«Baselworld bleibt wichtigste Messe»

Messechef René Kamm spricht kurz vor der Eröffnung der Baselworld über die Wichtigkeit der Messe, Probleme mit Gewerkschaften und dem Parkingneubau.

«Wir haben ein Konzept, das funktioniert und bieten beste Qualität»: Der Messechef René Kamm hat neue, renommierte Aussteller an der Hand.

«Wir haben ein Konzept, das funktioniert und bieten beste Qualität»: Der Messechef René Kamm hat neue, renommierte Aussteller an der Hand. Bild: Stefan Schmidlin

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René Kamm, die letztjährige Baselworld war geprägt durch den Hallenneubau von Herzog & de Meuron und die damit verbundenen neuen Standbauten der Aussteller. Wird die Baselworld 2014 nun zu einer Durchschnittsmesse?
Die Baselworld war noch nie eine Durchschnittsmesse. Im vergangenen Jahr hat aber natürlich die Inbetriebnahme der neuen Infrastruktur alles überstrahlt. Doch es gibt auch in diesem Jahr Veränderungen. So hat die Firma Patek Philippe, die ihr 175-Jahre-Jubiläum feiert, einen aussergewöhnlichen neuen Stand gebaut. In der Halle 1.1 ist neu die Marke Graff vertreten. Hier handelt es sich um einen der renommiertesten Juweliere der Welt. Und er hat noch nie an einer Messe teilgenommen. Jetzt präsentiert er seine Uhren- und Schmuckkollektionen in einem grossartigen Auftritt.

Es müssen also immer wieder neue ­Marken gesucht und Umplatzierungen vorgenommen werden?
Ja, die Messe verändert sich ständig. Durch die Übernahme von Harry Winston durch die Swatch Group ist diese Marke in die Halle 1.0 zur Swatch Group verlagert worden. Die Movado-Concorde-Gruppe ist jetzt in der Eventhalle, wo die Swatch letztes Jahr eine grosse Einzelpräsentation hatte. Es gibt also immer wieder Veränderungen und uns wird es so auch nie langweilig.

Der Messeaufbau war wiederum mit Geplänkel der Gewerkschaften wegen Löhnen und Arbeitszeiten verbunden. Wiederholt sich das jetzt jedes Jahr?
Ich meine, dass es in diesem Jahr ­wesentlich weniger Probleme beim Aufbau der Messe gegeben hat als im vergangenen Jahr. Der neue Gesamtarbeitsvertrag war 2013 neu in Kraft und änderte sozusagen während des Spiels die Regeln. Jetzt hat sich das Ganze etwas besser eingespielt und der Aufbau ist ruhiger ­verlaufen. Das hängt auch damit zusammen, dass wir uns besser auf die sehr komplexe Situation einstellen konnten. Im ­engen Dialog mit den betroffenen ­Sozialpartnern haben wir Massnahmen definiert, die für alle Seiten akzeptabel sind, so beispielsweise bei der Erfassung aller Arbeiter in den Hallen.

Taugt der eigentlich auf das Schreinergewerbe zugeschnittene Gesamtarbeitsvertrag (GAV) überhaupt für den Messebau?
Das ist das andere Problem. Die Unterstellung des Messestandbaus unter den GAV Schreiner ist ein Schildbürgerstreich. Das eine hat mit dem anderen nicht viel zu tun. Der Messestandbau ist heute sehr komplex und hat – wenn überhaupt – wenig mit dem Schreinerberuf zu tun. Standbau an einer Baselworld ist etwas völlig anderes als Standbau an einer kleinen regionalen Gewerbeschau.

Der Automobilsalon Genf kennt diese Probleme nicht. Dort gilt der Schreiner-GAV nicht. Weshalb?
Das ist typisch föderalistisch. Die GAV sind kantonal oder regional geregelt, und insofern ist Genf von diesem GAV ausgenommen. Die Leute unserer ­eigenen Standbaufirma bestätigen, dass sie beim Aufbau zum Automobilsalon in Genf nicht kontrolliert werden. Bei uns hingegen wird dauernd kontrolliert.

Wie reagieren die Standbaufirmen?
Für die betroffenen Standbaufirmen ist die Situation in Basel sehr schwierig. Hier finden sie eine ganz andere Situation als auf anderen Messeplätzen vor. Auch werden beispielsweise beim Lohn Äpfel mit Birnen verglichen. Ein deutscher Standbauer verdient einen Nettolohn, der kleiner ist als in der Schweiz, aber da sind Steuern und Krankenversicherung schon abgezogen. Standbauer wollen gerne länger arbeiten und machen dafür anschliessend auch länger Ferien. Und diese Spezialisten werden in der ­Regel gut bezahlt. Diese verschiedenen Systeme zu kontrollieren und abzurechnen ist auch eine aufwendige Aufgabe, die völlig unterschätzt worden ist.

Es geht aber auch um die Scheinselbstständigkeit.
Unsinnigerweise und völlig überraschend sind auch diesbezüglich Regeln eingeführt worden, die nicht nachvollziehbar sind. Die Leute sind in ihrer Heimat selbstständige Monteure, die hier für den Auf- und Abbau von Firmen engagiert worden sind. Doch nun werden sie mit der schweizerischen Bürokratie konfrontiert, die fordert, dass sie das eigene Werkzeug mitbringen und mit dem eigenen Fahrzeug anreisen. Da beginne ich am gesunden Menschenverstand zu zweifeln, wenn sie hier nicht als selbstständig akzeptiert werden, obwohl sie es in ihrer Heimat rechtlich sind. Für uns als Messeunternehmen ist das nicht akzeptabel.

