Ansichten eines Cannabis-Dealers

Nur wenn Kiffen legal wird, bricht der Schwarzmarkt zusammen, sagt ein ehemaliger Basler Dealer. Dass am Rheinknie so viel gekifft wird, erstaunt selbst ihn.

Gefragter Dealer: Pedro Keller wurde von der Polizei gestoppt.

Gefragter Dealer: Pedro Keller wurde von der Polizei gestoppt. Bild: Mischa Hauswirth

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Der DJ Pedro Keller (Name geändert) verkaufte in seinem Hiphop-Laden am Steinenbachgässlein vom Sommer 2011 bis im Januar 2012 illegal Cannabis in Fünf-Gramm-Portionen. Das Geschäft des 26-Jährigen brummte. «Es war ein Kommen und ein Gehen», hielt Gerichtspräsidentin Susanne Nese (SP) vergangenen Mittwoch während der Verhandlung fest (BaZ berichtete). Sie verurteilte den Schweizer zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen.

Seit rund 60 Jahren verfolgt die Schweizer Justiz Cannabis- und Haschisch-Dealer sowie Konsumenten mit dem Ziel, den Markt auszutrocknen und den Konsum abzuwürgen. Mit einer mageren Bilanz – seit 30 Jahren gehen die Behörden davon aus, dass in der Schweiz rund eine halbe Million Menschen hin und wieder oder regelmässig Cannabis konsumieren.

Wäre es aus gesundheitspolitischer, ökonomischer sowie juristischer Sicht nicht vernünftiger, wenn der Staat Cannabis kontrolliert an Erwachsene verkauft? Darüber wird heute Abend in der Sendung «Club» des Schweizer Fernsehens («Legal kiffen – Städte machen Druck») diskutiert.

Pedro Keller, was ist Ihre Erfahrung: Warum rauchen Leute Marihuana?
Einerseits ist da der Reiz des Verbotenen. Es ist halt gerade bei Jüngeren spannend, gegen das Gesetz zu verstossen. Andererseits erzählten mir viele auch, dass sie wegen der Entspannung rauchen oder weil sie das berauschte Gefühl mögen. Aber gerade in der Hiphop-Szene hat das Kiffen etwas Cooles. Ein Rapper, der auf der Bühne an einem Joint zieht, ist der King.

Wieso das denn?
Alle denken, «voll geil, der traut sich was», und das wollen sie dann auch tun. Wäre Cannabis legal, würden sie das nicht mehr denken, dann hätte das nichts Rebellisches mehr.

Mit dieser Aussage giesst der 26-jährige Basler Wasser auf die Mühlen jener, die das Modell einer regulierten Abgabe möglichst rasch in der Schweiz einführen möchten. Denn die Cannabis-Repression kostet viel mehr, als sie bringt. Auch im Fall von Keller haben Polizei und Staatsanwalt keine Kosten und keinen Personalaufwand gescheut: Es kam zu Observationen durch die Polizei, Hausdurchsuchungen, Einvernahmen, Bussen, Beschlagnahmungen, zeitintensiven Daten­analysen auf Computern, Laboranalysen. Eine Staatsanwältin schrieb die mehrere Seiten dicke Anklage und eine Richterin musste sich mit dem Fall befassen und eine Verhandlung durchführen.

Welche Rolle spielt für die Konsumenten, dass die Polizei sie büssen oder gar bei der Staatsanwaltschaft melden und ihnen ein Verfahren drohen könnte?
Möglicherweise schreckt diese Strafandrohung die Minderjährigen noch ab, weil sie die Konsequenzen fürchten, wenn die Eltern es herausfinden. Wer schon länger kifft, lässt sich davon nicht beeindrucken.

Warum haben Sie trotz drohender Probleme mit der Justiz gedealt?
Natürlich weiss man, dass es nicht legal ist. Man weiss aber auch, dass die drohenden Strafen im Vergleich zu jenen bei Kokain oder Heroin weniger drastisch ausfallen. Vor allem wenn man keine Vorstrafen hat wie ich.

