Das erste Mal im Grandhotel Les Trois Rois

Krankenschwester Mira hat einen ungewöhnlichen Nebenjob: Sie arbeitet als Escortgirl in Basel. Dass eine Frau freiwillig als Escort arbeitet, erscheint vielen unnatürlich.

Jung und schön. Im Film «Jeune & jolie» schildert François Ozon, wie sich ein Mädchen aus gutem Haus prostituiert.

Jung und schön. Im Film «Jeune & jolie» schildert François Ozon, wie sich ein Mädchen aus gutem Haus prostituiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie nennt sich Mira. Im Griechischen bedeutet das Schicksal. Auch der bürgerliche Name der schlanken Frau, die am Bahnhof wartet, klingt schön. Doch den will sie der Öffentlichkeit nicht verraten. Noch wissen nicht alle Bescheid in ihrem Umfeld. Darüber, dass die hübsche Krankenschwester ein Doppelleben führt. Im Berufsalltag pflegt sie Betagte, begleitet sie auf Wunsch bis in den Tod. Mehrmals im Monat wechselt sie die Kulisse. Dann trifft sie sich mit fremden Männern in Hotels und lässt sich von ihnen für Sex bezahlen.

Mira ist 31 Jahre alt. Mit ihrem süssen, fast kindlichen Gesicht und den grossen blauen Augen sieht sie viel jünger aus. Die Haare sind blondiert und in einem kurzen Pixie-Cut geschnitten. Es ist einfach, mit Mira ins Gespräch zu kommen, sie ist sympathisch, offen und lacht viel. Nur das Thema des Gesprächs ist ungewöhnlich und lässt die Gäste am Nachbartisch aufhorchen. Immer wieder fallen die Worte «Analsex» oder «Swingerclubs». In Letzteren hat sich Mira, die in der Zürcher Agglomeration aufgewachsen ist, ausgelebt, bevor sie im Juni in Basel als Escort anfing. «Ich bin schon seit einigen Jahren experimentierfreudig in Sachen Sex», sagt sie. Und tatsächlich gibt es nicht viel, was sie noch nicht ausprobiert hat. Sei das Sex mit drei Männern gleichzeitig oder ein Dreier mit einem Pärchen von der Arbeit. Daran, dass körperliche Monogamie funktioniert, glaubt sie nicht. «Es ist nicht natürlich», findet sie. Dass sie nun für Sex Geld nimmt, schien für die Zürcherin fast eine logische Konsequenz aus den bisherigen Erfahrungen. Frauen sind in Swingerclubs in der Unterzahl, hübsche sowieso. «Die Nachfrage nach mir war enorm», sagt Mira.

Die meisten haben eine Partnerin

Der erste Kunde vor zwei Monaten war ein vermögender Mann um die fünfzig. Für das Treffen mit Mira mietete er ein Zimmer im Hotel Les Trois Rois. Die beiden trafen sich in der Bar, es war Miras erster Besuch im Basler Luxushotel. Nach einem gemeinsamen Essen schlug sie als erste vor, hoch ins Zimmer zu gehen. In dieser Nacht blieb es bei Küssen, Berührungen, Oralsex. Geschlechtsverkehr gab es keinen. «Das wollte er gar nicht.» Nach drei Stunden verliess Mira das Fünfsternehotel wieder. Um tausend Franken reicher.

Was verändert sich in einer Frau, wenn sie sich zum ersten Mal für Sex bezahlen lässt? «Nichts», findet Mira. Den Verdienst legt sie zurück. Davon will sie sich eine Zusatzausbildung im Gesundheitsbereich finanzieren. Dass eine Frau freiwillig als Escort arbeitet, erscheint vielen unnatürlich. Was treibt Mira dazu? Die junge Frau findet selbst keine definitive Antwort. In ihrer Jugend spielte Sex noch keine so grosse Rolle. Mit 17 schlief sie zum ersten Mal mit ihrem ersten festen Freund. Auch in den Folgejahren blieb das Liebesleben der jungen Frau eher unspektakulär. Erst als es gegen den 30. Geburtstag ging, wurde der Drang nach mehr stärker. Mehr Männer, mehr Spannung, mehr Abwechslung. Einen festen Freund hatte Mira schon lange keinen mehr.

Wünscht sie sich einen Mann, Kinder? «Ich wäre eine gute Mutter», antwortet sie ernst. An einen potenziellen Vater hat sie hohe Ansprüche, er soll nicht versagen wie der eigene Vater. Dieser war drogenabhängig, die Familie litt stark unter seiner Sucht. «Ein Mann müsste sich dessen, was ein Kind bedeutet und auch braucht, sehr gut bewusst sein.» Dann verdunkeln sich die blauen Augen, die einen entwaffnend direkt anschauen. Sie habe manchmal das Gefühl, sagt Mira, dass sie wahrscheinlich erst relativ spät im Leben noch einen Partner finden werde. Fürs Herz habe sie dahin die beste Freundin und die kleine Schwester, fürs Bett verschiedene Männer.

