45 Minuten für 120 Meter

Das Baustellenregime am Aeschengraben empört das Gewerbe – Betroffene erzählen.

Jede Abend das gleiche Bild: Nichts geht mehr in der Basler Innenstadt.

Jede Abend das gleiche Bild: Nichts geht mehr in der Basler Innenstadt. Bild: Christian Jaeggi

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«Es riecht im Parkhaus Anfos zur Stosszeit jeweils übel nach durch­geschliffenen Kupplungen.» Diese Worte wählt Thomas Sokoll, Mitarbeiter des Möbelhauses Wohnbedarf in der Aeschenvorstadt, um eine Auswirkung des täglichen Verkehrschaos in der Aeschenvorstadt zu beschreiben. Seit zwei Wochen ist der Aeschengraben in Richtung Bahnhof gesperrt, und jeweils zwischen 16.30 Uhr und 19 Uhr reiht sich Auto an Auto. Der Verkehr stockt schon vom Wettsteinplatz her über die Wettsteinbrücke bis hinauf zum Aeschenplatz. Gänzlich zum Erliegen kommt der Verkehr in der Henric-­Petri-Strasse. Fahrzeuge blockieren die Ausfahrt aus dem Parkhaus Anfos, so dass es auf der Rampe durch das Manövrieren der Autofahrer eben nach abgeschliffener Kupplung riecht.

Sokoll ärgert sich täglich über das Verkehrschaos, denn das Warten mit dem Auto im Stau kostet ihn Arbeitszeit, und seine Kunden haben abends Mühe, bestellte Möbel abzuholen. So wollte ein Kunde gemäss Sokoll kurz vor Ladenschluss um 18.30 Uhr zwei Stühle abholen. Er blieb jedoch dermassen im Stau stecken, dass er um 18.15 Uhr von der Ecke Aeschengraben/Henric-­Petri-Strasse anrief und durchgab, dass er wohl nicht vor Ladenschluss eintreffen werde. Sokoll: «Ich packte also die zwei Stühle und brachte sie dem Kunden vor die Migros Bank, wo wir sie ins Auto verluden.»

Am vorletzten Donnerstag wollte Sokoll einem Kunden am Steinengraben kurz nach 18 Uhr diverse Leuchten zur Bemusterung vorbeibringen. «Ich blieb allerdings bereits im Parkhaus Anfos stecken, und der Verkehr staute sich so, dass ich den Termin verschieben musste.» Der Ladenbesitzer sagt, dass er abends zur Stosszeit vom Parkplatz im Anfos-Haus bis zur Elisabethenkirche eine geschlagene halbe Stunde brauche.

«Situation höchst problematisch»

Kein bisschen besser ergeht es Kilian Ambord. Der Geschäftsführer des Restaurants Prima in der Aeschenvorstadt hat am Donnerstagabend um halb sechs Uhr vom BaZ-Gebäude bis zur Einfahrt des Anfos 45 Minuten gebraucht. «Geschätzt sind das 120 Meter», sagt Ambord. Wenn er nun einen Catering-Anlass um 19.30 Uhr bei einem Kunden habe, müsse er eine Stunde mehr Zeit für die Hinfahrt einrechnen. «Die Verkehrssituation ist im Moment höchst problematisch, wenn man auf das Auto oder den Lieferwagen angewiesen ist.» Das Tram könne Ambord für die Catering-Aufträge nicht nehmen und auch ein subventioniertes Kistenvelo sei keine Alternative, da das Volumen an Flaschen und Gläsern zu hoch für ein solches Gefährt sei.

Ob das Verkehrschaos geschäftsschädigend sei, dazu sei es zu früh, etwas zu sagen. Aber: «Wir haben auch Gäste, die mit dem Auto kommen und im Parkhaus Anfos parkieren, um abends bei uns zu essen. Wenn die Gäste nun eine halbe Stunde im Stau stehen, um parkieren zu können, dann überlegen sie sich natürlich, ob sie das nächste Mal wiederkommen oder anderswo essen gehen.»

Für das Schuh- und Accessoires­geschäft «Schritt für Schritt» an der ­Henric-Petri-Strasse sei der Stau positiv, sagt Geschäftsführerin Manuela Hirt. «Die Autofahrer stehen lange vor dem Schaufenster, bemerken das Geschäft und kommen danach vorbei. Ich habe dadurch neue Kunden gewonnen.» Aber auch Hirt spricht von einem «grossen Chaos» zur Stosszeit und aggressiven Leuten hinter dem Steuer. Zudem würde das Fahrverbot direkt vor ihrer Türe nicht funktionieren. Hirt: «Vor allem Ausserkantonale missachten dieses Signal.»

Fast Alarm im Parkhaus

Im Parkhaus Anfos führen die Staus abends zu erhöhten Abgaswerten, wenn die Autos nicht hinausfahren können, weil die Henric-Petri-Strasse verstopft ist. «Das führt dazu, dass der Alarm ausgelöst werden könnte, wenn der Grenz­wert überschritten wird und die Leute in Panik geraten», sagt Damien Dominger, Leiter des technischen Dienstes im Anfos. Dann müsste die Feuerwehr kommen und das Parkhaus evakuiert werden. Dominger kritisiert die Verantwortlichen beim Bau- und Verkehrs­departement (BVD) von Hans-Peter Wessels (SP). «Die Projektleiter hätten 90 Prozent der Probleme vorhersehen können. Doch die haben uns nicht gefragt und sich Gedanken über die Konsequenzen der Sperrung am Aeschengraben gemacht. Es ist schade, dass die Umleitungen nach zwei Wochen noch immer nicht funktionieren.» Dominger hat das Gefühl, dass die Projektleiter beim BVD zum ersten Mal ein solches Projekt betreuen.

Ambord vom Restaurant Prima schlägt vor, ab 17 Uhr eine Spur am Aeschengraben in Richtung Bahnhof für die Autos zu öffnen. «Um diese Zeit hören die Bauarbeiter auf zu arbeiten. Ebenso müsste man den Verkehr früher umleiten», sagt Ambord. Er sei überzeugt, dass das BVD genug Zeit gehabt hätte, eine Lösung auszuarbeiten, bei welcher der Verkehr funktioniert. «Es wussten alle, was bei der Sperrung des Aeschen­grabens passiert.» Allerdings fehle es in Wessels’ Departement wohl am Willen.

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Baustellen provozieren am Aeschengraben täglich ein Verkehrschaos. Liegt das an der Fehlplanung der Behörden?

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84.6%

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15.4%

1536 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 04.02.2017, 07:40 Uhr

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