Basel hat ein Urinproblem

77 öffentliche WC-Anlagen reichen nicht aus, um Wildpinkler auf Toiletten zu bringen. Nun werden neue Lösungen diskutiert.

Guerilla-Pinkeln: Wenn die Wand näher ist als die WC-Anlage.

Guerilla-Pinkeln: Wenn die Wand näher ist als die WC-Anlage. Bild: Roland Schmid

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Ein gesunder Erwachsener geht täglich im Mittel 3,5-mal auf die Toilette, und wenn er 70 Jahre alt ist, hat er rund 40'000 Liter Urin ausgeschieden. Im besten Fall auf Toiletten. Aber weil die Harnblase manchmal ein kleines, unberechenbares Luder ist, kann ein Mensch gezwungen sein, seine Notdurft auf Strassen, Plätzen oder Promenaden zu verrichten. Im Polizeijargon heisst das: «Pissen auf Allmend». Laut Paragraf 26 des kantonalen Übertretungsstrafgesetzes ist das verboten und wird mit 50 Franken bestraft.

Trotzdem ist Urinieren im öffentlichen Raum in Mode. Zahlen dazu gibt es zwar nicht. Es braucht sie aber auch nicht. Wer am Sonntagmorgen durch die Innenstadt läuft, weiss, was Sache ist. Am Sonntagmorgen riecht die Stadt schlimmer als das Vogelhaus im Zolli. Am Montag kommen die Putzkolonnen der Stadtentwässerung Basel. «Die müssen dann schon mal mit Zitronensäure nachhelfen, um den Geruch in den Griff zu kriegen», erklärt André Frauchiger, Mediensprecher des Tiefbauamts. In Basel gibt es 46 konventionelle WC-Anlagen, davon sieben Pissoirs und vier Container, und 31 selbstreinigende Anlagen, deren Benutzung 50 Rappen kostet. Macht insgesamt 77 stille Örtchen. Ist das genug? «Ja», sagt Frauchiger. «Wir haben in Basel pro Quadratmeter punkto öffentlicher Toiletten die grösste Dichte aller Schweizer Städte.»

Jugend säuft, Jugend pinkelt

«Nein», sagt dagegen Heiner Vischer, LDP-Grossrat. «Was nützt die grösste Dichte, wenn Toiletten nicht dort stehen, wo die Leute am liebsten wild pinkeln?» Und weil die Wildpinkelei für die Stadt eine «ganz schlechte Visitenkarte» ist, hat er unlängst einen «Anzug betreffend Urinieren im öffentlichen Raum» verfasst. Er ist der richtige Mann dafür. «Wildpinkeln? Hab ich noch nie gemacht», sagt er. Der diesbezüglich Untadelige bittet den Regierungsrat unter anderem, zu prüfen und zu berichten, ob an den Problemorten gebührenfreie Pissoiranlagen erstellt werden könnten und ob an den Schulen ein Kodex zum korrekten Verhalten im öffentlichen Raum erarbeitet werden kann.

Das klingt nach grossem Geschäft, und das ist es auch, weil das ungehemmte Pinkeln auf Allmend das ist, was man ein gesamtgesellschaftliches Phänomen nennt. «Wenn ich ein SVP-Politiker wäre, würde ich das Wort Sittenverfall benutzen», sagt der Liberale Vischer. Nun kommt man zur Frage, wer da an die Barfüsserkirche, die Serra-Plastik, die Mauern des Spalentors und in den Gängen von Parkhäusern pinkelt. Abgesehen von den stadtbekannten Volltrinkern, die sich manchmal nicht mehr im Griff haben, machen sowohl Vischer wie auch Frauchiger die «Jugend» als Übeltäter aus beziehungsweise deren «zunehmenden und enthemmten» (Frauchiger) Alkoholkonsum am Wochenende. Dass Jugend säuft, ist nichts Neues. Dass Jugend in juvenilem Übermut und in Unkenntnis eigener Grenzen zu viel säuft, auch nicht. Dass aber Jugend einfach ungehemmt und gedankenlos und ohne Schuldgefühle rumpinkelt, wenn die Blase überquillt, ist neu.

Es gab früher mehr Pissoirs in Basel. Aber es ist wohl Zufall, dass mit dem Abbau der Pissoirs vor zehn Jahren gleichzeitig eine Zunahme von Freipinkeln einherging. Umgekehrt darf davon ausgegangen werden, dass eine erneute Zunahme von Pissoirs nicht zwangsläufig eine Reduktion des frei fliessenden jugendlichen Urins bedeutet. Die Frage bleibt trotzdem: «Warum wurden Pissoirs reduziert?» «Das war», sagt Frauchiger, «wegen der Gleichstellung von Mann und Frau. Wir haben die Pissoirs reduziert und dafür WC-Anlagen ins Leben gerufen.»