Und wenn die zu erwartende Strafe höher gewesen wäre?
Dann hätte ich es höchst wahrscheinlich nicht getan, denn ich hatte sicherlich keine Lust auf Gefängnis. Aber es ist ja bekannt, dass Cannabis als weiche Droge gilt und deutlich weniger negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat als die harten Sachen.

Sie haben vor Gericht gesagt, Sie hätten systematisch Alterskontrollen bei Ihren Kunden durchgeführt. Warum? Im illegalen Handel braucht es doch keinen Jugendschutz.
Ich habe viele 15- bis 16-Jährige abgewiesen, die gesagt haben, sie suchen etwas zum Rauchen. Mir ist der Jugendschutz wichtig und zudem sagte ich mir: Wenn du schon etwas tust, das nicht legal ist, so sollen die Erwachsenen selber entscheiden, ob sie gegen das Gesetz verstossen wollen. Wenn ich unsicher war, verlangte ich den Ausweis.

Das Gericht stellte aber fest, dass Sie an mindestens einen Minderjährigen Cannabis verkauft haben ...
Diese Person hat mir einen gefälschten Ausweis gezeigt oder einen Ausweis seines Kollegen, und ich habe das nicht bemerkt. Das ist zwar passiert, aber ich habe nicht absichtlich den Jugendschutz umgangen.

Mit der Schliessung Ihres Ladens ist es der Staatsanwaltschaft gelungen, eine Quelle trocken zu legen. Haben solche Einsätze der Justiz Einfluss auf das Cannabis-Angebot in Basel?
Kaum. Ich verkehre heute zwar wenig in der Szene und in Bars, aber wer etwas sucht, findet locker was. Der Nachschub des Materials ist gewährleistet, woher es auch kommt und wie immer die Lieferkanäle auch laufen. So jedenfalls ist meine Erfahrung.

Wie ist dieser illegale Hanfhandel aufgebaut?
Eine Stelle ist für die Produktion von Hanfpflanzen zuständig, aus denen Stecklinge gewonnen werden. Eine solche Zuchtanlage kann im In- oder im Ausland liegen, das weiss ich nicht. Dann gibt es jene, welche die Stecklinge ausliefern und natürlich jene, welche die Plantagen bewirtschaften, die Blüten ernten und die Ernte weitergeben. Am Ende ist der Verkäufer, der die Ware zwar in Empfang nimmt, aber keine Ahnung hat, woher sie kommt. Es gibt nämlich eine goldene Regel in der Kette.

Und die wäre?
Das Ganze funktioniert so gut, weil niemand fragen stellt, woher etwas kommt oder wer dahinter steckt. Ob das bei mir auch so war, kann ich nicht sagen, ich habe diese Information auch nur vom Hörensagen.

Ist das nicht die Methode der international operierenden Drogenbanden?
Das weiss ich nicht.

Was für eine Bilanz ziehen Sie persönlich vom Cannabis-Verbot?
Es bringt dem Staat Geld, wenn die Strafverfolgungbehörde Bussen verteilen oder wie in meinem Fall Drogenerlös beschlagnahmen können, darum finden das einige interessant. Dem gegenüber steht aber ein immenser Aufwand. Wenn man ein paar Hanfläden eröffnen würde, die lizenziert Gras verkaufen dürften, dann wäre der illegale Markt kaputt.

Warum?
Weil die, die etwas zum Kiffen wollen, wüssten, wohin sie gehen müssten. Und wenn der Staat ihnen eine Quelle zur Verfügung stellt, um den «Durst» zu stillen, geht niemand mehr zum Dealer. Die meisten Kiffer machen dies ohnehin nur, weil sie keine andere Wahl haben.

Cannabis legalisieren, nur damit Hip­hopper etwas zum Rauchen haben – das ist alles andere als verhältnismässig?
Zu mir kamen ganz unterschiedliche Leute in den Laden, auch solche in Anzügen und aus der Geschäftswelt, ich würde sagen die gesamte Gesellschaftsbreite. Es hat mich selbst erstaunt, wie verbreitet der Hanfkonsum in Basel ist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.08.2014, 14:28 Uhr

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