Buch

Die BaZ – geliebt und gehasst

Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Basler Zeitung mit der richtigen Mischung aus Nähe und Distanz.

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Der Titel passt. «Heraus­gefordert» heisst er. Die Geschichte der Basler Zeitung schildert er. Es ist – soeben erschienen – ein enormes, schönes Buch von 352 Seiten. Klug aufgebaut, gut gemacht, ein Stück Basler Zeit-, Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte, konzipiert und geschrieben mit der für dieses heikle Thema genau richtigen Mischung aus Nähe und Distanz. Und mit einer Fairness, die im heutigen ­Medienbetrieb selten geworden ist.

Der Herausforderung gestellt hat sich Walter Rüegg, bekannt als früherer Direktor des Schweizer Radios, ein Ökonom, Journalist und ehemaliger Verlagsmanager (BaZ, Vogt-Schild). Er hat als Herausgeber zwei Kreise ge­zogen. Zunächst ein Trio von hervor­ragend dokumentierten und gut schreibenden Historikerinnen und eines Medienwissenschaftlers: Christina Klausener, Rahel Walser und Dominic Wirz. Als Autoren liefern sie zusammen mit dem ebenfalls schreibenden Heraus­geber die genaue, akten- und fakten­basierten Kapitel der BaZ-Biografie.

Den zweiten Kreis bilden direkt Betroffene und Beteiligte aus der Basler Medien- und Wirtschaftswelt – vom ­diplomatischen Andreas Burckhardt bis zum brillanten Helmut Hubacher. Sie würzen ihre Gastbeiträge mit dem, was ebenfalls zu einer Mediengeschichte ­gehört: direktem Zeugnis, Subjektivität, Emotion.

Dies ist kein Auftragsbuch, sondern ein Werk der Christoph Merian Stiftung, in deren Verlag es erscheint; ­damit ist das Projekt hinsichtlich seiner Integrität und Unabhängigkeit über alle Zweifel erhaben, und es wurde dank den tiefen Taschen dieser Stiftung erst noch ein ausgesprochen freundlicher Verkaufspreis von 34 Franken möglich. Die Lektüre ist extrem spannend und ­erhellend, auch für jemanden, der ­manche Zusammenhänge schon kennt. Es wird ein Bestseller sein, nicht nur in Basel.

Eine Zeitung wie der Zolli

Die Architektur des Buches über die Basler Zeitung ruht richtigerweise auf ausgreifenden Porträts der beiden Vorgängertitel, die 1976/1977 unter dem Druck schlechter Betriebsergebnisse der heimlichen Grossaktionärin Jean Frey AG und ermüdeter Mäzene zu­sammengekoppelt wurden. Doch was da zusammenkam, hat nie zusammengehört, das illustrieren die fundierten Aufsätze von Rahel Walser («Basler Nachrichten») und Dominic Wirz ­(«National-Zeitung») vortrefflich. Die «Basler Nachrichten» (BN) ­hatten – ausser in kurzen Phasen der frühen Nachkriegszeit – nie nachhaltig rentiert, aber: «Einem Weinkeller gleich» habe sich das reiche Bürgertum der Stadt eine eigene Zeitung gegönnt, «wie es sich auch den Zoologischen Garten oder die Orchestergesellschaft geleistet hat». Und so wurde das Image der BN vor allem geprägt durch ihre Geldgeber im Hintergrund. Das waren vor allem der Schweizerische Bank­verein und in geringerem Masse die Pharma sowie die Basler Versicherung.

In den letzten Jahren hat paradoxerweise der Erfolg, den Chefredaktor ­Oskar Reck mit seinem freigeistigen Kurs und seiner Zivilcourage auf dem Lesermarkt erzielte, das Ende der BN beschleunigt. Die Redaktion zog sich damit den Unwillen des Verwaltungs­rates zu, vor allem der subventionierenden Roche, denn niemand schrieb so harten Klartext zur Seveso-Katastrophe wie Reck. Der Chefredaktor wurde von Roche-Generaldirektor Alfred Hartmann abgekanzelt, blieb aber standhaft. Doch er hatte die Finanzen seiner Redaktion nicht im Griff und blieb dringend auf Subventionen angewiesen. Am Ende hatte der Verwaltungsrat ­keine Lust mehr, ein Blatt zu füttern, in dem er seine eigenen Positionen immer weniger wiederfand.

