Das Mädchen und die vier Fahnder

Wie der Staat ein widerspenstiges Mädchen erziehen will und dabei den Behördenapparat aufplustert.

Verhaftung am frühen Morgen. Mutter Leonora (l.) und Tochter Emilia vor der Stelle, wo ein Zivilfahnder das Mädchen auf den Boden geworfen hat, um ihr Handschellen anzulegen und sie mitzunehmen.

Verhaftung am frühen Morgen. Mutter Leonora (l.) und Tochter Emilia vor der Stelle, wo ein Zivilfahnder das Mädchen auf den Boden geworfen hat, um ihr Handschellen anzulegen und sie mitzunehmen. Bild: Mischa Hauswirth

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Um 6.30 Uhr klopfte ein Zivilfahnder der Kriminalpolizei Basel-Stadt schroff an die Wohnungstüre einer Parterrewohnung in Riehen. «Machen Sie sofort auf!» Die Mutter, Leonora*, weiss sofort, dass die Polizei an diesem 17. Mai nicht wegen ihr, sondern wegen ihrer Tochter Emilia* gekommen ist. «Ich hatte Angst. Ich wollte nicht, dass sie mein Kind mitnehmen. Deshalb machte ich nicht auf.»

Als sie erneut an die Türe polterten, öffnete Leonora, auch, weil sie zur Arbeit musste und die Polizisten keine Rücksicht darauf nahmen, ob jemand im Haus das Geschehen mitbekommen würde. Die Mutter fragte nach dem Hausdurchsuchungsbefehl. Ohne darauf einzugehen, erklärte einer der Polizisten, dass sie die 14-Jährige mitnehmen würden. Diese hatte sich aus Angst im Badezimmer eingeschlossen. «Ich bat Emilia rauszukommen und mitzugehen, im Moment konnten wir nichts gegen das Vorgehen der Behörden tun.»

Was dann geschah, schildert Emilia so: «Ich habe aufgemacht, und weil ich sah, wie einer dieser Polizisten meine Mutter anrempelte, versuchte ich ihn mit einem Fusskick von mir fernzuhalten. Da packte mich ein anderer und knallte mich bäuchlings auf den Boden, legte mir Handschellen an.» Offensichtlich sahen sich jene Polizisten, die sonst Ganoven und Halblichtgestalten an die Wand drücken, genötigt, einem 14-jährigen schlaksigen Mädchen ihre Nahkampffähigkeiten zu demonstrieren. Nach dem Einsatz zeigten die Fahnder das Mädchen wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte an, worauf die Jugendanwaltschaft sich der Sache annahm. Dies zeigen Dokumente, die der BaZ vorliegen.

Wann genau Emilia in den Strudel von Problemen geriet, lässt sich nicht mehr auf den Tag genau sagen. Auch nicht, wie die inneren und äusseren Turbulenzen einander ergänzten oder anzogen oder beschleunigten. Eine Rolle spielte sicher das schlechte Verhältnis zu ihrem Vater. Der Kontakt zu ihm hatte Emilia aufgrund von Vorkommnissen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, abgebrochen. Das Verhältnis zu ihm war lange zerrüttet, worunter die Schülerin insgeheim litt.

So richtig los ging es aber, als Emilia im Dezember 2016 in der Sek-a-Klasse in einem Basler Schulhaus mit einer Cola-Flasche aufkreuzte, in die sie Wodka gemischt hatte. Nicht viel, wie sie sagt, aber immerhin. Sie habe zuvor schon Erfahrungen mit Alkohol gesammelt, erzählt sie. Ob es nicht schwierig sei in Basel für Minderjährige, an Alkohol zu kommen? Nein, sagt sie, als hätte die Frage jemand gestellt, der die Erde immer noch für eine Scheibe hält. Von 18-Jährigen an Jüngere an Noch-Jüngere, so beschreibt sie, wie 14-Jährige an Alkohol kommen. Gekifft habe sie auch schon, aber das sage ihr nicht besonders zu.

Keinen Sinn mehr gesehen

Dass Alkohol in der Schule nichts zu suchen hat und dass eine 14-Jährige die Finger vom Alkohol lassen sollte, weil es die Hirnentwicklung gefährdet – all das war Emilia bekannt. «Ich wollte provozieren, auffallen, die Aufmerksamkeit auf mich ziehen», sagt die Jugendliche. Warum? Sie zuckt mit den Schultern. Zupft an ihrer Vintage-Hose mit Rissen herum. Streichelt die Katze, die auf dem Sofa herumtigert. «Ich habe im Leben keinen Sinn mehr gesehen und wollte etwas machen, das ein wenig Spass bringt. Ich habe mich in der Schule immer so gelangweilt.» Alles schien ihr vollkommen sinnlos.

Für die Mutter hat der Staat bereits zu diesem Zeitpunkt falsch reagiert, weil er eine auf ihrem Niveau leistungsstarke Schülerin in einer Klasse belassen hat, in der das Mädchen sich langweilte. Emilia sei «massiv unterfordert gewesen», so Leonora.

