Paris lässt das Elsässisch absichtlich sterben

Autonomisten erheben sich zum letzten Widerstand für ihre Sprache, ihre Identität und ihre Minderheitenrechte. Schon viel zu lange verhalte sich Paris gleichgültig bis diskriminierend ihnen gegenüber.

Wie Gott im Elsass: Colmar und andere Elsässer Orte werden von in- und ausländischen Touristen gerne wegen des guten Essens besucht.

Wie Gott im Elsass: Colmar und andere Elsässer Orte werden von in- und ausländischen Touristen gerne wegen des guten Essens besucht. Bild: Fotolia

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Am Sonntag, 31. Mai, kam es zur jüngsten Demonstration gegen die Zerstörung der Elsässer Kultur. Solche klaren Worte benutzt inzwischen die Autonomie-Bewegung, die sich um die Organisationen «Unser Lànd» und «Unseri Heimet» gruppiert haben. Aufgerufen haben sie an jenem sonnigen Tag im Mai, um Eugen Ricklin (1862–1935) zu gedenken und damit ein Zeichen für die Elsässer Kultur sowie das Elsässische zu setzen.

In der Kleinstadt Dammerkirch im Sundgau versammelten sich darauf mehr als 600 Leute zu einem elsässischen Fest, schwangen die Fahnen des Elsasses «Rot ùn Wiss» und stellten ihre Forderung: Der ehemalige Bürgermeister, Abgeordnete des oberelsässischen Bezirktages sowie Abgeordnete für Elsass-Lothringen im Volksparlament soll rehabilitiert werden. «Er symbolisiert für uns die Notwendigkeit, dass es eine starke regionale Bewegung im Elsass gibt», sagt Bernard Stoessel von der «Force Centriste Alsace». Indem man Ricklin gedenke, nach dem im ganzen Elsass noch keine Strasse und kein Platz benannt worden ist, stemme man sich auch gegen die methodische Verdrängung des Elsässischen aus dem Alltag. Ultranationalisten und Hyperjakobiner würden in Frankreich die Auslöschung des Elsässischen vorantreiben, sagt Stoessel.

Seit die französischen Behörden 2014 beschlossen haben, das Elsass in die Grossregion Alsace-Champagne-Ardenne-Lorraine (Acal) zu integrieren, ist im Elsass Feuer im Dach. Jahrzehntealte Wunden brechen auf. Wie schon so oft in der jüngeren Geschichte fühlen sich die Elsässer übergangen und im Mitbestimmungsrecht stark beschnitten. Und sie erinnern sich daran, dass 1950 in Mülhausen die Beamten und Beamtinnen der Post richterlich bestraft wurden, wenn sie Elsässisch sprachen. Aber auch lange danach haben Franzosen ihren Hass gegenüber den Elsässern offen ausgelebt und ihnen ins Gesicht geschrien: «Votre sale dialecte – Euer dreckiger Dialekt.» Dieser Hohn gegenüber dem Elsässischen ist bis heute, wenn auch versteckter, geblieben.

Kein Recht auf Selbstbestimmung

Das Verhalten der Franzosen nur mit jüngster Geschichte und der Besetzung des Elsasses durch Nazi-Deutschland erklären zu wollen, wäre zu einfach. Denn dass die Elsässer mit den Nazis kollaboriert hatten und freiwillig Deutsch waren, wurde zwar Jahrelang so dargestellt, ist aber inzwischen von Historikern als französische Propaganda und einseitige Geschichtsdarstellung entlarvt worden. Die französische Staatspolitik jedoch weicht von ihrem elsässischfeindlichen Kurs der Nachkriegsjahre bis heute nicht ab. Joseph Schmittbiel vom «Elsässischen Heimatbund» sagt denn auch mit Blick auf die Grossregion, «Präsident François Hollande arbeitet unaufhörlich daran, das Elsass verschwinden zu lassen».

Für den bretonischen Verleger Yoran Embanner, der Bücher über die elsässische Geschichte und die elsässische Kultur herausgibt, gehen die französischen Umerziehungsmassnahmen nahtlos in das Bestreben der verblichenen Grande Nation über, dem Elsass seine Identität zu rauben: «Die Methode, welche die Franzosen anwenden, ist seit 1648 immer die gleiche: Die Kultur und die Geschichte und damit alles, was die Identität des besiegten Volkes ausmacht, in Abrede stellen und dafür Kultur und Sprache der Herrscher als Modell installieren.»

