Mit den Flüchtlingen übers Meer

Ein Frenkendorfer flieht vor den türkischen Behörden zurück in die Schweiz – Polizei wollte ihn für drei Jahre inhaftieren.

Vetrieben aus der Heimat: Mit einem ähnlichen Boot musste der Frenkendorfer über die Ägäis schippern. (Symbolbild)

Vetrieben aus der Heimat: Mit einem ähnlichen Boot musste der Frenkendorfer über die Ägäis schippern. (Symbolbild) Bild: Keystone

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«Können Sie schwimmen?», fragte der Schlepper. Ahmed Yilmaz*, 61 Jahre alt, ehemaliger Angestellter der Bundesbahnen und Einwohner von Frenkendorf, bejahte. «Gut. Dann kann ich Sie nach Griechenland bringen.» So begann für Yilmaz die Flucht aus seiner ehemaligen Heimat Türkei in seine wahre Heimat Frenkendorf.

Ahmed Yilmaz ist einer der drei türkischstämmigen Männer aus Basel und Umgebung, die in der Türkei inhaftiert wurden. Einem gelang die Flucht auf legalem Weg, der andere sitzt noch immer in einem Istanbuler Gefängnis und hofft auf die Schweizer Diplomaten, die mit den Mühlen der türkischen Justiz ringen. Yilmaz hingegen hat keinen Schweizer Pass, obwohl er schon seit 30 Jahren hier wohnhaft ist. Die Schweizer Diplomaten können ihm also keinen konsularischen Schutz gewähren. Er muss auf eigene Faust in sein ersehntes Frenkendorf zurückkehren.

Hauptsache Schweiz

Gültige Reisepapiere hat er keine mehr. Die nahmen ihm die türkischen Behörden ab, als sie ihn Anfang Juli im Haus von Bekannten unter Hausarrest stellten. Yilmaz wird in der Türkei «Präsidentenbeleidigung» vorgeworfen. Auf Facebook hatte Yilmaz den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als «Diktator» betitelt und dafür könnten ihm in der Türkei nun drei Jahre Haft drohen. Mit 61, scheinbar noch rüstig, hat Yilmaz deshalb vor wenigen Tagen die Flucht übers Meer gewagt. Auf derselben Route, die Tausende Flüchtlinge und Migranten nutzen, ist er, zusammen mit Afrikanern und Arabern, übers offene Meer nach Griechenland geschippert worden. Von zwielichtigen Schleppern, die mit der Flüchtlingskrise das grosse Geld machen.

Sein Hab und Gut hat Yilmaz auf das Mindeste beschränkt: Ein altes Nokia-Handy, ein paar Hundert Franken Bargeld und seine Schweizer Niederlassungsbewilligung C haben ihn über die Ägäis begleitet. Von wo er gestartet und wo in Griechenland er genau gelandet ist, weiss Yilmaz nicht. Tatsache ist, dass er momentan im Auffanglager Fylakio sitzt. Viereinhalb Autostunden von Thessaloniki entfernt an der Grenze zu Bulgarien und der Türkei. Seit der Verhaftung im März dieses Jahres steht die BaZ über seine Familie mit ihm in Kontakt. Im türkischen Gefängnis hat Yilmaz stark abgenommen und war verängstigt. «Nun geht es ihm um einiges besser. Er ist lieber in einem griechischen Auffanglager als in einem türkischen Knast», sagt ein Familienangehöriger. Jetzt will der Geflohene im Schnellspurt wieder zurück ins Baselbiet. Mittlerweile hat Yilmaz auch das «Go» der griechischen Behörden bekommen. Er müsse nicht mehr mit den anderen Flüchtlingen im Auffanglager verharren, sondern sei frei, Griechenland zu verlassen, wie es ihm beliebe. «Die waren aber schon ein wenig verwundert ob der Situation», sagt ein Familienmitglied lachend. «Die griechischen Behörden sind sich wohl eher Eritreer, Gambier oder Syrer gewohnt, die an ihrer Küste stranden. Aber keine Frenkendorfer Kurden.»

Die helfende Hand

Auch für die hiesigen Behörden war der Fall von Ahmed Yilmaz diplomatisches Neuland. So wussten offenbar anfangs weder das Staatssekretariat für Migration (SEM) noch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), wer und wie man Yilmaz helfen konnte. Fest stand: Solange Yilmaz in der Türkei festsitzt, sind den Schweizern die Hände gebunden. Als türkischer Staatsbürger ist er der Willkür der dortigen Justiz ausgeliefert.

Nun weilt er jedoch in Griechenland, wo ihm keine Repressionen drohen. Doch direkt in die Schweiz zurückkehren, das kann er noch immer nicht. Das C-Papier ist eine Niederlassungsbewilligung und zählt deshalb nicht als Reisedokument. Wie die BaZ erfahren hat, erhält Yilmaz nun Unterstützung von der eidgenössischen Vertretung aus Athen.

Es gebe die Möglichkeit, Yilmaz ein Reisevisum auszustellen, mit dem er wieder nach Frenkendorf kommen könnte, liess die Schweizer Botschaft in Griechenland verlauten. Doch dafür müsse er persönlich nach Athen reisen. Von Fylakio nach Athen liegen jedoch gute 1000 Kilometer Strecke. «Auch das wird er schaffen», sagt das Familienmitglied hoffnungsvoll. Und nach der bestandenen Odyssee? «Dann werden wir uns erst einmal um seine Einbürgerung in der Schweiz kümmern. Die ist sowieso längst überfällig.»

Denn zurück in die Türkei kann Yilmaz nicht mehr. Das ist ihm bewusst. Die Familie weiss auch, dass die türkischen Behörden ihn nun ausbürgern werden. Somit wird Yilmaz staatenlos. Jedenfalls so lange, bis seine Wahlheimat Frenkendorf auch seine amtliche Heimat wird.

*Name von der Redaktion geändert (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 08:06 Uhr

Umfrage

Der 61-jährige Kurde aus Frenkendorf ist mit der Hilfe von Schleppern aus der Türkei geflüchtet. Soll die Schweiz Ahmed Yilmaz bei seiner Rückkehr unterstützen?

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