Tote Kälber für Aasfresser ausgelegt

Amtstierarzt verzeigt Bauern wegen «illegaler Entsorgung» von Kadavern.

Symbolbild: Die beiden Kälber habe er als Futter für Wildtiere wie Rotmilan, Schwarzmilan oder den Luchs ausgelegt.

Symbolbild: Die beiden Kälber habe er als Futter für Wildtiere wie Rotmilan, Schwarzmilan oder den Luchs ausgelegt.

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Beide Herren, die gestern ihren Auftritt vor dem Strafgericht Muttenz hatten, haben ihr Haar lang wachsen lassen: Der angeklagte Demeter-Bauer aus einem kleinen Dorf im Laufental bindet es zum Rossschwanz; der Anzeigesteller, ein im Mai eingebürgerter Tierarzt vom Baselbieter Veterinäramt, zum Dutt. Das lange Haar war aber die einzige Gemeinsamkeit; man befand sich in verschiedenen Welten: Der biodynamisch ausgerichtete Bauer lässt sein totes Kalb auf der Weide liegen, damit sich die Herde verabschieden und der Luchs sich daran gütlich tun kann. Das sei der natürliche Lauf der Natur, die auf diesem Weg Tausende von toten Wildtieren bewältigt.

In der Welt des Tierarztes ist das Verhalten des Bauern Frevel und Gefahr für die Umwelt: Ein totes Kalb muss innerhalb von 24 Stunden auf der Sammelstelle landen oder in der Tiefkühltruhe gelagert sein. Er verzeigte den Bauern wegen «illegaler Entsorgung». Dahinter wiederum vermutet der Bauer, der zur Tatzeit als Gemeinderat kandidieren wollte, eine politische Abrechnung. Wer erhält von Einzelrichter Daniel Ivanov nun recht? Dutt- oder Rossschwanzträger?

Das Unglück auf dem Hof mit damals 13 Tieren ereignete sich im März 2017, als es noch etwas morastig und kühl war. Innerhalb von zwei Tagen verendeten zwei acht Monate alte Kälber auf dem Hof – das eine, «Zobel», starb eines natürlichen Todes. Das andere, «Bienvenu», hatte der Bauer übersehen, als er mit geladenem Heuballen den Rückwärtsgang des Traktors einlegte. Er überfuhr das Tier in der Futtergasse tödlich.

Futter für wilde Fleischfresser

Beide Kälber legte er auf die eingezäunte Weide, als Futter für Wildtiere wie Rotmilan, Schwarzmilan oder den Luchs, wie er gegenüber den Behörden begründete. Als ehemaliger Präsident des jurassischen Naturschutzbundes beklagt der Bauer denn auch, dass verendete Tiere zu schnell entsorgt würden. Das sei der Grund dafür, dass die Population der Aasfresser um bis zu zwei Drittel gesunken sei.

Allerdings verschmähten die wilden Fleischfresser das ausgelegte Kalbfleisch der Gattung «Schottische Hochlandrinder». Drei bis fünf Tage lang lagen «Bienvenu» und «Zobel» auf der Weide, bis ein Hundespaziergänger die Kadaver entdeckte. Er orientierte die Gemeinde. Dann nahm die Sache ihren amtlichen Lauf.

Hätte sich der für das Laufental offiziell zuständige Amtstierarzt der Angelegenheit angenommen – jener, den er kenne –, dann wäre die Angelegenheit nicht so aufgebauscht worden, vermutete der Bauer. Ohnehin hätte er am nächsten Tag die Kadaver entsorgen wollen. Man hätte auf eine Strafanzeige verzichten können.

Aber da war nicht der ortskundige Veterinär, sondern der deutsche Dutt-Träger. Statt sich beim Bauern zuerst vorzustellen, marschierte dieser ungefragt mit örtlichen Gemeindebehörden aufs private Feld hinaus, machte Fotos und belieferte offenbar auch noch umliegende Gemeindebehörden mit dem amtlichen Bildmaterial. Dazu kam eine Verzeigung und ein Strafbefehl von 450 Franken.

«Es gibt klare gesetzliche Bestimmungen über die Entsorgung von Kadavern, es ist keine Option, tote Kälber in die Umwelt zu werfen», begründete der Amtstierarzt vor Gericht. Von Kadavern ginge eine Krankheitsgefahr aus, argumentierte er, nicht ohne den Hinweis auf Rinderwahnsinn (BSE) zu vergessen.

Seine Rinder würden nur natürlich, ohne Antibiotika und Fleischzusätze ernährt. Der BSE-Vorwurf, die Fotos – das sei Rufmord, eine Schmutzkampagne, um ihn fertigzumachen, argumentierte der Biologe, Winzer und Gymnasiallehrer. Der Fall sei die Folge einer nachtragenden Lokalbevölkerung, weil er als ehemaliger Spitalverwalter in Laufen habe «aufräumen» müssen und als Gemeinderat kandidieren wollte.

Verständnis für den Bauern

Richter Ivanov brachte ein gewisses Verständnis für das Verhalten des Beschuldigten auf: Dass die Natur Aas im grossen Stil auf natürliche Weise entsorge, sei plausibel. Aber als Richter könne er sich nicht über Verordnungen hinwegsetzen. Diese sähen «eine rasche Beseitigung der Kadaver» vor. Bei drei bis fünf Tagen könne man nicht von «rasch» sprechen. Er bestätigte den Strafbefehl.

Weshalb der Amtstierarzt Fotos der Kadaver an Verantwortungsträger in umliegenden Gemeinden per Mail versandte und damit den Bauern anschwärzte, bleibt sein Geheimnis: «Diese Geschichte ist erledigt», sagte der Dutt-Träger der BaZ und erklärte darauf das Gespräch «für beendet». (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.08.2018, 07:23 Uhr

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