Für die Autonomisten ist die Frage um eine Integration in die Grossregion inzwischen zu einer Frage um den Stellenwert der Elsässer in Frankreich geworden – und um die Zukunft ihrer Identität. Vor allem sei die Abstimmung über die Gebietsumstrukturierung total undemokratisch abgelaufen, sagt Bernard Wittmann, einer der bekanntesten Historiker im Elsass und Verfechter von mehr Autonomie. «Diese Fusion wurde in Paris entschieden, ohne vorher die Bevölkerung zu befragen, und der Entscheid wurde auch gegen alle elsässischen Abgeordneten getroffen. Nicht einmal die elsässischen Sozialisten waren dafür.»

Das Elsässische ausradieren

Besonders stossen sich die Elsässer daran, dass den Korsen oder den Bretonen ihr Recht, eine eigene Region zu sein und eine eigene Sprache zu sprechen, eingeräumt wurde – nur das Elsass muss «integriert» werden. Yoran Embanner ist davon überzeugt, dass die Französierung zum Ziel hat, alles Elsässische auszuradieren: «Man behält nur, was bildhübsch und folkloristisch ist, da für den Tourismus gut und politisch harmlos, zum Beispiel den Gugelhupf, die elsässische Haube mit der trikoloren Kokarde, Hansi und die Störche.»

Für Embanner als Bretone gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen der Bretagne und dem Elsass: «Uns in der Bretagne ist ziemlich gleichgültig, welche Meinung man in Paris über die Bretonen haben könnte.» Den Elsässern hingegen habe man während Jahrzehnten ein Minderwertigkeits­gefühl eingeimpft, damit sie «französischer als ein Pariser» sein möchten. Embanner vergleicht die Elsässer mit dem Pop-King Michael Jackson, der beschämt über seine Herkunft viele schönheitschirurgische Operationen hatte über sich ergehen lassen, um weiss zu werden, und am Ende komplett entstellt war.

Die Zeit ist fast abgelaufen

Beide Völker, Bretonen und Elsässer, wollen, dass ihre Identität respektiert wird, ebenso ihre Sprache und ihre Kultur, und sie wollen das Schicksal ihres Landes in die eigene Hand nehmen – davon ist Embanner überzeugt. «Dass Frankreich die 1999 unterschriebene Charta für den Schutz von Sprachminderheiten bis heute nicht ratifiziert hat, sagt eigentlich schon alles über das Selbstverständnis der Franzosen», erklärt Wittmann. Dabei würden sich nach einer Umfrage von Europe1 72 Prozent der Franzosen für eine Anerkennung der regionalen Sprachen aussprechen.

Für den Elsass-Spezialisten Pierre Klein, der das Buch «Das Elsass verstehen» geschrieben hat, muss rasch ein Wandel in der Schule einsetzen, wenn das Elsässische und damit auch ein Herzstück der elsässischen Kultur gerettet werden soll. Es müsse bereits im Kindergarten Elsässisch unterrichtet werden, und auch in der Schule brauche es eine echte Zweisprachigkeit, sagt Klein. Nicht zwischen Hochdeutsch und Französisch, sondern zwischen Französisch und Elsässisch. «Die beiden Sprachen müssen zwei gleichberechtigte Teile der Kommunikation sowie im Unterricht werden», sagt Klein. Seine Forderung: Mindestens zwölf Stunden Unterricht in Elsässisch von Lehrpersonen, die diese Sprache auch tatsächlich sprechen; heute gibt es in einigen Gemeinden gerade mal eine Stunde. Ob diese Forderungen je eine Mehrheit finden werden, ist fraglich. Ebenso offen ist, wie erfolgreich am Ende die Autonomie­bewegung dagegen ankämpfen kann, dass der französische Staat das Elsässische praktisch ganz aus den Schulen, Universitäten und auch den Medien vertreibt. Jüngstes Beispiel: Der Staatssender France3 hat die Elsässisch-Sendung «Deux Rives» ersatzlos aus dem Programm gekippt.

Wittmann kritisiert auch die Medien im Land: Er bezeichnet die tendenziöse Berichterstattung der parisfreundlichen Journalisten, die nicht selten mit Spott und Arroganz über die Elsässer Autonomisten berichten, als befremdend. «Diese Medienschaffenden sollten sich lieber mal überlegen, ob es bei der Minderheitenfrage nicht auch um Demokratie und Menschenrechte gehe, Werte also, welche Frankreich angeblich so hoch achtet», sagt Wittmann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.07.2015, 07:02 Uhr

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