Blumenstrauss statt Bussbescheid

Weil seine Mutter im Sterben lag, liessen zwei Polizisten bei einem Töfffahrer Milde walten. Statt ihm eine Busse auszustellen, machten sie ihm einen überraschenden Vorschlag.

Augenmass angewendet. Hans Andreas Baumgartner musste keine Busse zahlen, obschon er ohne Helm mit seinem Motorrad fuhr.

Augenmass angewendet. Hans Andreas Baumgartner musste keine Busse zahlen, obschon er ohne Helm mit seinem Motorrad fuhr. Bild: Martin Regenass

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Die Mutter von Hans Andreas Baumgartner lag Anfang Juni im Clara­spital auf der Intensivstation. Nebst einer Herzklappenerkrankung funktionierten auch die Leber und Nieren der 87-Jährigen nicht mehr richtig. Die Ärzte sprachen wenig hoffnungsvolle Prognosen aus. Und so wollte Baumgartner bereit sein, um auf einen Anruf eines Arztes hin ins Claraspital zu eilen, um seine Mutter in ihren letzten Stunden zur Seite stehen zu können.

Hans Andreas Baumgartner nahm vor ein paar Wochen sein Motorrad aus der Garage und fuhr zur Cargo Bar. «Ich musste bei einem Anruf sofort aufsteigen, am Gashebel ziehen und losfahren können», sagt Baumgartner.

Die Bar am Grossbasler Rheinufer bei der Johanniterbrücke liegt nicht mehr als 250 Meter von Baumgartners Wohnung entfernt. Und er geht diese kurze Strecke normalerweise auch zu Fuss und nicht mit dem Motorrad, um in seinem «Sommerwohnzimmer» einen Latte Macchiato zu trinken und sich mit Freunden zu unterhalten oder zu lesen. Über diese kurze Strecke aber, dachte Baumgartner, lohne es sich nicht, den Helm anzuziehen – und so führte er den Kopfschutz am Arm mit.

Die Strecke noch nicht ganz zurückgelegt, kam Baumgartner ein VW-Bus entgegen. Ein Transporter mit verdunkelten Scheiben, wie ihn zuweilen auch die Polizei fährt, um nicht auf den ersten Blick erkannt zu werden. «Der Fahrer blinkte mit der Lichthupe und forderte mich per Handzeichen auf, anzuhalten», sagt Baumgartner. Er stoppte und erkannte einen Polizisten und eine Polizistin.

Vergehen unbestritten

Es folgte eine Kontrolle des Motorradfahrers und die Frage, weshalb er eine so kurze Strecke mit dem Motorrad zurücklege und nicht zu Fuss. Baumgartner erklärte den Sachverhalt, dass eben seine Mutter im Sterben liege und dass er eventuell so rasch als möglich ins Claraspital fahren müsse.

Schwieriger zu beantworten war für den Juristen die Frage, warum er den Schutzhelm nicht trage. Dazu habe Baumgartner mit den Schultern gezuckt. «Ich weiss, dass ich mich nicht gesetzeskonform verhalten habe und eine Busse wäre indiskutabel gewesen und ich hätte sie ohne Murren akzeptiert», sagt der 57-Jährige. Auf «Nichttragen des Schutzhelms durch Motorradfahrer» steht eine Ordnungsbusse von 60 Franken.

Doch die beiden Polizisten verhängten die Busse nicht. Im Gegenteil: Sie haben sich laut Baumgartner einen Moment lang besprochen und ihm dann einen «Deal» vorgeschlagen. Baumgartner: «Sie würden auf eine Busse verzichten, wenn ich im Gegenzug meiner Mutter einen Blumenstrauss im Wert von 60 Franken ans Bett stellen würde.»

Baumgartner sei gerührt gewesen und habe sich dafür bedankt. «Es war schon sehr grosszügig von den beiden Polizisten, mir die Busse zu erlassen. Aber die Idee mit dem Blumenstrauss hat das Ganze noch übertroffen und zeugt von einer sehr grossen sozialen Kompetenz. Das war ergreifend.»

Vor der Cargo Bar sassen Baumgartners Freunde und hätten gefeixt, wie viel er dem Staat habe abdrücken müssen. «Wie machten sie grosse Augen, als ich ihnen die Geschichte erzählte», sagt Baumgartner, der auf der kurzen Rückfahrt nach Hause den Helm angezogen habe, um nicht das Vertrauen der Polizei zu missbrauchen.

Verhältnismässigkeit wahren

Warum sich die Polizisten in diesem Fall kulant zeigten und keine Busse aussprachen, wogegen Autofahrer, die zehn Minuten nach Ablauf der Parkuhr mit einem Verkehrsdienstmitarbeiter diskutieren und ihn bitten ein Auge zuzudrücken, zahlen müssen, kommentiert Kantonspolizei-Sprecher Andreas Knuchel nicht. Er sagt aber, dass die Polizei Übertretungen, die sie bemerkt, grundsätzlich verfolgen müsse.

«Dem gegenüber steht aber der Grundsatz der Verhältnismässigkeit, welcher dem polizeilichen Handeln ebenfalls zugrunde liegt», führt Knuchel weiter aus. Somit gelte es für jede Polizistin und jeden Polizisten, den Einzelfall zu prüfen. «Wenn sie in einer konkreten Situation zum Schluss kommen, dass auf das Ausstellen einer Busse aus einem bestimmten Grund verzichtet wird, so entspricht dies dem geforderten Augenmass», sagt der Polizeisprecher.

Die Blumen konnte Baumgartner seiner Mutter nicht mehr übergeben, da auf der Intensivstation keine Pflanzen erlaubt sind. Am 13. Juni verstarb Baumgartners Mutter. «Ich werde das Geld nun im Namen der beiden Polizisten an die Organisation Médecins Sans Frontières überweisen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.07.2014, 12:16 Uhr

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