Unberechenbar, radikal, populär

Demgegenüber profilierte sich die National-Zeitung als linksliberales Blatt mit klarer Aussprache und dem frechen baslerischen Geist des Widerspruchs, nonkonformistisch, sozial, ohne verbotene Themen. Die noble ­Verlegerfamilie Hagemann schützte das redaktionelle Biotop, das voll war von Eigengewächsen. Brillante Köpfe wie Heinrich Kuhn, Arnold Künzli (später Hochschullehrer und Buchautor) oder Rolf Eberhard, als Bundesstadtredaktor der meistgefürchtete Militärkritiker, konnten ungehindert ihre Pirouetten drehen und dies in einer Zeit der wachsenden Unrast: 1968er Studenten­unruhen, Vietnamkrieg und auf regionaler Ebene die wachsende Skepsis ­gegen die Grosstechnik (Kaiseraugst), das er­wachende Umweltbewusstsein. Die Nazi-Zytig stand klar auf der Seite der Besetzer.

Mit einem basisdemokratischen Redaktionsstatut von 1970 schützte sich die Redaktion gegen den Einfluss eines Verlegers, der gar nicht daran dachte, Einfluss zu nehmen – und gegen den Druck einer Wirtschaft, die kaum Druck ausüben konnte, weil es der National-Zeitung geschäftlich damals glänzend ging und sie entsprechend druck­unempfindlich war.

Aber als der Ölschock von 1973 die erste scharfe Rezession auslöste und die Erträge der Zeitungen dramatisch einbrachen, wurden die basisdemokratisch aufgeladenen Redaktoren nicht einmal mehr gefragt. Im Geschäftsjahr 1974/­1975 schrieb die National-­Zeitung zum ersten Mal rote Zahlen. Verschärft wurde die Lage noch durch die Last der Investitionen in den technischen ­Betrieb.

Wirtschaftlich passte das eine zum anderen, so kam es zur Fusion. Es war die erste und folglich am dramatischsten erlebte und kommentierte Kon­solidierungsbewegung auf dem Markt der Schweizer Druckmedien. In den folgenden Jahren mussten alle Beteiligten lernen, dass Zahlenlogik allein im ­Mediengeschäft nicht zum Ziel führt. Die «weichen Faktoren» – Gewohnheit, Akzeptanz, Gefühle, Vorurteile – können eine verdammt harte Rolle spielen.

Die Fusion hatte die Leserschaften der beiden profilierten Vorgänger­blätter heimatlos gemacht – für schlechte Stimmung gegenüber dem Neuen, wie immer es daherkommen mochte, war gesorgt.

Nach kurzer Planungsfrist erschien am 31. Januar 1977 die erste Ausgabe der neuen Basler Zeitung. Sie kam nicht gut an. Peter Ziegler, 1978 bis 1988 Chef der BaZ-Auslandredaktion, sagte es in freimütiger Selbstkritik: «Verlag und Redaktion kuschten. Statt hart­näckig, konsequent, unbeeindruckt von der miesen Stimmung und langfristig denkend – Erfolg war in der damaligen Situation nur langfristig zu haben – eine inhaltlich zwar offene, aber gleichwohl charakterstarke Zeitung zu machen, setzte man auf Anbiederung. Und wie man sich verbeugte und krümmte, verlor die Zeitung erst recht an Respekt und Relevanz. Die BaZ geriet zum ­Beliebigkeitsprodukt.»

Detailgetreu und faktenstark

Offenkundig auf der Grundlage des Vertrauens und der Kooperation der meisten Handelnden und Betroffenen nimmt das Buch die einzelnen Stationen der BaZ-Geschichte durch: die Neukonzeption von 1983 unter Hans Peter Platz, die beispiellose unternehmerische Expansion unter Peter Sigrist (der in Rüeggs Darstellung zu schlecht wegkommt. Er wird, vor allem gestützt auf die Aufzeichnungen seines Intimfeinds Fritz Latscha, einseitig als autoritärer Rüpel dargestellt. Das ist nach meiner persönlichen Wahrnehmung als enger Mitarbeiter in diesen Jahren ungerecht.)

