Conradin Cramer freut sich über Sexualkunde-Urteil

Der verweigerte Dispens verletze die Grundrechte der Familie nicht, argumentieren die Strassburger Richter.

Furcht vor der Sexbox. Mit solchen Utensilien wird bei jungen Schülern nicht unterrichtet, wie einige befürchten.

Furcht vor der Sexbox. Mit solchen Utensilien wird bei jungen Schülern nicht unterrichtet, wie einige befürchten. Bild: Keystone

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Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat entschieden, dass die Schweizer Behörden die Grundrechte einer Basler Familie nicht verletzt haben, als sie einem Kind die Freistellung vom Sexualkundeunterricht verweigerten. Bei SVP-Nationalrat Sebastian Frehner hinterlässt dieses Urteil einen zwiespältigen Eindruck: «Ich habe gehofft, dass sich liberales Gedankengut durchsetzt.» Doch das Gericht halte immerhin auch fest, dass für junge Kinder ein systematischer und aktiver Sexualkundeunterricht an Kindergärten und in Schulen nicht erlaubt ist.

In Basel-Stadt hatte im Jahr 2011 eine Familie für ihre damals siebenjährige Tochter eine Dispensation von diesem Unterricht bis zur zweiten Primarschulklasse beantragt. Alle Instanzen stützten den Entscheid der Schule, dass diese Befreiung nicht gewährt werden müsse. Nun kommt auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in seinem gestern publizierten Urteil zu diesem Schluss.

Zufriedener Bildungsdirektor

«Ich bin sehr zufrieden», sagt Conradin Cramer, Basler Bildungsdirektor. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte habe damit anerkannt, dass Basler Schulen und Lehrpersonen sorgfältig und richtig mit diesem sensiblen Thema umgehen. «Unsere Praxis wird bestätigt und das freut mich.» An der Praxis werde nichts geändert. Das Thema komme im Kindergarten weiterhin nur dann zur Sprache, wenn ein Kind eine Frage habe oder sich unsicher fühle. «Der eigentliche Sexualkundeunterricht findet ab dem fünften Primarschuljahr statt – altersgerecht und von der Lehrperson mit der nötige Sorgfalt und dem nötigen Fingerspitzengefühl gestaltet.»

Dieses Fingerspitzengefühl bezweifelt jedoch Sebastian Frehner, der Vorstandsmitglied des Vereins Schutzinitiative ist, der gegen eine «Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» kämpft. «Wenn der Sexualkundeunterricht vernünftig durchgeführt wird, ist er ja kein Problem.» Doch er befürchtet, dass die Sexualkunde nicht stufengerecht abgehalten wird. Ein systematischer Unterricht schon für kleine Kinder fördere die Sexualisierung.

Es sei auch nicht nötig, dass diese schon im Alter von drei, vier Jahren wissen müssten, was der Begriff «schwul» bedeute. «Ich habe eine vierjährige Tochter. Sie wäre völlig überfordert, wenn man sie schon mit solchen Themen konfrontieren würde», sagt er. Das Bedürfnis nach Wissen über sexuelle Themen sei so individuell, dass die Eltern am besten wissen würden, wie damit umzugehen sei. Er habe gehofft, dass sich der Gerichtshof für Menschenrechte auf die Seite der Eltern stelle, damit diese selber entscheiden könnten, ob ihr kleines Kind schon reif sei für Sexual-Aufklärung.

Auf die Realitäten vorbereiten

Wichtiges Ziel der Sexualkunde sei, die Kinder vor sexuellen Übergriffen und Missbrauch zu schützen, argumentieren die Strassburger Richter, die sich aus einer Schwedin als Präsidentin und Mitgliedern aus Serbien, Spanien, der Schweiz, Russland, Zypern und der Niederlande zusammensetzten. Bei Missbrauch handle es sich um eine reale Gefahr, befanden sie. Sie unterstrichen auch, wichtiger Bestandteil der Schulerziehung sei, die Kinder auf die Realitäten der Gesellschaft vorzubereiten. Insofern werde mit dem im Kanton Basel-Stadt angebotenen Sexualkundeunterricht ein legitimes Ziel verfolgt.

Sie begründeten auch, dass «die sexuelle Erziehung im Kindergarten und Primarschulalter aufbauend ist und nicht nach einem bestimmten Schema verläuft». Die Grenze, was zumutbar sei und was nicht, könnte nur in einer Reaktion auf Fragen und Verhalten der Kinder erfolgen. Und sie stellten fest, dass das Kind der Beschwerdeführerin nie wirklich an einem solchen Unterricht teilgenommen habe.

Pascal Grolimund, Anwalt der Beschwerdeführenden, will für einen abschliessenden Kommentar das schriftliche Urteil abwarten. Aufgrund der Medienmitteilung gehe jedoch hervor, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den reaktiven Sexualkundeunterricht stütze. Gegen einen solchen habe sich seine Klientin auch nicht verwahrt. «Sie beschwerte sich gegen den aktiven, systematischen Sexualkundeunterricht im Kindergarten und den ersten zwei Primarschulklassen.»

Der Basler Bildungsdirektor betont zwar, dass es im Kindergarten lediglich die Möglichkeit gibt, das Thema aufzugreifen, wenn der Input von einem Kind her kommt. Und dann werde nicht mithilfe von Plüschpenissen und -Vagina erklärt, sondern altersgerecht.

Für Grolimund stellt sich trotzdem die Frage, wie in Basel-Stadt Sexualkunde unterrichtet wird. Wenn sich das Bedürfnis sämtlicher Schüler einer Klasse nach Aufklärung in einer Sexualfrage ergebe, sei klar, dass auch die ganze Klasse involviert werden könne. Aber wenn nur ein Kind eine Frage stelle und die ganze Klasse involviert werde, würden folglich alle anderen Schüler ausser dem Fragesteller aktiv beschult. Sodann bestehe ein unauflösbarer Widerspruch zwischen verbindlichen Lehrzielen, wie der Basler Unterricht sie vorsehe, und einem angeblich nur reaktiven Unterricht. Für ihn ist auf jeden Fall klar, dass der Entscheid des Gerichtshofs kein Präjudiz ist, sondern jeder neue Fall individuell beurteilt werden muss.

Umfrage

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stützt einen Entscheid aus Basel. Soll Sexualkundeunterricht schon im Kindergarten stattfinden?

Ja

 
34.7%

Nein

 
65.3%

986 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 19.01.2018, 07:16 Uhr

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