frau vom Belchentunnel ist nur ein Fall von vielen. Tote, die einfach keine Ruhe geben, kämen immer wieder vor: Das sagt neben einem Parapsychologen auch ein renommierter Psychiater.

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Eigentlich wollten die beiden jungen Frauen von Basel nach Solothurn an die Herbstmesse fahren. Doch dann kurz vor dem Belchentunnel, diesem grossen schwarzen Loch, sehen sie eine Autostopperin auf dem Pannenstreifen stehen. Sie halten an, lassen die Frau einsteigen und fragen, wie es ihr gehe. «Leider gar nicht gut», sagt die bleiche, seltsam zerbrechlich wirkende Erscheinung: «Es wird etwas Schreckliches passieren.» Dann ist sie weg, verschwunden, ohne dass das Auto angehalten hätte.

Seither geistert die «Belchenfrau» durch unzählige Erzählungen, durch Zeitungen und Fernsehberichte. Das Geisterbuch «Orte des Grauens» bezeichnet sie darum als eine der bekanntesten unerklärlichen Erscheinungen der Schweiz. Doch was ist dran an dieser Geschichte, die sich am 23. September 1983 ereignet haben soll?

Mysteriöse Stimmen

«Das ist eine interessante Frage», sagt Matthias Güldenstein, Parapsychologe und Mitbegründer der Psi-Tage, 25 Jahre danach. Er sitzt im Sitzungsraum des Psi-Zentums in Riehen, das gleichzeitig sein Wohnzimmer ist, und spricht zuerst einmal über unglücklich verliebte Jugendliche und unterdrückte Sekretärinnen, die unbewusst einen Spuk auslösen können; über Handtücher, Ordner und ganze Bücherregale, die von Geisterhand bewegt durch den Raum gleiten oder auf den Boden stürzen; über unerklärliches Klopfen und mysteriöse Stimmen in alten Häusern; über das Klirren von Waffen und Schreie sterbender Menschen, die auf früheren Schlachtfeldern ewig nachhallen.

Güldenstein kennt viele Fälle von Spuk, die angeblich belegt sind, seine Bibliothek ist voll von esoterischen Werken. Er liebt diese Geschichten und wer dem Mann mit dem Rauschebart in diesem hellen, lichtdurchfluteten Zimmer mit seinen flauschigen Teppichen und den vielen Pflanzen zuhört, der wird von einem wohligen Grauen gepackt. Güldensteins Geisterwelt ist eine gute, seine Geschichten haben häufig ein Happy End wie das «Dschungelbuch» und die anderen Trickfilme, die in der Videothek des Familienvaters stehen. «Die meisten Geistwesen sind zufrieden und offen für Kontakte mit den Lebenden », sagt Güldenstein. Störend seien die Toten nur in Ausnahmefällen.

Den Spuk unterscheidet Güldenstein in zwei Kategorien: > Einerseits: Den personengebundenen Spuk, verursacht von Menschen mit psychischen Problemen, die ihre Frustrationen ausserhalb ihrer Körper ausleben. > Andererseits: Den ortsgebundenen Spuk, einem Energiewirbel, der bei einem schrecklichen Ereignis erzeugt worden ist. Ähnliche, schwer erklärbare Phänomene können auch von Geistwesen ausgelöst werden, die sich vom erfahrenen Leid noch nicht befreit haben und auf ihre unglückliche Situation aufmerksam machen möchten. Besonders sensible Menschen können dies wahrnehmen und allenfalls sogar Kontakt mit den Geistwesen aufnehmen, um ihnen, immer gemäss Güldenstein, verständlich zu machen, dass sie sich nun endlich von der physischen Welt trennen sollten.

Bei der Belchenfrau ist der Fall für Güldenstein einigermassen klar: «Diese Erscheinung ist ein ortsgebundener Spuk oder ein Geistwesen.» Möglicherweise sei die Frau irgendwo auf der Autobahn bei einem Unfall gestorben. Weiter spekulieren möchte er aber nicht, dafür kenne er die Umstände zu wenig. Güldenstein ist überhaupt vorsichtig bei seinen Bewertungen. Den Eindruck, ein Fantast zu sein, will er möglichst vermeiden. «Es gibt nun mal sehr ungewöhnliche Begebenheiten auf dieser Welt», sagt er, «man kann sie zwar nicht beweisen, das Gegenteil aber auch nicht.»

