Gestatten: Frau Alex Capus

Dynamisch und direkt: Strafrechtsprofessorin Nadja Capus arbeitet an der Juristischen Fakultät in Basel und ist Mutter von fünf Kindern. Und sie will nicht im Schatten ihres berühmten Gatten stehen.

Vom Reisevirus befallen: Auf Forschungsaufenthalten im Ausland wird Nadja Capus stets von der ganzen Familie begleitet.

Vom Reisevirus befallen: Auf Forschungsaufenthalten im Ausland wird Nadja Capus stets von der ganzen Familie begleitet. Bild: Pino Covino

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Capus? Besteht da eine Verwandtschaft mit Schriftsteller Alex Capus? «Ja, das ist mein Mann.» Kleiner Einblick in die strafrechtliche Forschung und hinter die Kulissen einer «Frau von …».

Professor Nadja Capus, 42 Jahre alt, ist schnell denkend, dynamisch, geerdet und direkt. Schon beim ersten Telefonkontakt macht sie klar: Sie spricht gerne über ihre Kinder und den Job. Fragen zu ihrem Mann hingegen sind tabu.

Dann zuerst mal zu ihrer Arbeit. Derzeit untersucht Strafrechtsprofessorin Capus mit ihrem Team Hunderte von Einvernahmeprotokollen. Genauer gesagt: Wie werden Aussagen eines Beschuldigten bei der ersten Befragung durch die Polizei festgehalten? Wie sieht das Protokoll einer Zeugenbefragung vor Gericht aus? Tönt auf den ersten Blick eher langweilig, birgt jedoch jede Menge Spannung.

Vom Theater zum Strafrecht

Für dieses Forschungsprojekt werden empirische Studien zu Protokollen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht durchgeführt. Auch Richter stehen Red und Antwort. Und wozu das Ganze? «Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, Erkenntnisse zu gewinnen und eine Faktenbasis zu schaffen für künftige Gesetzesrevisionen sowie Aus- und Weiterbildungen von Angehörigen der Justiz und der Polizei», erklärt Nadja Capus. Sie, die ursprünglich Theaterwissenschaften zu studieren begann, schwenkte plötzlich auf Strafrecht über. Wie kommt das?

«In beiden Bereichen steht der Mensch im Zentrum und seine Versuche, das Leben zu meistern. Beides hat mit Fiktion und Realität zu tun», sagt sie. Ein kleiner Unterschied bleibt: Im Strafrecht mündet alles in die Frage «schuldig oder nicht schuldig». In der Schweiz wird vornehmlich schriftlich protokolliert. Verschiedene Untersuchungen hätten gezeigt, dass Schriftprotokolle mit Mängeln behaftet sein können. Gemeint sind Auslassungen, Ungenauigkeiten oder Anpassungen, um ein widerspruchsfreies, «gut lesbares» Protokoll zu erhalten. «Hinzu kommt, dass bis 2011 die Protokollführung in jedem Kanton anders geregelt war. Seither gilt dieselbe gesetzliche Vorgabe für alle Kantone», erklärt Nadja Capus.

Braut mit elf Kamelen

Nadja Capus führt dieses Forschungsprojekt im Rahmen ihrer Förderprofessur des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) durch. Es liegt für sie auf der Hand, dass diese unterschiedlichen Protokollstile völlig verschieden auf den Leser wirken und das Urteil schuldig oder Freispruch beeinflussen. Aber wie? Dieser Frage und der Bandbreite an Protokollstilen sind Nadja Capus und ihr Forschungsteam nun auf der Spur. Doch zurück zu ihr. Sich selbst bezeichnet Nadja Capus karrieretechnisch als «Braut mit elf Kamelen», also finanziell gesehen eine gute Partie.

Durch den SNF hat sie den Status einer Professorin auf Zeit in der Fakultät und erhielt ein Budget von circa 1,35 Millionen Franken für Forschungszwecke in den nächsten vier Jahren. Im Gegensatz zu ihren Berufskollegen packte sie immer wieder das Reise-­Virus. Schon im ersten Assistenzjahr an der Universität Bern packte sie die Koffer und reiste 1999 beruflich nach Kanada. Dort verbrachten sie und ihr Mann mit damals erst einem Kind ein halbes Jahr an der School of Criminology der Universität in Vancouver. Finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds mit einem Stipendium für angehende Forscher.

Gemeinsam in die Abenteuer

2005 ereilte die Familie wieder das Fernweh. Die Aargauerin bekam die Chance für einen Forschungsaufenthalt am Collège de France in Paris. Dort verbrachte die mittlerweile fünfköpfige Familie Capus ein Jahr. «Es steht ausser Frage, dass wir uns gemeinsam in diese Abenteuer stürzen, genauso wie wir es, wenn immer möglich, bei den Recherchereisen meines Mannes tun», erklärt sie. Anschliessend folgte noch ein zweijähriger Forschungsaufenthalt am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg im Breisgau.

Auch dafür hatte sie ein Forschungsprojekt eingereicht und war erneut von Experten evaluiert worden – dieses Mal vom Forschungsrat der Europäischen Union. Die Auslandsaufenthalte bezeichnet sie heute als grosse Bereicherung. «Ich hatte die Möglichkeit, mich mit Forschern aus aller Welt auszutauschen und Einblicke in fremde akademische Welten zu erhalten. Das war wirklich toll.» Ob dies auch für ihre Karriere in der Schweiz förderlich ist, bezweifelt sie im Moment etwas. «Aber der Schritt zu einer ordentlichen Professur gleicht ohnehin einem Nadelöhr. Ob ich da durchpasse, liegt fortan nicht mehr an mir: Es sind andere, die darüber entscheiden.»

Bekenntnis zur Frauenquote

Noch bis 2015 dauert ihre SNF-Förderprofessur. Capus möchte in der Schweiz bleiben und hofft, anschliessend eine entsprechende Stelle zu finden. Trotz unsicherer Zukunft sagt sie: «Ich habe karrieretechnisch richtig gehandelt. Dank der Förderprofessur kann ich selbstständig arbeiten und forschen.» Capus ist für die Frauenquote und lacht: «Obwohl ich fünf Söhne habe! Aber bei gleicher Qualifikation der Frau: selbstverständlich – dann wären wir endlich das verkniffene Gerede los: Geht das denn mit Kindern? Gibt es überhaupt genügend Frauen? Wollen die Frauen das überhaupt?»

Der Haushalt der 42-jährigen Aargauerin mit italienischen Wurzeln ist übrigens komplett durchorganisiert. «Wir haben eine Kinderfrau, die auch den Haushalt macht. Zudem isst mein Mann, ist er nicht auf Lese- oder Recherchereisen, jeden Tag Zmittag zusammen mit den Kindern. Ein grosses Privileg.» Fünf Buben hören derzeit auf den Namen Capus. Möchte sie noch ein Kind? «Der Elfjährige kam kürzlich heim und meinte, es würde langsam peinlich, kämen da noch mehr!» (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.09.2013, 16:02 Uhr

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