Auch im Basler Zolli greift man in gefährlichen Situationen zum Gewehr

Primaten sind trotz Feinfühligkeit Wildtiere und können unberechenbar reagieren. Der Fall von Cincinnati stösst bei den Verantwortlichen des Zolli auf Verständnis.

Gorilla-Familie im Zoo Basel: Der Silberrücken hat die Aufgabe, die Familie zu schützen und kann auf Eindringlinge aggressiv reagieren.

Gorilla-Familie im Zoo Basel: Der Silberrücken hat die Aufgabe, die Familie zu schützen und kann auf Eindringlinge aggressiv reagieren. Bild: Torben Weber

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Jedem Tierfreund muss es das Herz brechen: Da zwängt sich ein ­vierjähriger Knabe im Zoo von Cincinnati (Ohio) durch die Gitter einer Absperrschranke und fällt in den Wassergraben des Gorilla-Geheges. Silberrücken Harambe geht zu ihm, scheint ihn einige Minuten lang zu beschützen, steht über ihm, stupst ihn an, hilft ihm auf. Dann beginnen die Zuschauer oben so laut zu rufen und zu schreien, dass er unruhig wird. Er packt den Kleinen, rennt mit ihm hin und her, schleift ihn durchs Wasser, man weiss nicht, ist er nun wütend oder will er das Kind in Sicherheit bringen. Zum Schluss fällt der finale Schuss. Harambe ist tot. Die Zoowärter konnten das Risiko nicht länger eingehen und erlegten das Tier.

So geschehen vor wenigen Tagen. Seither laufen Tausende Sturm. Beschimpfen die Eltern, werfen ihnen vor, durch ihre mangelnde Aufsichtspflicht ein Tier umgebracht zu haben, gründen eine Online-Petition «Gerechtigkeit für Harambe».

Schiess-Entscheid war richtig

Die Frage geht an den Zoo Basel: Würde man in einer ähnlichen Situation ebenfalls zum Gewehr greifen und das Tier töten: «Ja», sagt Adrian Baumeyer, als Kurator zuständig für die Gorillas. Man habe auf dem Platz stets ausgebildete Leute, die innert Kürze Zugriff zu Waffe und Munition hätten. Nach einer kurzen Absprache mit der Polizei wären diese in der Lage, ein Tier zu töten, wenn ein Menschenleben in Gefahr ist. Sie könnten innert Minuten zur Stelle sein und eingreifen.

«Ich persönlich hätte genau gleich entschieden wie die Zooleitung in Cincinnati», sagt Baumeyer. Eine solche Situation beinhalte zu viele Risiken, um abzuwarten. Die Gefahr bestehe, dass der Silberrücken das Kind ohne böse Absicht verletze. Oder das Tier stehe durch den plötzlichen Eindringling unter so grossem Stress, dass es angreife. Schliesslich sei es als Oberhaupt der Familie seine Pflicht, die Gruppe zu verteidigen.

Die Geschichte von Jambo

Baumeyer weist auch auf die Geschichte von Jambo hin, der zur Berühmtheit wurde, weil er einen kleinen Jungen, der in sein Gehege gestürzt war, beschützt hatte. Jambo war im Zoo Basel aufgewachsen und dann in einen Zoo auf den Kanal-Inseln (zwischen Frankreich und England) gegeben worden, wo er als Silberrücken über eine Gruppe wachte. Im August 1986 stürzte ein Knabe über eine Mauer in den Gorilla-Bereich und blieb bewusstlos liegen. Jambo eilte zum Knaben, stellte sich schützend über ihn und vertrieb seine neugierigen Gruppenmitglieder. Als der Bub aus der Bewusstlosigkeit erwachte und zu weinen begann, zog er sich diskret zurück und der Knabe konnte geborgen werden.

Doch die jetzige Situation präsentierte sich anders. Erstens fiel der Knabe in Cincinnati ins Wasser. Ausserdem wurde der Silberrücken durch die hysterische Menschenmenge in unmittelbarer Nähe nervös gemacht. Und es kommt ein weiterer Aspekt hinzu: «Früher waren die Tiere Menschenkontakt mehr gewohnt, da man enger mit ihnen lebte», sagt Baumeyer. Heute halte man im Sinne einer artgerechten Haltung zu den Tieren Distanz. Auch Berührungen seien tabu, da dies Gorillas nicht schätzen würden. Im Gegensatz zu anderen Primaten würden sie auch untereinander eher Distanz halten.

Betäubung wirkt zu langsam

So gesehen war die Gefahr grösser wie zu Jambos Zeiten, dass der Silberrücken im Zoo von Cincinnati den Kleinen als Fremdkörper gesehen hat. Den Verantwortlichen des dortigen Zoos dürfte der Entscheid nicht leicht gefallen sein. Doch schliesslich galt es, ein Menschenleben zu schützen, und da mussten sie zu guter Letzt zuungunsten von Harambe handeln.

Eine Betäubung des 17 Jahre alten Gorillas sei nicht infrage gekommen, weil der Effekt zu langsam eingesetzt hätte und die Reaktion des Tieres unkalkulierbar gewesen wäre, sagten die Verantwortlichen des Zoos von Cincinnati gegenüber verschiedenen Medien. Dem Kind geht es den Umständen entsprechend gut. Der Vierjährige sei aus dem Spital entlassen und nach Hause gebracht worden.

Vergleichbare Unfälle sind im Basler Zoo höchst selten. Vor etwa 50 Jahren fiel einmal ein Kind in das Eisbärengehege und wurde getötet. Im Jahr 2008 sei ein Knabe in das Gehege der Wölfe gefallen, sagte Mediensprecherin Tanja Dietrich der BaZ. Die Tiere, normalerweise friedfertig, damals jedoch mit der unverhofften Situation überfordert, hätten den Jungen darauf attackiert. Man habe ihn jedoch nur leicht verletzt und rasch bergen können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.06.2016, 06:25 Uhr

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