Just als eine neue Konjunkturkrise die Anzeigenerträge um ein Viertel kürzt, setzt die BaZ zum Sprung aus dem nordwestschweizerischen Käfig an, übernimmt erst die Druckerei ­Winterthur, dann schrittweise die Curti Medien mit der Ertragsperle «Beobachter» und den Pflegefällen «Weltwoche» und «Sport». Die neuen Besitzer bluten finanziell aus. Mit hohen Verlusten trennt man sich vom unseligen Zürcher Engagement und bemerkt, dass man ob all der Turbulenzen die BaZ vernach­lässigt hat. Die bekommt immer mehr Gegenwind, und auch die gute alte Milchkuh «Baslerstab» gibt nicht mehr so viel her. Ab Ende der 90er-Jahre setzen die ­Gratiszeitungen zusätzlichen Druck auf. Das Internet ergreift Besitz von den Menschen. Die Medienlandschaft wird umgepflügt, die Basler Mediengruppe steht geschwächt vor grossen Herausforderungen – und immer weit über den Branchendurchschnitt belastet mit der Amortisation grosser Druckanlagen, die vor allem für den «Coopzeitung»-Auftrag installiert wurden.

Ein Gang durch die Hölle

2006: Der Entscheid von Mathis ­Lüdin, seine «Basellandschaftliche Zeitung» an Peter Wanners AZ zu verkaufen, leitet unter der Verantwortung von Matthias Hagemann den Rückbau der Gruppe ein. Ab 2008 geht die Firma durch die Hölle. Druck- und Zeitungs­erlöse brechen gleichzeitig ein, das ­Eigenkapital schwindet. Die Häme der Konkurrenz begleitet jeden Schritt. Der Verkauf von 2010 an die Swissfirst-Bank ist nur die zweitbeste Lösung. Den Hagemanns (und ihrem diskreten ­Minderheitsaktionär PubliGroupe) wäre die NZZ lieber gewesen. Aber ­deren Verwaltungsrat klemmte. So kam die BaZ in die Hände der Tettamantis, Wagners, Suters, schliesslich der Blochers. Ob die Schilderung dieser neuesten Vorgänge ebenso solid fundiert ist wie die vorangegangenen Kapitel, mag offenbleiben. Ich habe jedenfalls bis jetzt keine abgewogenere und plausiblere Gesamtdarstellung gelesen. Man sieht trotz vielen Bäumen den Wald wieder. Also: Dieses Buch ist eine Spitzenleistung, man muss es lesen, weil man viel Wichtiges erfährt und sich dabei glänzend unterhalten kann.

Investition in verjährtes Konzept

Jetzt soll die BaZ also zum publi­zistischen Gegengewicht zum lang­weiligen, halb linken Tamedia- und SRG-Mainstream werden. Wohlan! Aber eine Frage bleibt in dem vortrefflichen Buch offen: Warum in aller Welt investiert ein erfahrener Kaufmann wie Christoph Blocher 100 oder mehr Millionen Franken in ein Zeitungskonzept, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und durch die Entwicklung seit 1945 definitiv verjährt ist? Zeitungen, die sich als Herolde von Ideologien und als Fahnenträger von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen verstanden haben, sind überall untergegangen. Überlebt haben Forumskonzepte mit hohem Servicenutzen, die der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung trugen: Mobilität, Frauenemanzipation, Globalisierung, Entfremdung der Massen von Parteien und Religionen, interessen- statt ideologiegesteuerte Stimmabgabe.

Ja, die BaZ ist heute wieder inte­r­essanter als früher, und der frisch erwachte Wettbewerb auf dem Platz Basel tut ihr gut. Aber es ist wohl möglich, dass man sich eines Tages an das ­Bonmot des unvergesslichen Heinrich Oswald erinnern wird: «Gute Marschleistung, falsche Marschrichtung!»

Walter Rüegg (Hg.): Herausgefordert – Die Geschichte der Basler Zeitung. Christoph Merian Verlag, 352 Seiten, 34 Franken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.11.2012, 11:32 Uhr

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