Das Personal arbeitet am Anschlag

Die Ärzte und Pflegefachleute am UKBB sind überfordert – die kritischen Behandlungsfehler häufen sich.

Im Teddy-Bär-Spital des UKBB: einer der harmlosen Fälle. Sonst gehört psychischer Stress zum Alltag.

Im Teddy-Bär-Spital des UKBB: einer der harmlosen Fälle. Sonst gehört psychischer Stress zum Alltag. Bild: Keystone

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«Es ist eine Freude, in diesem Spital zu arbeiten», sagte Conrad Müller, Direktor des Universitätskinderspitals (UKBB), an einer Medienorientierung. Aber auch von einigen Anfangsschwierigkeiten war damals die Rede. Das war im Mai dieses Jahres. Die Realität ist und war eine ganz andere. Der Spardruck lastet schwer auf den Schultern des Personals. «Wir sind massiv unterbesetzt, die Lage in den meisten Abteilungen ist katastrophal», erzählt Anette Meier (Name geändert). Sie ist Pflegefachfrau auf einer Pflegestation im UKBB und möchte anonym bleiben.

Schichten von zwölf statt achteinhalb Stunden seien an der Tagesordnung. Ohne Überstunden wäre der Betrieb gar nicht möglich. Das Personal, Ärzte sowie Pflegefachleute sei mehr als am Anschlag, sagt Meier. Ihre Vorgesetzte beispielsweise hat seit letztem November über 610 Überstunden geleistet, das entspricht fast zweieinhalb Monaten Überzeit. Insgesamt müssten allein auf Meiers Station mehr als 3500 Überstunden kompensiert werden – bis November 2011. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Mithilfe der Eltern nötig

Susanne Nese von der Gewerkschaft VPOD bestätigt die prekäre Situation: «Diverse Pflegestationen sowie die Poliklinik und die Notfallstation sind unterbesetzt.» Die Anliegen der Gewerkschaftsmitglieder seien an die Direktion weitergeleitet worden. Die Folge der Unterbesetzung: Die Qualität der Behandlung ist seit dem Umzug Anfang Jahr schlechter geworden. «Wir erhalten immer mehr Beschwerden von den Eltern und den Patienten selbst.» Meier hat Verständnis dafür. Sie habe kaum mehr Reserven, um mit den Eltern und Patienten zu reden. Meistens reiche es gerade für die medizinische Behandlung.

«Ohne die Hilfe der Eltern würde es nicht gehen», sagt Meier. Öfters bleibe nicht einmal genug Zeit, um den Patienten zu waschen. Pausen, in denen man effektiv abschalten könne, gebe es auch nicht. Dazu kommt die psychische Belastung. Das Pflegepersonal möchte sich den Stress gegenüber den Patienten nicht anmerken lassen.

Medikamente falsch dosiert

Die Überforderung des Personals hat auch Auswirkungen auf die Sicherheit der Patienten. «Die kritischen Fehler in der Behandlung und Betreuung der Patienten haben bei uns sowie in anderen Abteilungen stark zugenommen», sagt Meier. Medikamente wurden zu früh, zu spät oder in einer falschen Dosierung verabreicht. In mindestens einem Fall in den letzten Monaten hätte ein solcher Fehler auch tödlich enden können.

Meiers Pflegestation beschwerte sich immer wieder geschlossen bei der Pflegedienstleitung über die Arbeitsbedingungen und die Überforderung. Diese verstehe zwar die Probleme. Weil aber kein Geld vorhanden sei, könne kein zusätzliches Personal eingestellt werden. «Wir betonten danach deutlich, dass sich unter diesem Druck die Fehler weiter häufen würden und wir nicht mehr für die Sicherheit der Patienten garantieren können.» Die Antwort der Pflegedienstleitung: Man solle sich keine Sorgen machen, «gegen solche Fälle sind wir versichert». Zudem war sie der Meinung, dass Überstunden «in Krisensituationen» verlangt werden dürfen. Die sogenannte Krisensituation dauert nun schon über ein halbes Jahr an.

«Viele haben Angst»

Nicht nur die Qualität der Behandlung der Patienten leidet, auch die Gesundheit des Pflegepersonals. «Krankheitsbedingte Ausfälle der Belegschaft haben ebenfalls stark zugenommen», sagt Meier. Was wiederum zusätzliche Arbeit für die Arbeitskollegen verursacht – ein Teufelskreis.

Meier hat sich auch an die Gewerkschaft VPOD gewendet – passiert sei bisher jedoch nichts. «Wir können nur zusammen mit dem Personal Druck ausüben», sagt Nese, «das ist allerdings schwierig, weil viele Angst haben, sich zu exponieren.»

Eine externe Firma aus Deutschland ist momentan daran, den Stellen- und Ärzteschlüssel im Spital zu analysieren. Das Resultat wird am 24. August bekannt gegeben. Ein Lichtblick – welcher sofort wieder getrübt wird, wenn Meier an die Einführung der Fallkostenpauschalen im Januar 2012 denkt. «Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir dann noch die Versorgung der Patienten bewerkstelligen sollten.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.08.2011, 07:31 Uhr

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