Der Tag, an dem das Elsass starb

In nur sieben Minuten wurde in Paris die eigenständige Region von der Landschaft gestrichen. Der Schock ist gross, doch die Protestbewegung lebt.

Keine eigenständige Region mehr: Der Schock im malerischen Elsass ist gross.

Keine eigenständige Region mehr: Der Schock im malerischen Elsass ist gross. Bild: Keystone

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All die Proteste und Demonstrationen im Vorfeld haben nichts gebracht. Vergangenen Dienstag hat der Senat in Paris der neuen Regionalaufteilung in Frankreich zugestimmt, wenn auch nur knapp. 277 waren dafür, 253 waren dagegen und 30 haben nicht an der Abstimmung teilgenommen. Für einige Elsässer wurde denn auch am Dienstagnachmittag, um 16.50 Uhr, das Todesurteil für das Elsass gefällt. Auf jeden Fall war die vergangene Woche eine schwarze Woche in der Geschichte der ostfranzösischen Weinregion.

Das Entsetzen wie die Schockstarre bei den Elsässern ist entsprechend gross. Die meisten von ihnen sehen die durch die Geschichte bedingte Identität als nicht vereinbar mit anderen Regionen. Zu unterschiedlich die Kultur, die Mentalität, die Zweisprachigkeit. Vor allem aber sorgt im Elsass für rote Köpfe, dass sich die Abgeordneten nicht mal mehr Zeit genommen haben, um auf die Argumente der Gegner dieser «Réforme territoriale» einzugehen. «Sie brauchten sieben Minuten, um das Elsass von der Karte zu streichen und um uns zu demütigen», sagte ein ver ärgerter Charles Buttner, Präsident des Conseil Général du Haut-Rhin in Mülhausen, am Donnerstagabend.

Mal deutsch, mal französisch

In einer Stellungnahme hat er seinem Unmut Luft gemacht und darauf hingewiesen, dass er mit diesem Entschluss der Regionenzusammenlegung in keiner Weise einverstanden sei. «Sieben Minuten brauchten sie, um das Elsass in die Geschichtsbücher zu verbannen. In diesen sieben Minuten haben sie auch die Demokratie ausgehebelt und ein Gebiet von der Landkarte gestrichen, das ebenso eine symbolische Bedeutung hat wie die Berliner Mauer.»

Damit spielt Buttner auf die bewegte Geschichte des Elsass an, das in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder mal deutsch und mal französisch war, ein Teil hatte sogar zur Eidgenossenschaft gehört. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Elsass Frankreich zugeschlagen, aber die starke Identifikation mit der eigenen Geschichte ist gerade in Haut-Rhin mit dem Dreiland bis heute geblieben. Ebenso das Verständnis, dass man eine Pufferzone zwischen Deutschland und Frankreich darstellt, wo das fried liche Zusammenleben der beiden Staaten besonders exemplarisch gelebt wird. Zur Identifikation, die jetzt heimatlos wird, gehört auch das alemannische «Elsässisch».

«Tötet das Elsass nicht»

Für Buttner ist es inakzeptabel, dass man sich mit so wenig Zeit für die Beratung einfach über den Willen der Elsässer hinweggesetzt hat. Diese haben sich in den vergangenen Wochen massiv und lautstark gegen diese Gebietsreform ausgesprochen. Verschiedene Gruppen und Bürgerformationen haben vor der Abstimmung immer wieder zum Widerstand aufgerufen. Bei den Protesten ging es nicht in erster Linie um Politik, obwohl auch solche Kräfte dabei waren; im Vordergrund stand das, was viele in den Departements Haut-Rhin und Bas-Rhin verbindet: Elsässer zu sein. «Alle Elsässer sind ein wenig Autonomisten, sie wollen frei sein und über sich selber bestimmen können», heisst es in einem Kommentar im Internet. Und in einem anderen steht: Elsässer wollten verhindern, dass das Elsass und seine Kultur verschwindet.

An den Demonstrationen in Strassburg waren dann auch grosse Schriftzüge mit «Touche pas à l’Alsace» (Hände weg vom Elsass) zu lesen und etliche rot-weisse Fahnen wehten, die Farben des Elsasses. Es wurden Unterschriftensammlungen lanciert, bei denen Tausende mitmachten. Auch vor der Abstimmung am Dienstag gab es Protestkundgebungen: Abgeordnete aus den Departements Haut-Rhin und Bas-Rhin begleitet von elsässischen Fusionsgegnern hatten sich in Paris vor dem Parlaments gebäude versammelt, um noch in letzter Minute das drohende Ungemach abzuwenden. Und ein UMP-Abgeordneter hatte ein Transparent aufgehängt, auf dem stand: «Tötet das Elsass nicht.»

Demonstration in Colmar

Es blieb noch eine kleine, allerletzte Chance: Abgeordnete berieten am Donnerstag nochmals darüber, ob es statt den 13 nicht doch 15 Regionen geben könnte. Damit hätte das Elsass doch eigenständig bleiben können. Auch diese Hoffnung wurde zerschlagen. Nun muss das Elsass mit den Gebieten Lorraine und Champagne-Ardenne zusammen eine Grossregion bilden. Hauptstadt dieser Region soll Strassburg bleiben.

Ganz geschlagen geben sich die Elsässer noch nicht. Heute Sonntag kommt es ab 15 Uhr beim Bahnhof in Colmar zu einer grossen Demonstration gegen die Entscheide in Paris. Zudem wollen die Fusionsgegner ein Referendum lancieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.11.2014, 07:27 Uhr

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