Die Toilette kommt zum Mann

Es ist natürlich schön und korrekt, ein Gleichgewicht zwischen Sitz- und Stehpinklern zu haben. Aber es funktioniert offenbar nicht. Eine Arbeitsgruppe im Bau- und Verkehrsdepartement, die sich auch mit der Problematik der freien Miktion (das komplette Entleeren der Blase) befasst, sieht eine allfällige Lösung eher darin, die Distanz zwischen Freipinklern und der nächsten Toilettenanlage so kurz wie möglich zu gestalten. Ganz nach dem Motto: Geht der Mann nicht zur Toilette, kommt die Toilette zum Mann. Überlegt wird auch, ob die 50 Rappen für selbstreinigende Anlagen eine zu hohe Hemmschwelle sind und das Pinkeln in öffentlichen Anlagen gratis werden soll. «Die 50 Rappen reichen sowieso nicht aus, um eine Anlage zu unterhalten», sagt Frauchiger, «den Rest zahlt der Steuerzahler.» Voll subventioniertes Pinkeln also.

Ob diese Ideen und Gedankenspiele ausreichen, den Urin in eine Schüssel und nicht an eine Wand zu bringen, ist schwer zu sagen. Einerseits hatten die drei selbstreinigenden Anlagen am Barfi, die kostenfrei sind, innert zehn Jahren 1,5 Millionen Mal Besuch. Andererseits ist die Barfüsserkirche trotzdem das grösste Freiluftpissoir der Stadt. Wasserlassen unter Zuhilfenahme von Sanitäranlagen ist übrigens noch relativ jung. Bis ins 19. Jahrhundert war es auch in Basel üblich, im Freien zu urinieren. Es gab zwar Latrinen und die berühmten «Abtritte» über dem damals noch nicht überbauten Birsig, die sogenannten Orgelpfeifen, aber im Grunde war die Stadt eine einzige Kloake. So sehr, dass die reichen Basler anfingen, sich jenseits der Stadtmauern Zweitvillen im Gellert zu halten, um auf porzellanen Thronen über schicken Sickergruben nur noch mit den eigenen Ausscheidungen konfrontiert zu sein.

Versenkbar, aber sichtbar

Kurz nachdem die Reichen ins Gellert abgezogen waren, öffnete in Basel das erste Pissoir 1889 auf dem Schlüsselberg, es ist ein Relikt längst vergangener Toilettenkultur. Mittlerweile gibt es eine ganz neue Generation von Pissoirs, die sich vor allem in Amsterdam grosser Beliebtheit erfreuen: versenkbare. Sie sehen ein bisschen aus wie in der Mitte durchtrennte Litfasssäulen. Die Woche über ruhen sie unter der Erde, am Wochenende werden sie hochgefahren. Vischer hat sie gesehen und ist ganz begeistert. Frauchiger im Grunde auch. «Nur ist das Problem bei den versenkbaren Pissoirs, dass man den pinkelnden Mann von drei Seiten her sieht; von hinten von vorne und von der Seite. Das wird in Basel nicht funktionieren.» Und zwar, weil beim Basler Mann, so Frauchiger, die Akzeptanz dazu fehle. Will heissen, der Basler Mann mag es nicht, wenn er beim Pinkeln beobachtet werden kann. Aber andererseits: Wer wild pinkelt und vor allem besoffen, den lässt das irgendwie kalt.

Aber es gibt noch mehr Probleme mit der neuen Pissoirkultur. Anwohner könnten sich gestört fühlen, wenn sie aus dem Fenster gucken. Und noch ein drittes Problem kreist um die Urinale, die das Problem vielleicht lösen könnten. «Man kann in Basel nicht einfach ein Loch von zwei Metern graben, um eine Pinkelstation zu versenken. Da sind Leitungen und Kabel. Das würde wirklich teuer.» Wann die Basler Regierung zum Problem des Urinierens im öffentlichen Raum Stellung bezieht, ist in etwa so unberechenbar wie eine Harnblase. Der Anzug muss zuerst vom Grossen Rat überwiesen werden. Danach hat die Regierung zwei Jahre Zeit, darauf zu antworten. Bis dann wird noch viel Urin durch die Stadt fliessen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.09.2011, 07:28 Uhr

Die Standorte der öffentlichen
Toiletten in Basel.

Grafik: BaZ/reh

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