Das Miniatur-AKW mitten in Basel

Seit über 50 Jahren steht im Keller des physikalischen Instituts ein Forschungsreaktor. Nun hinterfragen ein BastA!- und ein SVP-Grossrat die Sicherheit der Anlage.

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1959 kam der damalige Leiter des physikalischen Instituts mit einem ganz besonderen Mitbringsel von der Weltausstellung in Brüssel zurück nach Basel: mit einem kleinen Atomkraftwerk. Der aus den USA stammende Versuchsreaktor AGN 211-P hatte als Prunkstück direkt unter dem Brüsseler Atomium gestanden.

Die junge Technologie versetzte Forscher weltweit in Euphorie. Das Atom galt als Symbol des Fortschritts, die Kernspaltung als Lösung aller künftigen Energieprobleme. Das physikalische Institut der Uni Basel, führend in der Kernphysik, freute sich über das von Industrie und Eidgenossenschaft finanzierte Geschenk – und baute den Versuchsreaktor kurzerhand im ehemaligen Kohlekeller des Physikinstituts ein.

2011 führt uns der nun verantwortliche Physikprofessor Jürg Jourdan in eben diesen Keller zu demselben Reaktor. Seit über 50 Jahren läuft er mittlerweile – das macht ihn zum ältesten Reaktor der Schweiz. Ein Kollege Jourdans, der Hüter des Raums, gewährt uns mit Schlüssel und Zahlencode Einlass, eine dicke Tür mit Bolzen geht auf und wir betreten einen Raum mit einer Kontrollanlage voller Hebel und Knöpfe, einem kleinen Hebekran sowie einem drei Meter tiefen Wasserbecken. Auf dessen Grund leuchten die Bestandteile des Reaktorkerns wie farbige Legosteine; die blauen sind Kohlenstoff-, die roten Uranstäbe.

Gau unmöglich

Jourdan greift mit der blossen Hand ins Wasser. Man könne sogar problemlos davorstehen, wenn der Reaktor laufe – das tut er nur gegen zwei Stunden pro Woche. «Dann bekommen Sie eine leicht erhöhte Strahlendosis ab, ganz so, wie wenn Sie in den Bergen Ski führen oder im Flugzeug sässen.»

Die Anlage sei ungefährlich, versichert Jourdan und findet auf jede beunruhigte Frage eine beruhigende Antwort. Drohende Kernschmelze? Unmöglich, dafür reiche die geringe Menge von 2,2 Kilo Uran nicht aus. Radioaktive Wolke? Auch unmöglich, weil kein Wasserstoff produziert werde wie in Fukushima. Erdbeben, Flugzeugabsturz? Der Raum sei ein eigener Brandschutzbereich. Bei einer Zerstörung des Gebäudes könnten schlimmstenfalls die Elemente im Reaktorkern verbogen werden. Doch die radioaktiven Stoffe, die dann austräten, lägen unter dem Grenzwert der Strahlenschutzverordnung.

Jemand von Greenpeace habe ihn einmal angerufen und gefragt, wann denn die Brennstoffe das nächste Mal abtransportiert würden. «Rufen Sie in 800 Jahren wieder an», antwortete Jourdan. Denn bis zu diesem Alter könnte man die Stäbe theoretisch brauchen. Ausgewechselt wurden sie bisher noch nie.

Einmal jährlich steigt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) in diesen Keller. Alle drei Jahre werden die Brennstäbe mit dem Kran aus dem Becken gehievt und von den Fachleuten aus einem Meter Entfernung von Auge auf mögliche Schäden untersucht. Danach werden Fotos davon zur Begutachtung gegeben. Beanstandungen gab es laut Jourdan noch nie.

Besorgte Grossräte

Die wenigsten Basler wissen überhaupt von der Existenz dieses Reaktors inmitten ihrer Stadt. Doch nun, da Fukushima alles Atomare infrage stellt – auch, was bisher wie einst in Japan als ganz sicher galt –, machen sich zwei Basler Grossräte aus den gegenteiligsten Lagern Sorgen. SVP-Grossrat Alexander Gröflin hat vergangene Woche eine Interpellation mit vier Fragen zum Versuchsreaktor eingereicht, BastA!-Grossrat Urs Müller legt heute mit einem Feuerwerk nach – 36 Fragen stellt er in seinem Vorstoss. Unter anderem beunruhigt ihn die Nähe des Reaktors zum neuen Kinderspital. Dort winkt man ab: Die nahen grossen AKW seien die ungleich grössere Bedrohung, und natürlich habe das Spital einen grundsätzlichen Katastrophenplan.

Experte entwarnt

Dass Jourdan als direkt für die Anlage Verantwortlicher für deren Sicherheit die Hand ins Wasser legt, ist klar. Doch was sagt ein unabhängiger Experte? Christoph Pistner vom Öko-Institut Darmstadt ist spezialisiert auf Nukleartechnik und Anlagensicherheit, er berät unter anderen die deutsche Regierung in Atomfragen. Auch er gibt grünes Licht: «Sogar bei einer Katastrophe wie einem Erdbeben könnte ein derart leistungsschwacher Reaktor nur geringe Mengen radioaktiver Spaltprodukte freisetzen», sagt Pistner. Die Katastrophe, die zu diesem unwahrscheinlichen Ereignis führte, wäre das ungleich grössere Übel. Pistner weist zudem darauf hin, dass in Spitälern und Industriebetrieben oft mit viel gefährlicherem radioaktivem Inventar hantiert werde.

Das Besondere an den 2,2 Kilo Uran, die im Basler Reaktor liegen, ist ihre enorm hohe Anreicherung. Sie betrage «90 Prozent», teilt das Ensi mit – bei einem gewöhnlichen AKW sind es fünf Prozent. Das macht dieses Uran zum idealen Stoff für Atombomben. Es bräuchte allerdings mindestens zehn-mal mehr davon. Doch was, wenn die Journalistin sich als Terroristin entpuppte, eine Pistole zückte und das Uran verlangte? Jourdan bekommt keine Angst. Es bräuchte schwere Geräte, um die Stäbe herauszuklauben. Und da gebe es weitere Sicherheitstricks. 2016 solle der Reaktor abgestellt werden, teilte die Uni einst mit. Korrekt? Nein, verrät Jourdan. Weil das Institut doch nicht zügeln müsse, spreche nichts dagegen, den Reaktor über dieses Datum hinaus zu betreiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.04.2011, 14:23 Uhr

Zur Ausbildung

Wozu braucht es den Forschungsreaktor der Uni Basel? «Er ist ein wesentliches Instrument für die Ausbildung der Naturwissenschaft- und Archäologiestudenten der Universitäten Basel und Bern, des Strahlenschutzpersonals der Region Basel sowie der angehenden AKW-Operateure des Paul-Scherrer-Instituts (PSI), sagt Physikprofessor Jürg Jourdan. Ausserdem prüfe das Kantonslabor gelegentlich Lebensmittel wie Gewürze und Tee mithilfe des Reaktors auf ihren Insektizidgehalt.
Der Forschungsreaktor ist nicht zuletzt auch etwas für Romantiker. Im Gegensatz zu den beiden anderen, kleineren, die an der ETH Lausanne und am PSI stehen, kann dieser als einziger ein hellblaues Leuchten erzeugen, das Tscherenkow-Licht. Das passiert, wenn im Becken die Elektronen – entstanden durch den radioaktiven Zerfall der Neutronen – schneller als Licht durchs Wasser fliegen. (spe)

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