Die Schulleitung war offensichtlich nicht nur mit der Frustration des jungen Mädchens überfordert, sondern auch mit der Alkoholprovokation. Der Kinder- und Jugenddienst des Erziehungsdepartements (KJD) wurde eingeschaltet. Emilia wurde eine Woche von der Schule dispensiert und musste in die psychiatrische Abklärung in der offenen Abteilung der Durchgangsstation Foyers Basel. «Dort sagten mir die Sozialarbeiter, ich sei magersüchtig, was gar nicht stimmte. Ich nehme einfach nicht so schnell zu wie andere.»

«Fühlte mich wie eine Kriminelle»

All die staatlich verordneten Abklärungen und eindringlichen Gespräche mit Sozialarbeitern bewirkten bei Emilia genau das Gegenteil von dem, was die Fachleute der Mutter versprachen. Die 14-Jährige fühlte sich noch mehr missverstanden und eingeengt. «Es wurde dauernd an mir herumgenörgelt», sagt Emilia.

Im Januar und Februar 2017 wurden die Spannungen zwischen Mutter und Tochter nicht besser. «Emilia blieb bis weit nach Mitternacht weg, kümmerte sich um nichts mehr, hielt sich an keine Regeln.» Die Kesb, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits eingeschaltet hatte, zog die Schraube an und schickte Emilia am 16. Februar in die Beobachtungsstation. Diese «dient der Abklärung, Begutachtung und Begleitung von weiblichen Jugendlichen im stationären pädagogisch-therapeutischen Rahmen», wie es auf der Website heisst. Die Kesb gab gegenüber der Mutter vor zu wissen, was für das Kind gut ist und wie das problematische Verhalten geändert werden kann. Für Emilia ging es von da an erst richtig abwärts, wie sie sagt.

Das Mädchen traf auf Sozialpädagogen, im Schulunterricht gab es für sie nur Sport und Handarbeit. Ihre sogenannte «Bezugsperson» habe von ihr verlangt, ohne Widerrede jede Anweisung zu befolgen, und ihr vorgehalten, heimlich zu rauchen, was sie nicht getan habe, wie Emilia beteuert. Sie spricht von einer unterschwelligen Freude am Schikanieren, die der Betreuer an den Tag gelegt habe. Es gab Taschenkontrollen und Urinproben wurden genommen. Emilia fühlte sich wie eine «Kriminelle», vor allem aber unverstanden und abgelehnt. Sie stellte den Antrag, die männliche Bezugsperson durch eine weibliche zu ersetzen. Die Behörden hätten sie nur ausgelacht und den Antrag abgelehnt, erzählt sie.

Die Kesb hält in einem Protokoll fest, Emilia habe «Cannabis und Alkohol» konsumiert und «es sei während des Aufenthalts zu Gewalt gekommen». Die Schlägerei mit zwei Jugendlichen, bei welcher Emilia verletzt worden sei, werde von der Jugendanwaltschaft Basel-Stadt untersucht. Auch ist in dem Schreiben davon die Rede, dass Emilia zu ihrer Mutter oder ihrem Stiefvater abgehauen sei.

Wenn sie auf Kurve ist, lässt sich die 14-Jährige auch kaum noch blicken, aus Angst die Polizei würde sie zu Hause abholen. Emilia hängt draussen rum. Auf einer dieser Ausflüge in die vermeintliche Freiheit wird sie verprügelt. Von wem, will sie nicht sagen.

Jugendgefängnis als Lösung

Während Emilia mal da, mal weg ist und nach so etwas wie Halt und Orientierung sucht im Leben, fährt die Kesb ihre Maschinerie hoch. Nachdem Mutter Leonora am 16. März den Behörden mitgeteilt hat, dass sie sich grosse Sorgen um ihre Tochter mache, kommt sofort der Vorschlag, «das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihre Tochter abzugeben». Die Kesb hatte zu diesem Zeitpunkt ihr Urteil bereits gefällt: «Die Mutter konnte den Aufenthalt in der Beobachtungsstation gegenüber Emilia nicht durchsetzen.» Jetzt sehen die Behörden ihre Zeit gekommen, definitiv das Kommando zu übernehm.

Noch lehnt es Leonora ab, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Tochter abzugeben. Etwas in ihr sagt ihr, dass das Emilia nicht guttut. Dass sie gerade jetzt viel Liebe und Verständnis braucht. Die zuständige KJD-Sachbearbeiterin jedoch drängt. Für den Fall, dass die «Abklärung im offenen Setting» misslingen würde, habe sie das Mädchen «zur Sicherheit vorsorglich im Platanenhof angemeldet». Die Kesb legitimiert das Vorgehen mit einem «vertauschten Machtverhältnis zwischen Mutter und Tochter», das sie festzustellen glaubt. Der Platanenhof bezeichnet sich selber als Jugendheim, liegt im Kanton St. Gallen und hat eine geschlossene Abteilung. Andere reden von einem Jugendknast.