Beim Psychiater

Wissenschaftler, die sich selber als seriös bezeichnen, halten Güldensteins Theorien natürlich trotzdem für Humbug. Eine der ganz wenigen Ausnahmen ist Jakob Bösch, ehemaliger Leiter der Externen Psychiatrischen Dienste Baselland. «Raum und Zeit gibt es nicht wirklich», sagt er. Sie seien nur ein Konstrukt, das es den Menschen erleichtere, sich auf der Welt zurechtzufinden. Bösch selber will sich nichts vormachen. «Vergangenheit und Gegenwart bilden ein grosses Ganzes», sagt er. Und so findet er auch nichts Aussergewöhnliches an Kontakten zwischen Lebenden und Verstorbenen. «Erscheinungen wie im Belchentunnel gibt es immer wieder», sagt er. Nur könne sie nicht jeder sehen. Dafür brauche es «erweiterte Wahrnehmungsmöglichkeiten ». Eine Fähigkeit, die laut Bösch auch zur Belastung werden kann: «Intensive Wahrnehmungen können sich zu Angstund Wahnzuständen entwickeln.»

Sein Nachfolger bei den Externen Psychiatrischen Diensten, Alexander Zimmer, hat etwas andere Ansichten. Er hält die Toten für tot und die Vergangenheit tatsächlich für passé. Trotzdem ist auch er überzeugt, dass einzelne Menschen Verstorbene sehen können. «Sie bilden diese Erscheinungen aus ihrer eigenen persönlichen Erinnerung. Jeder Mensch schafft sich die Welt aus seiner Innenwelt», sagt er.

Die Belchenfrau – eine reine Einbildung? Eine Spiegelung der eigenen Befindlichkeit? Oder sogar nur eine Legende? Selbst das schliesst auch der Parapsychologe Güldenstein nicht ganz aus: «Seltsame Erscheinungen werden sehr vielen Tunneln nachgesagt. Wahrscheinlich hat es in irgendwelchen Tunneln auch tatsächlich Begegnungen mit Geistwesen gegeben. Nun werden diese Erfahrungen aber auf alle möglichen Orte übertragen.»

Skeptisch stimmt ihn auch, dass ein befreundetes Medium seit Jahren regelmässig durch den Belchentunnel fahre, ohne je etwas Aussergewöhnliches gespürt zu haben. «Auf anderen Abschnitten bekommt sie immer wieder eine Gänsehaut, und die Haare stellen sich ihr auf», sagt Güldenstein.

Suche nach der Zeugin

Trotzdem muss irgendetwas dran sein an dieser Geschichte vom 23. September 1983. Nach umfangreichen Recherchen der BaZ steht jedenfalls fest, dass es die beiden Frauen tatsächlich gegeben hat, dass sie an jenem Montagabend verstört ins Härkinger Restaurant «Zur Spanischen» kamen, dass sie dort die Polizei alarmierten und danach wieder nach Basel zurückfuhren. Über den Hauenstein und nicht mehr durch den Belchentunnel. Einige Tage später schilderte eine der beiden Frauen der Volkskundlerin Elisabeth Pfluger das Erlebnis. «Es war auf den ersten Blick zu sehen, dass diese Frau etwas Schlimmes erlebt hat. Sie war noch immer ganz verunsichert », sagt Pfluger.

Die Sagensammlerin schrieb die Schilderungen im Solothurner Kalender von 1985 auf, was zur Referenz für alle weiteren Berichte über die Belchenfrau wurde. Den Namen der Autofahrerin hat Pfluger nie verraten. Die BaZ hat ihn trotzdem herausgefunden. Nach längerem Überlegen lehnte die Frau, eine erfolgreiche Juristin aus dem Grossraum Basel, ein Gespräch aber ab. «Ich will das alles nicht nochmals hervorkramen», sagt sie. Offenbar hat sie in jener Septembernacht vor 25 Jahren tatsächlich etwas Schreckliches erlebt.

Lesen Sie morgen in der BaZ: Das grosse Interview mit Psychiater Alexander Zimmer. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.10.2008, 15:30 Uhr

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