Das letzte Brausebad der Stadt

Neun sogenannte Brausebäder gab es in der Stadt Basel – jedes Quartier hatte sein eigenes. Ein Besuch im Isteiner Bad – dem letzten seiner Art.

Einsamer Gast. Die Duschen und Wannenbäder an der Isteinerstrasse 76 werden immer seltener von regelmässigen Kunden genutzt – beliebt sind sie bei Fahrenden oder Messe-Ausstellern.

Einsamer Gast. Die Duschen und Wannenbäder an der Isteinerstrasse 76 werden immer seltener von regelmässigen Kunden genutzt – beliebt sind sie bei Fahrenden oder Messe-Ausstellern. Bild: Anna Furrer

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Auf dem Trottoir vor dem Isteiner Bad steht ein einzelner Mann. Er raucht. Auf dem Rücken trägt er einen Rucksack, neben ihm steht ein Rollkoffer. Beide sind voll mit schmutzigen Kleidern. «Seit einer Woche ist bei mir zu Hause die Waschmaschine kaputt und der Vermieter hat sich noch immer nicht darum gekümmert», erzählt er. Deswegen hat er im Internet nach einem Waschsalon gegoogelt und ist auf jenen im Isteiner Bad gestossen. Bereits zum zweiten Mal ist er hier. Sechs Franken kostet ein Waschgang. Halb so viel wie in privaten Waschsalons.

Gleich drei der zehn Waschmaschinen lässt er sich von Beatrice Redmer, Leiterin des Isteiner Bads, freischalten. Ohne ihren Schlüssel läuft in der letzten noch verbleibenden öffentlichen Bad- und Waschanstalt Basels nichts. Will jemand duschen, schliesst sie erst nach der Bezahlung eine der neun Kabinen auf. Das Gleiche gilt für die fünf Badewannen und die beiden Saunen. «Ich will den Überblick behalten und sehen, wer kommt und geht», sagt Redmer. Seit 25 Jahren arbeitet sie im Isteiner Bad. Sie schätzt die Ruhe und den familiären Kontakt mit den Kunden. Und diese schätzen die günstigen Preise und die blitzblanke Einrichtung. Haare im Abfluss oder Abfall in den Kabinen gibt es hier nicht.

Alarmknopf für Notfälle

An diesem Vormittag ist nicht viel los im Isteiner Bad. Zwei Männer waschen, eine Frau schwitzt in der finnischen Sauna. Aber wer nutzt heute noch die Duschen und Wannenbäder? «Viele ältere Leute, die zu Hause eigentlich ein Badezimmer haben», erzählt Redmer. Sie hätten aber Angst, dass sie ausrutschen könnten und niemand da wär, um ihnen zu helfen.

So geht es auch einem gepflegten, älteren Herrn. Er trägt einen Anzug, in der Hand eine Plastiktüte mit seinen Duschutensilien. Nach einem kurzen Schwatz mit Beatrice Redmer bezahlt er 3.50 Franken für eine Dusche und verschwindet in Richtung Kabinen. Er ist gut zu Fuss und fit für sein Alter. Würde trotzdem etwas passieren, gibt es überall Alarmknöpfe.

Manchmal kämen aber auch Leute, die selber nicht mehr in die Wanne klettern könnten. In diesen Fällen besteht Redmer darauf, dass sie eine Begleitung mitbringen. Das war auch bei einer Frau aus dem Elsass so. «Sie wird immer von einer Taxifahrerin hierhergebracht. Diese hilft ihr seit einiger Zeit auch beim Baden», erzählt Redmer. Trotzdem musste die «gute Fee des Isteiner Bades», wie sie von Stammkunden liebevoll genannt wird, vor einiger Zeit einer übergewichtigen Frau aus der Wanne helfen.

Laut Eric Hardman, dem Leiter Sportanlagen des Erziehungsdepartements des Kantons Basel-Stadt, nutzen jedes Jahr weniger Leute die Duschen und Wannenbäder im 1974 eröffneten Isteiner Bad. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Nachfrage noch riesig: Neun sogenannte Brausebäder gab es in der Stadt Basel – jedes Quartier hatte sein eigenes. Gerade die ärmeren Bevölkerungsschichten hatten in ihren Wohnungen oft keine sanitären Anlagen und sind daher auf die öffent­lichen Bad- und Waschanstalten ausgewichen, die von der Stadt subventioniert wurden. Acht sind mittlerweile geschlossen – nur noch die Tramhaltestelle «Brausebad» zeugt von der Bedeutung, die die öffentlichen Duschen vor hundert Jahren noch hatten.

«Ein soziales Angebot»

Trotzdem ist das Bedürfnis nach solchen Angeboten laut Hardman immer noch da, insbesondere im Kleinbasel.Rund 10'000 Eintritte kann das Isteiner Bad jährlich verzeichnen. Die meisten fallen auf die beiden Saunen und den Waschsalon. «Das Bad war zwar immer ein defizitäres Geschäft, aber es ist ein soziales Angebot», sagt Hardman. Das sieht auch der Kanton so, weshalb er dem Isteiner Bad einen Leistungsauftrag erteilt hat.

Wie viel an diesem regnerischen Freitag noch los sein wird, das kann Redmer nicht sagen. Wahrscheinlich wird nur die Stammkundschaft kommen. Viele davon sind Leute, die zu Hause keine Waschmaschine haben oder die laut Waschplan nur alle 14 Tage waschen dürfen – was den meisten nicht reicht.

Manchmal geht es im Bad aber auch drunter und drüber. «Wenn Fahrende in der Stadt haltmachen, sind Bad und Waschsalon manchmal innerhalb von kürzester Zeit zum Bersten voll.» Dann werde es in dem sonst so ruhigen Bad richtig laut. Sie habe schon öfter die Kinder der Fahrenden zurechtweisen müssen, weil sie im Spiel schreiend durch die Gänge rannten und andere Badegäste störten. Und in den vergangenen Jahren hat sich eine neue Zielgruppe herausgebildet: Aussteller und Personal der verschiedenen Messen. Dann gebe es manchmal sogar Warteschlangen vor den Duschen und dem Waschsalon.

Jetzt stehen die Duschen jedoch still, genau wie die sechs Tumbler. Der Herr mit der kaputten Waschmaschine steckt die nassen Kleider in Plastiksäcke und packt diese zurück in Rollkoffer und Rucksack. «Mein Tumbler funktioniert zum Glück noch», sagt er lachend. Und verabschiedet sich nach Hause. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.09.2012, 14:39 Uhr

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