Gute Nachricht für die Prämienzahler

Warum tobende Chefärzte und wütende CEOs der Privatspitäler optimistisch stimmen dürfen.

Es entsteht der Eindruck, dass die Fusionsgegner auch keine bessere Lösung bereithaben als Thomas Weber (rechts) und Lukas Engelberger.

Es entsteht der Eindruck, dass die Fusionsgegner auch keine bessere Lösung bereithaben als Thomas Weber (rechts) und Lukas Engelberger. Bild: Nicole Pont

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Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen soll gebremst werden, die Krankenkassenprämien dadurch nicht weiter so brutal ansteigen. Doch die fatalistischen Politik-Beobachter glauben den hochtrabenden Beteuerungen kaum, die unsere beiden Gesundheitsdirektoren Thomas Weber (SVP, BL) und Lukas Engelberger (CVP, BS) über die Spitalfusion und ihre Ideen für eine gemeinsame Gesundheitsplanung von sich geben: Grosse Worte, aber am Ende bleibt doch alles beim Alten, und die Geldraffer der Branche reissen stets grössere Löcher in die Familienkasse, so die Klagen. Doch wenn, wie diese Woche, Spitalärzte und die Direktoren der Privatspitäler toben, dann besteht eben doch Hoffnung, dann haben Engelberger und Weber offenbar etwas richtig gemacht.

Das ist eine gute Nachricht für die Prämienzahler: Die Branche zittert vor der Spitalgruppe und den Massnahmen, welche unnötige Operationen verhindern und unnötig teure Infrastruktur abbauen sollen. Viele Akteure haben Angst um ihre Pfründe, weil sie merken, dass hinter Webers und Engelbergers Äusserungen nicht bloss geschliffener PR-Sprech steckt, sondern die beiden offenbar, wie versprochen, den Gesundheitsraum Basel/Baselland umpflügen. Ob es gut kommt, wissen wir nicht. Aber die grosse Nervosität derjenigen, die bisher von einem aufgeblasenen System mit perversen Fehlanreizen für unnötiges Operieren profitierten, ist gut: Zu lange haben die Prämienzahler am Laisser-faire gelitten, nun müssen die Leistungserbringer bluten.

Die Chefärzte haben eher an ihren eigenen Geldbeutel gedacht als an den der Allgemeinheit.

Chefärzte des Kantonsspitals Baselland (KSBL) haben diese Woche anonym über die Medien die Spitalleitung kritisiert. Diese habe sie jedoch nicht ernst genommen, klagten sie. Ja, wie sollte man? Dieselben Ärzte nämlich, welche über ein Jahr lang intensiv die Grundlagen für die Spitalfusion erarbeiteten, fordern nun plötzlich deren Stopp und einen Neubau auf der grünen Wiese sowie die Schliessung der Standorte Liestal, Laufen und Bruderholz. Das ist unglaubwürdig. Kommt hinzu: Ein kompletter Neubau eines Superspitals kann sich das KSBL gar nicht leisten, und die Aufhebung der drei Standorte ist auch aus regionalpolitischer Sicht nicht machbar. Es ist also lobenswert, dass diese Ärzte von der KSBL-Spitalleitung und der Politik keine Unterstützung und kein Verständnis ernteten.

Ihr Motiv war wohl ein egoistisches: Wenn das Unispital Basel und das KSBL fusioniert werden, so, wie es geplant ist, dann braucht es pro Disziplin nicht mehr zwei oder drei Chefärzte, sondern nur noch einen. Dass die Kaderärzte um ihre Gärtchen und ihre Jobs fürchten, ist verständlich, aber es ist die Folge eines Abbaus, der überfällig ist, weil die steigenden Prämien für viele Menschen nicht mehr bezahlbar sind. Bei ihrem politisch unqualifizierten Vorpreschen haben diese KSBL-Ärzte also wohl eher an ihren Geldbeutel gedacht als an denjenigen der Allgemeinheit.

Dasselbe gilt für die Privatspitäler beider Basel. Sie überraschten diese Woche nicht bloss mit ihrer an einer Pressekonferenz angekündigten Opposition, sondern auch mit einer äusserst aggressiven Sprache, mit der sie gegen die Regierungspläne wettern. Sie scheinen keine Argumente, dafür aber reichlich Fantasie zu haben. Der Vorwurf etwa, dass die Spitalgruppe viel teurer werde, weil künftig für alle Standorte – ob Unispital oder Ambulatorium – die sehr hohen Tarife des Unispitals gelten würden, ist frei erfunden. Die Gesundheitsdirektoren bestätigen nochmals in aller Deutlichkeit, «dass mindestens ein Tarif pro Standortkanton vorgesehen ist.» Es soll, was ebenfalls bereits öffentlich gesagt wurde, im Baselbiet unterschiedliche Tarife für Liestal, Bruderholz und Laufen geben.

Die Privatspitäler haben keine Argumente gegen die Spitalfusion, dafür aber reichlich Fantasie.

Dann versuchen die Direktoren zudem die Ärzte mit eigenen Praxen gegen die Gesundheitspläne der Regierung aufzuwiegen: So würden die Regierungen gemäss Staatsvertrag auch private Praxen regulieren, also diese begrenzen wollen, was gesetzeswidrig wäre. Dazu sagt Engelberger nach Absprache mit Weber: «Wir haben diese Steuerung keinesfalls verdeckt im Staatsvertrag zur gemeinsamen Spitalliste untergebracht. Das wäre ungesetzlich und somit ein ungeheuerlicher Gedanke», so Engelberger.

Die Gesundheitsdirektoren sind über die pauschale Grundsatzkritik, welche von der Konkurrenz mit markigen Worten geäussert wurde, gelinde gesagt irritiert. Und bei Engelberger scheint die Zeit der feinen Zurückhaltung nun vorbei zu sein: Die Privatspitäler würden «in erster Linie ihre finanziellen Eigeninteressen (…) verfolgen». Die Privatspitäler, welche ihre Gewinne mit Prämien- und Steuergelder erwirtschaften, würden ihrerseits «keinen Beitrag zur Kapazitätsreduktion leisten». Und Engelberger hat recht damit.

Die Zeit der Höflichkeiten ist also vorbei. Und der Eindruck verdichtet sich: Die Fusionsgegner haben keine bessere Lösung bereit als Thomas Weber und Lukas Engelberger.

Umfrage

Aus Kreisen der Ärzte und der Privatspitäler hagelt es massive Kritik an der Spitalfusion. Sind die Kritiker egoistisch?

Ja

 
62.7%

Nein

 
37.3%

788 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 18.05.2018, 08:30 Uhr

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