Debakel bei der BVB-Infrastruktur

Auf dem Basler Tramnetz sind die Schienen kaputt, weil die Räder aller drei Tramtypen ungenügend gewartet wurden.

Schienenfresser Combino. Beim Tram mit Einzelaufhängung haben die BVB die Wartungsintervalle verlängert.

Schienenfresser Combino. Beim Tram mit Einzelaufhängung haben die BVB die Wartungsintervalle verlängert. Bild: Keystone

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Die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) lassen wieder einmal Negativschlagzeigen schreiben. Wie ein Teil der Geschäftsleitung gestern vor den Medien bekannt gab, hat das Transportunternehmen in den vergangenen Wochen eine «erhöhte» Abnutzung und Schäden an Schienen und Weichen festgestellt. Besorgniserregend: Nicht nur mehrere Jahre alte Schienen sind von den Abnutzungen betroffen, sondern auch Weichen, welche die BVB letztes Jahr verlegt haben. So sind beispielsweise die im Sommer 2017 am Steinenberg oder an der Wendeschlaufe in Riehen eingebauten Gleise stellenweise bereits stärker angefressen, als sie es nach einem Jahr Betrieb sein sollten.

Ludwig Näf, interimistischer Leiter der Technik bei den BVB, gab für den ausserordentlichen Verschleiss an den Schienen drei Gründe an. Zum einen sei die Spur bei Trams der Combino-Flotte nicht richtig eingestellt. Da die Räder dieser Trams von Siemens nicht über eine Starrachse verbunden, sondern einzeln aufgehängt sind, stehen die Räder nach einer gewissen Betriebszeit nicht mehr parallel zueinander, sondern etwas schräg. Damit wirken enorme Kräfte auf die Schienen, was diese stärker abnutzt. Zum andern bilden sich an den sogenannten Spurkränzen der Räder – sie sorgen dafür, dass das Tram in der Schiene bleibt – mit der Zeit scharfe Kanten. Diese feilen die Schienen stärker ab. Und drittens, so Näf, bilden sich auf den Rädern sogenannte Hohlläufe. Das Rad liegt dann nicht mehr mit seiner ganzen Lauffläche auf der Schiene auf, sondern nur noch auf zwei Punkten. Das Gewicht der Trams ist nicht mehr ausgeglichen verteilt. Vielmehr entsteht auf den zwei Punkten innen und aussen auf der Lauffläche ein enormer Druck, welcher die Schienen stärker beansprucht.

Alle drei Tramtypen betroffen

Wie Näf sagte, seien alle drei Tramtypen der BVB von diesen Problemen betroffen. Also sowohl die neusten Flexity-Trams von Bombardier, die etwas älteren Combinos wie auch die alten sogenannten Cornichons von Schindler. «Alle drei Tramtypen werden nun vermessen und wir ziehen auch die Erbauer Bombardier und Siemens hinzu», sagte Näf. Damit diese Mängel an sämtlichen Trams Mitte September behoben sind, hätten die BVB ihren Werkstätten am Wiesen- und Allschwilerplatz den Zweischichtbetrieb auferlegt. Zusätzliche Kapazitäten holen sich die BVB zudem bei der Baselland Transport AG (BLT) in der Wartehalle Ruchfeld und bei Bernmobil.

Bruno Stehrenberger, interimistischer Leiter der Infrastruktur, Markt und Netz, erklärte, dass die Schäden vor allem in Kreuzungs- und Weichenbereichen der Gleise auftreten würden. Aber auch auf geraden Strecken. Dass die starken Abnutzungen der letzten Wochen in Zusammenhang mit der Qualität der Schienen und Weichen stünden, schloss Stehrenberger aus. «Wir haben mehr als zehn verschiedene Hersteller von Schienen, daher handelt es sich nicht um ein Problem mit dem Material.»

Spurproblem ist hausgemacht

Für Anwohner und Passanten bedeuten die Probleme mit dem Rollmaterial erhöhte Lärmbelästigung durch Quietschen und Gieren. «Mit einer falsch eingestellten Spur kommt Stahl auf Stahl und da wird es laut», sagte Stehrenberger.

Spureinstellungen müssen Halter von Autos bei ihren Fahrzeugen regelmässig vornehmen. Das schauen Experten der Motorfahrzeugkontrolle bei den Prüfungen der Autos an. Weshalb die BVB dies bei den Combinos ohne Starrachse offenbar verpasst haben, dazu sagte BVB-Direktor Erich Lagler: «Unsere Techniker schauen die Spur nach einer gewissen Anzahl gefahrener Kilometer an. Wie erste Untersuchungen nun aber ergeben haben, ist diese Kilometerlaufleistung für eine Überprüfung intern erhöht worden.» Die Geschäftsleitung ist über diese gravierende Veränderung offenbar nicht informiert worden, wie Lagler erklärte. «Die Heraufsetzung der Kontrollintervalle ist nicht über unseren Tisch gegangen. Weshalb das nicht passiert ist, ist Gegenstand der aktuellen Untersuchungen.» Ebenso hätte gemäss Lagler eigentlich das Bundesamt für Verkehr (BAV) – es ist die Oberaufsichtsbehörde für Eisenbahnen und Trams – über diesen Punkt informiert werden müssen. Dies ist offenbar nicht geschehen. Lagler: «Wir waren selber erstaunt, dass wir die Änderung bei den Kontrollintervallen erst herausgefunden haben, als das Schadensbild bekannt war.»

Ob dieser Punkt bei der Instandhaltung der Spur der Combinos wirklich vom BAV abgesegnet werden muss, konnte das Bundesamt gestern wegen einer abwesenden Person nicht klären. BAV-Sprecherin Florence Pictet: «Für die Sicherheit im Eisenbahn-, Tram-, Bus-, Seilbahn- und Schiffsverkehr sind grundsätzlich und in erster Linie die Transportunternehmen verantwortlich.»

Anders als bei den BVB sieht das Schadensbild gemäss Lagler bei der BLT aus. «Die BLT hat auch Probleme damit. Auf Abschnitten, wo aber nur die BLT fährt, ist das Schadensausmass nicht so hoch. Die Trams werden bei der BLT offenbar besser instand gehalten.»

Hingegen keine Angaben zur Entstehung der scharfen Kanten auf den Spurkränzen konnte Näf machen. «Um zu 100 Prozent sicher zu sein, woher das rührt, müssen wir Experten hinzuziehen, die das abklären.» Die dritte Ursache, die Bildung der Hohlräume auf den Laufflächen der Räder, hingegen sei ein Prozess, der immer passiere.

Keine Auswirkungen auf Fahrplan

Was das ganze Debakel mit dem Rollmaterial die BVB kostet, dazu konnten die Verantwortlichen gestern keine Zahlen nennen. Stehrenberger: «Das ist zum jetzigen Zeitpunkt zu früh zu sagen. Wir werden die Schäden am Netz transparent machen, wenn wir es neu vermessen haben.» Wer das dann schlussendlich bezahlt und ob die BVB beim Grossen Rat einen Kredit für diese ausserordentlichen Aufwendungen beantragen, sei noch unklar. Lagler: «Das müssen wir abklären.»

Bis die sämtlichen 100 Trams der drei Typen bis Mitte September überprüft und wieder instand gestellt sind, solange dürfen sie über Kreuzungen und Weichen nur mit 15 Kilometern pro Stunde anstatt der normalen 25 fahren. Dies habe auf den Fahrplan keine Auswirkungen und auch nicht auf die Sicherheit der Fahrgäste. Lagler: «Diesbezüglich bestand zu keiner Zeit ein Problem.»

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 03.08.2018, 07:13 Uhr

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