Wie wird sich die Masseneinwanderungs-Initiative auf das Messewesen auswirken?
In der jetzigen Phase herrscht eine allgemeine Verunsicherung auf verschiedensten Ebenen, offensichtlich auch bei den Gewerkschaften. Im Messewesen sehe ich kurzfristig keine Anzeichen, dass sich die Initiative auswirken wird. Für den Standort Schweiz und international orientierte Unternehmen wird sie aber wohl schon Folgen haben. Es herrscht eine Beunruhigung und braucht deshalb schnell wieder eine Rechtssicherheit. Weil auch wir von solchen internationalen Unternehmen leben, könnte es letztlich auch Auswirkungen auf unser Geschäft geben, wenn diese Unternehmen nach Standorten ausserhalb der Schweiz suchen.

Ist es bereits heute schwierig, das ­Messegeschäft aus der Schweiz im EU-Raum zu betreiben?
Die Schweiz als Messestandort ist durch die Tatsache, dass wir nicht in der EU sind, benachteiligt. So müssen unsere Aussteller jedes Mal eine temporäre Einführung vollziehen, was mit einem grossen Papierkram verbunden ist. Das kennen die Aussteller auf EU-Messeplätzen nicht. Wir können diese Nachteile kompensieren, indem unsere internationalen Messen Top-Anlässe sind, an denen die Branchen nicht vorbeikommen.

Die Baselworld ist eine solche Top-Messe. Weshalb eigentlich?
Wir haben ein Konzept, das funktioniert, und bieten beste Qualität. Bei der Art Basel, die ebenfalls eine Leadermesse in ihrem Bereich ist, haben wir den Vergleich mit Amerika und China. In Hongkong sind die Kosten für eine Messe sehr viel niedriger als bei uns, doch in Miami Beach gibt es Hürden, die schwieriger zu nehmen sind als in der Schweiz. So ist der hiesige Messeplatz eben doch auch international betrachtet immer noch einigermassen konkurrenzfähig. Aber es gilt Sorge zu tragen, dass die Standortfaktoren nicht weiter verschlechtert werden.

Die amerikanische Fossil-Gruppe baut ihren europäischen Sitz in Basel aus. Zeigt das ebenfalls die Bedeutung des hiesigen Messeplatzes für die Uhrenbranche?
Es ist grundsätzlich positiv, wenn Fossil ihr europäisches Headquarter in Basel einrichtet. Die Gruppe muss jedoch mit gewissen Marken an der Messe selber präsent sein, auch wenn sie jetzt grosse Showräume in einem Neubau plant. Marken wie Emporio Armani oder Burberry wollen an der Messe und nicht in irgendwelchem Showroom wahrgenommen werden. Das zeigt wiederum die Stärke der Baselworld.

Aber es gibt trotzdem auch Trittbrettfahrer im Umfeld der Baselworld. Sind die eine Gefahr?
In Freiburg im Breisgau gibt es im Schmuckbereich eine Parallelmesse eines asiatischen Veranstalters. Und in der Markthalle präsentieren sich verschiedene Diamantenhändler. Aber ich glaube nicht, dass sich diese Veranstaltungen neben der Baselworld etablieren können. Der kommerzielle Erfolg für die ausstellenden Firmen stellt sich nur innerhalb der Baselworld ein.

Welchen Stellenwert hat Baselworld für die MCH Group?
Für unser Unternehmen ist die Baselworld kommerziell die wichtigste Einzelmesse. Man muss aber auch sehen, dass sich die Art Basel mit dem Portfolio von drei Messen enorm entwickelt hat und heute für das Unternehmen auch kommerziell sehr wichtig geworden ist. Die Baselworld bleibt aber die wichtigste Messe.

Der Ausbau der Messe geht weiter. Die Annahme des Claraturms wird zum neuen Erscheinungsbild dieses Gevierts beitragen. Wie weit sind die Pläne für eine neue Nutzung des Parkhauses?
Hier sind wir in einer Testplanung. Es leuchtet wahrscheinlich jedem ein, dass man anstelle des heutigen Parkhauses einen schöneren Bau hinstellen könnte. Doch wir wollen nicht einfach das alte Parking durch ein neues ersetzen. Deshalb liegt eine Mehrfachnutzung auf der Hand, die der Messe wie der Stadt etwas bringt. Daher lassen wir testen, ob es hier möglich ist, das Parking mit einem Hotel und Wohnungen zu kombinieren. Die Stadt braucht Wohnraum und wir brauchen Hospitality und Parkplätze. In diesen Planungsprozess binden wir die Behörden voll ein. Wir wollen einen Nutzungsmix, hinter der neben der Messe auch die Stadt stehen kann und der für potenzielle Investoren attraktiv ist.

Wann ist mit denn konkreten Plänen zu rechnen?
Wir stehen überhaupt nicht unter Zeitdruck. Für mich ist viel wichtiger, dass wir am Schluss ein wirklich gutes Projekt haben. Im Sommer werden wir uns die Resultate der Testplanung genauer ansehen und in einem Jahr dürfte dann vielleicht auch schon ein architektonischer Entwurf vorliegen. Wir werden uns der öffentlichen Diskussion dann stellen, wenn wir ein überzeugendes Projekt haben.

Die Baselworld 2014 dauert vom 27. März bis zum 3. April. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.03.2014, 07:01 Uhr

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