Das neue Baseldeutsch-Wörterbuch ist da

Mehrere Jahre hat ein Forschungsteam am Deutschen Seminar der Uni Basel am Wörterbuch gearbeitet. Jetzt liegt es vor: Ein Konvolut, das Abschied nimmt vom alten Baseldytsch.

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Rudolf Suters Baseldeutsch-Wörterbuch war eine Erfolgsgeschichte: Das 1984 im Christoph Merian Verlag erschienene Buch erlebte drei zum Teil überarbeitete Auflagen und wurde – auch von anfänglich dem Buch kritisch eingestellten Kreisen – zum Standardwerk erhoben.

Ein Dialekt ist keine Hochsprache mit geregelter Orthografie und Grammatik, denn er wird in allererster Linie gesprochen und nicht geschrieben. Er lebt deshalb von schnellen Veränderungen – seien diese grammatikalischer, vokabularischer oder artikulatorischer Art. Logisch also, dass vieles, was Suter in seinem Baseldeutsch-Wörterbuch aufgelistet hat, heute, ein gutes Vierteljahrhundert später, an Bedeutung verloren hat oder anders ausgesprochen wird. Wer sagt heute noch «Baaresol» für «Sonnenschirm», wer noch «scheen» statt «schön» oder «fyyre» statt «füüre»? Und die meisten sagen heute auch «zwäi» statt «zwai» und «zwölf» statt «zwelf». Aus diesem Grund entschieden sich die Christoph Merian Stiftung und die Bürgergemeinde Basel-Stadt für ein neues, aktualisiertes Wörterbuch, investierten dafür 500'000 Franken und gingen eine Kooperation mit dem Deutschen Seminar der Universität Basel ein. Unter der Leitung von Professorin Annelies Häcki Buhofer hat eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern mit Markus Gasser, Lorenz Hofer, Emilie Buri, Annina Fischer, Rhea Kyvelos und Stefanie Meier innerhalb von vier Jahren das neue Standardwerk erarbeitet.

Online-umfrage

Das Team ging akribisch vor, überprüfte gegen 10 000 Wörter und Wortverbindungen auf ihren aktuellen Gebrauch und nahm neue Wörter auf. Auch typische alte Basler Ausdrücke sind weiterhin dokumentiert und erklärt.

Das Augenmerk richtete sich vor allem auf die sprachliche Entwicklung der letzten 20 Jahre – im Detail auf die Dialektliteratur, Zeitungen, Hörspiele, Theateraufführungen, die lokale Musikszene, Fasnachtstexte sowie das Internet. Zum ersten Mal in der Geschichte der Dialektwörterbücher stützen sich die Einträge im neuen Wörterbuch auch auf Resultate einer Online-Umfrage. Über 4000 Personen haben daran teilgenommen und über 70 000 Einzelantworten geliefert sowie rund 25 000 Beispielsätze genannt.

Butter gegen Angge

Alles in allem basiert das neue Wörterbuch auf drei Säulen: Ein Grundwortschatz von 4000 Wörtern, die gleich oder fast gleich lauten wie in der Standardsprache, bildet die eine Säule. Die zweite, tragende, sind die Wörter, die für das Baseldeutsche spezifisch sind, sich also deutlich von standardsprachlichen Entsprechungen unterscheiden oder sogar nur in Basel existieren – zum Beispiel «Gugge» für «Tüte».

Die dritte und dünnste Säule bilden Wörter und Bedeutungen, die seit 1980 neu ins Baseldeutsche gekommen sind – etwa «Butter», das «Angge» verdrängt – oder die im Baseldeutschen selber entstanden sind, zum Beispiel «Flòòraabiitsch» als Bezeichnung für das Kleinbasler Rheinufer auf der Höhe der Florastrasse. Oder es handelt sich um englische Wörter, die adaptiert worden sind – etwa «rissäigle» (recyclen: wiederverwerten).

I statt Ypsilon

Das neue Baseldeutsch-Wörterbuch hält sich wie Rudolf Suters Werk auch streng an die Lautschrift; die Wörter werden so geschrieben, wie man sie hört. Ja, es geht sogar noch einen Schritt weiter. Und dieser wird wohl für manche Benützer des neuen Wörterbuches nicht einfach sein. Sie müssen sich nämlich mit dem Verlust des Ypsilons abfinden. Alle Vokale werden nun gleich behandelt; die geschlossenen Vokale sind als a, e, i, o, u geschrieben und die offenen mit einem Accent grave. «Schyterbyygi» schreibt sich nun «Schitterbiigi» und «Schyssdräggziigli» «Schissdräggzüüglì».

Doch da der Dialekt keine Norm kennt, ist das neue Wörterbuch – wie damals das alte auch – nicht als Bibel, sondern als Hilfsmittel zu verstehen.

Neues Baseldeutsch-Wörterbuch, Christoph Merian Stiftung (Hg.), Christoph Merian Verlag 2010, 544 Seiten, Fr. 49.–. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.09.2010, 07:41 Uhr

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Wesentliche Neuerungen

  • Beispiele. Jeder Artikel enthält nach der Erläuterung des Stichwortes mindestens einen Beispielsatz. Bei Flòòraabiitsch, womit das Kleinbasler Rheinufer auf der Höhe der Florastrasse gemeint ist, steht: Zum Abschlùss gömmr nò an d Flòòraabiitsch e fètte Dschòint gò rauche.

  • Schreibung. Das Ypsilon, wie es Suter für das geschlossene i verwendet hat, wird durch ein i ersetzt: «Biisiwätter» statt «Byysiwätter». Das offene i wird mit einem ì geschrieben: «Bììrewègge» statt «Biirewègge».

  • Neue Laute. Früher als e und i wiedergegebene Laute werden durch ö und ü ersetzt: «Lööli» statt «Leeli», «üüber» statt «ììber». Der Laut ai wird durch äi oder öi ersetzt: «Mäitlìbäi» statt «Maitlibai», «Höiwoog» statt «Haiwoog». Der Laut ei wird zum Teil durch öi ersetzt: «Nöijòòr» statt «Neijòòr».

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