Thomas Weber nimmt Ärzte-Exodus in Kauf

Für den Baselbieter Gesundheitsdirektor wäre eine vorzeitige Schliessung des Bruderholzspitals verkraftbar. Eine Angebotsreduktion im Bruderholzspital sei keine Gefahr für die kurzfristige Gesundheitsversorgung.

Knalleffekt statt Vertrauen. Die Gesundheitsdirektoren der beiden Basel stossen mit ihrem Vorgehen die Bruderholz-Ärzte vor den Kopf.

Knalleffekt statt Vertrauen. Die Gesundheitsdirektoren der beiden Basel stossen mit ihrem Vorgehen die Bruderholz-Ärzte vor den Kopf. Bild: Dominik Plüss

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Kann die Massenkündigung der Ärzte des Bruderholzspitals noch verhindert werden? Nein, sind Gesundheitsexperten und Fachleute aus Politkreisen überzeugt. Und dies ist auch nicht die Absicht. Insider bestätigen der BaZ: Gesundheitsdirektor Thomas Weber (SVP) und sein Basler Kollege Lukas Engelberger (CVP) haben nicht nur mit der Unsicherheit bei der Belegschaft auf dem Bruderholz gerechnet, sie nehmen einen Personal-Aderlass und gar eine vorzeitige Schliessung des Bruderholzspitals in Kauf. «Wir haben bewusst eine Entscheidung zugunsten einer langfristig optimierten Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung in der Region gefällt. Dass nicht jeder für sich eine Zukunft im KSBL sieht, muss man in Kauf nehmen», sagt Thomas Weber auf Anfrage.

Im Juni verkündeten Weber und Engelberger, das Basler Uni-Spital und das Kantonsspital Baselland (KSBL) mit seinen drei Standorten zu fusionieren. Der Standort Bruderholz soll zum Ambulatorium oder zur Tagesklinik werden. Das stationäre Geschäft wird künftig in Liestal oder Basel stattfinden. Was dies für die Ärzte und ihre Teams im Bruderholz bedeutet, ist unklar. Erst in einem Jahr soll das Konzept stehen.

Die BaZ berichtete gestern über einen Protestbrief der Personalkommission des Bruderholzspitals. Im Schreiben ist die Rede von «Vertrauensverlust», «Existenzangst», «Frustration» und dem «Ärzte-Exodus», der bereits in vollem Gange sei. Über eine für gestern angekündigte Aussprache zwischen Personal und Spitalleitung ist der BaZ nichts weiter bekannt. Das KSBL teilt mit: «Wir geben keine weitere Auskunft zu diesem Thema.»

Weber kontert Kritikern

Weniger zugeknöpft gibt sich Gesundheitsdirektor Weber: «Wir befinden uns in einem grossen und wichtigen Veränderungsprozess. Dass dieser auch Unsicherheit und Existenzängste auslöst, war zu erwarten», sagt er. Das Ausmass jedoch sei schwer einzuschätzen. Dennoch ist Weber überzeugt, dass die Chancen des Projekts die Risiken, etwa eines Aderlasses, überwiegen: «KSBL und USB planen auf dem Bruderholz eine innovative Tagesklinik für ambulante Eingriffe, die schweizweit ausstrahlen wird.» Und Abgänge in Spitälern gebe es immer wieder, wie vor zwei Jahren die Orthopäden des KSBL auf dem Bruderholz oder der Abgang von Victor Valderrabano im Uni-Spital.

Fachleute sind überzeugt, dass mit der Abwanderung der Ärzte das Spital in etwa zwei Jahren nicht mehr funktionsfähig ist und geschlossen werden muss. Dazu Weber: «Zwei Jahre sind keine Zeit in der Gesundheitsplanung, so viel Geduld sollte man haben.» Nimmt der Gesundheitsdirektor in Kauf, dass die nächsten Jahre fürs Bruderholzspital schwierig werden, weil die paar Jahre bis zur Umsetzung gesundheitspolitisch eine kurze Zeit sind? «Das ist so.» Er betont nochmals, dass das Projekt in der Konzeptphase stehe und grosse Chancen für neue medizinische Ansätze biete, welche die Gefahren, wie einen Aderlass von Ärzten, überwiegen.

Der mögliche Aderlass und eine daraus folgende Angebotsreduktion im Bruderholzspital sei aber keine Gefahr für die kurzfristige Gesundheitsversorgung, sagt Weber. Das KSBL müsse wie alle Spitäler laufend auf die jeweils aktuelle Situation reagieren. Auch den Befürchtungen von Ärzten, dass ein Ambulatorium generell nicht reicht, um all die Patienten zu behandeln, entgegnet der Gesundheitsdirektor: «Die Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung wird nicht gefährdet – auch nicht der Notfall. Die Tagesklinik soll ab 2020 umgesetzt sein. Die Konzepte werden aufzeigen, wohin welche heutigen Angebote verlagert werden.»

Dennoch: Wenn Weber und Engelberger das Personal in die Planung miteinbezogen hätten, wäre das Vertrauen in ihre Politik und in die Spitalleitung nicht verloren gegangen – wahrscheinliche Einbrüche bei den Fallzahlen und Mindereinnahmen in Millionenhöhe hätten vermieden werden können. Weber: «Die Überlegung war, dass wir dieses fundamental wichtige Geschäft nicht in der Öffentlichkeit breittreten.» Zudem wollten sie einen möglichst weiten Zeithorizont abstecken. Das gehe nicht, wenn man von Anfang an alle einbeziehe. «Die Mitarbeitenden sind jetzt in der Phase der Konzepterarbeitung in die Arbeitsgruppen eingebunden. Die Gespräche mit dem Personal sind Aufgabe des KSBL», sagt Weber.

Angst um Notfallstation

Politiker, die zum Teil den Prozess mitverfolgt haben, erzählen eine etwas andere Version: Weber und Engelberger haben sich bei der Güterabwägung zwischen dem Vertrauen der KSBL-­Mitarbeiter und dem politischen Knalleffekt für Letzteres entschieden. Beide hätten sich politisch profilieren wollen. Insbesondere Weber, der wegen der hohen Gesundheitskosten den Landrat und den Finanzdirektor im Nacken hat. «Die Regierungsräte haben das Vertrauen geopfert», heisst es. Und KSBL-CEO Jürg Aebi soll seine Leute jetzt bei der Stange halten. «Das geht nicht», sind die Insider überzeugt.

«Die Regierungsräte unterschätzen die Situation», heisst es aus Politkreisen. Die besten Ärzte im Bruderholz werden abspringen, weitere folgen, bis die Klinik nicht mehr funktionsfähig ist. Vielleicht, so die Hoffnung der Fachleute, bleibt eine improvisierte Notfallstation übrig, damit Basel nicht überlastet wird. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.08.2015, 07:11 Uhr

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