Fünf zahlende Kunden hat sie bisher bedient. Der Jüngste war etwas über vierzig Jahre alt, der Älteste Mitte ­fünfzig. Einige gutverdienend, andere haben für das Date mit ihr gespart. Die meisten von ihnen haben eine Partnerin zu Hause, sprechen teilweise auch von ihr, wenn sie mit Mira zusammen sind. In der Regel trifft man sich im Hotel, zweimal ist Mira zu den Männern nach Hause gegangen. «Einer war Single, der andere wohnte in der Wohnung mit seiner Frau zusammen, die gerade abwesend war. Das war schräg.»

Nur puren Sex wollen die Männer bei einem Escortgirl nicht. Zuerst wird etwas getrunken, man unterhält sich. Auch Küsse liegen drin, anders als in vielen Bordellen. Bei der Buchung können Wünsche angegeben werden, was das Outfit angeht. Einer wünschte sich einen Jupe – aber nicht zu kurz, nicht dass es nach Prostituierter ausschaut. Ein anderer wollte, dass Mira eine transparente Bluse und nichts darunter trägt. Sie tat ihm den Gefallen, zog sich aber für die Hotellobby einen Blazer darüber.

Ein wenig reden und knutschen

Geht es dann zur Sache, steht Analsex ganz oben auf der Wunschliste. Eine Praktik, die Mira anbietet. Sie steht seit einigen Jahren auch privat darauf. Was sie nicht mag, sind Berührungen im Gesicht. Ein Kunde hat sie einmal geohrfeigt, nicht mit böser Absicht. «Seither erwähne ich meine Tabus bereits im Vorgespräch.» Auch dass man ihr wehtut, möchte Mira nicht. Und selbst niemanden verletzen. «Ich habe eine dominante Seite, aber nicht mit Nadeln oder so.» Einer wollte den Penis abgebunden haben, Mira sagte Nein. Trotzdem: «Einer Domina würde ich gerne mal über die Schultern schauen.» Die meisten Wünsche der Männer sind aber ganz banal, was die experimentierfreudige 31-Jährige überraschte. Ein bisschen reden, ein wenig knutschen. Streicheln und Sex.

Bei Mira finden sie das. Abgewiesen hat sie bis jetzt noch keinen. «Ästhetik ist mir zwar wichtig. Aber im Gespräch erkennt man in den Menschen oft eine schöne Seite, die auf den ersten Blick nicht zu sehen ist.» So habe sie immer geglaubt, ein Mann mit Schnauz käme nicht infrage, bis sie einen entsprech­enden Kunden hatte. Da stimmte es dann trotzdem. Verlieben würde sie sich aber in keinen zahlenden Gast. Es ist ein Job. «Aber einer, den ich gerne mache.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.09.2014, 17:37 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich habe das Geld wie blöd verprasst»

Die Basler Ex-Prostituierte Angela Longhi hat über dreissig Jahre lang in Saus und Braus gelebt. Bis zu 30'000 Franken hat sie dabei pro Tag verdient. Mehr...

Vom Bürojob ins Bordellgeschäft

Der gelernte Kaufmann David hat vor fünf Jahren das Basler Studio Play gegründet. Mittlerweile beschäftigt er zehn Prostituierte und führt seinen Betrieb wie ein Hotel. Mehr...

«Mir tut es wohl, wenn ich Männer glücklicher machen kann»

LIESTAL Die Prostituierte Sabine erzählt, was sie an ihrem Job im Liestaler Bordell History Club mag. Dessen Geschäftsführer wundert sich über die Leichtigkeit, mit welcher semiprofessionelle Girls bei ihm anschaffen kommen. Mehr...

Paid Post

Vorsorgen für ein selbstbestimmtes Leben

Jedes zweite Neugeborene wird heute 100 Jahre alt. Wer auch morgen selbstbestimmt leben will, sollte sich früh um die eigene Vorsorge kümmern. Zum Beispiel mit einem Anlagefonds. So wie das weise Swiss Life-Baby.

Kommentare

Paid Post

Vorsorgen für ein selbstbestimmtes Leben

Jedes zweite Neugeborene wird heute 100 Jahre alt. Wer auch morgen selbstbestimmt leben will, sollte sich früh um die eigene Vorsorge kümmern. Zum Beispiel mit einem Anlagefonds. So wie das weise Swiss Life-Baby.

Die Welt in Bildern

Nichts für schwache Arme: Chinesische Arbeiter formen ein Tonfass in einer Porzellanfabrik in Jingdezhen (23. September 2017).
Mehr...