Obwohl die Kesb nicht über die rechtliche Grundlage verfügt, will sie die widerspenstige 14-Jährige zur Raison bringen. In Behördendeutsch freilich klingt das alles unspektakulär: «Die bisherigen Massnahmen haben gezeigt, dass keine milderen Mittel zur Verfügung stehen. Damit Emilia angemessen geschützt werden kann und im Rahmen einer geeigneten Unterbringung ihre Situation und das weitere Vorgehen abgeklärt werden kann, erscheint eine vorübergehende stationäre Unterbringung in der geschlossenen Abteilung des Platanenhofes indiziert.»

Angestachelt von der Sorge um ihre Tochter knickte Leonora am 24. März ein und schrieb, sie sei bereit, das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Tochter abzugeben. Die Spruchkammer der Kesb verfügte am 12. Mai angeblich hilfreiche Massnahmen für Emilia. «Sie bringt sich immer wieder in Gefahr», heisst es in dem fünfseitigen Protokoll, das der BaZ vorliegt. Pikant: Emilia erhält just jene KJD-Sachbearbeiterin, die schon vor Abgabe des Aufenthaltsbestimmungsrechtes einen Platz im Platanenhof hatte reservieren lassen, als Beiständin. Rasch stuft diese dann die «Umplatzierung in den Platanenhof» als «erforderlich und zeitlich dringlich» ein, «zur Abwendung von erheblichen Nachteilen» für Emilia.

Im Pyjama abgeführt

Die Polizisten, die Emilia mitnahmen, wollten auch die Mutter festnehmen. «Ich habe gesagt, ich müsse zur Arbeit gehen, da ich auf Stundenlohnbasis angestellt bin und es mir nicht leisten kann, einfach nicht zur Arbeit zu erscheinen», erklärt Leonora. «Da drohten sie mir, mir ebenfalls Handschellen anzulegen und mich mitzunehmen. Ich konnte meiner Tochter nur noch sagen, dass ich alles tun werde, damit sie wieder rauskommt aus dem Gefängnis.» Dann wurde die 14-Jährige – im Pyjama – abgeführt.

Während ihre Mutter noch mit der Polizei verhandelte, ob sie ebenfalls festgenommen werden würde – weswegen hat sie keine Ahnung –, transportierten Zivilfahnder Emilia nach St. Gallen. Dort kam sie in eine Gruppe mit ausschliesslich Jungs, die wegen Dealereien oder Gewaltstraftaten dort waren. Von da an hiess es für das Mädchen: Schule, Schlafen und Essen – alles hinter vergitterten Fenstern. Drei Monate sollte diese «vorsorglichen Massnahme» aus dem basel-städtischen Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt von Regierungsrat Christoph Brutschin (SP) dauern.

Emilia, die wegen Alkoholproblemen in die Behördenmühlen geraten ist, erhebt in Sachen Substanzen schwere Vorwürfe an die Institutionen: Im Platanenhof sei es kein Problem, an Drogen zu kommen. «Es gab alles – Kokain, Heroin, Amphetamine, auch LSD. Nur Gras nicht, denn das hätten die Betreuer gerochen», erzählt Emilia.

Wie erlebte das Mädchen die Zeit im Platanenhof? «Ich fühlte mich dort sehr schlecht, sie haben mir Angst gemacht. Ich fürchtete, nie mehr rauszukommen», erzählt Emilia.

Kesb-Entscheid revidiert

Die Mutter und die Anwältin beantragten eine Neuverhandlung der Massnahme, und am 29. Mai wurde der Beschluss korrigiert. Nach rund zwei Wochen Platanenhof konnte Emilia wieder zurück nach Hause. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht wurde wieder der Mutter Leonora zugeteilt. Die genaue Begründung, warum die Kesb zurückgepfiffen wurde, soll in den kommenden Wochen folgen. Es ist aber offensichtlich, dass ihre Interpretation von Fürsorgemassnahmen einer rechtlichen Neubeurteilung nicht standgehalten hat.

Die Mutter bezeichnet das Vorgehen des KJD, der Kesb, ja der Behörden insgesamt als «Bankrotterklärung eines hochsubventionierten Sozialsystems». «Zuerst tun die Behörden so, als wüssten sie alles besser. Wenn die angeblichen Experten dann an ihre Grenzen kommen, fahren sie mit Polizei und Gefängnis auf.» Zudem habe der Platanenhof ihr Kind traumatisiert, sagt Leonora. Emilia versucht einen Schlussstrich zu ziehen, neu anzufangen. Sie habe wieder Perspektiven gefunden und auch mit ihrem Vater sei es jetzt besser, sagt sie. Emilia will möglichst rasch wieder zur Schule. Darauf freut sie sich.

* Name von der Redaktion geändert

Umfrage

Emilia hatte Alkoholprobleme. Ist es angemessen, ein 14-jähriges Mädchen deswegen ins Jugendgefängnis zu bringen?

Ja

 
29.6%

Nein

 
70.4%

1725 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 26.06.2017, 07:11 Uhr

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