Der Art Parcours im Bann des St. Johann

Wer zum Abschluss der Art-Woche weder auf Sonne noch auf Kunst verzichten will, begibt sich am besten auf den Art Parcours durch das St. Johann-Quartier. Als Appetizer präsentieren wir eine digitale Form dieses Rundgangs.

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Mit der Kunst gehts bachab. Den Art Parcours, der 2011 im St.-Alban- Quartier stattgefunden hat, trieb es dieses Jahr einige hundert Meter Richtung Johanniterbrücke hinunter. Dort ist er im St. Johann gelandet, wo er noch bis am Sonntag für jedermann frei zugänglich ist (siehe Box).

Was gibt es in diesem Jahr Neues zu sehen? Während im letzten Jahr eher statische Arbeiten gezeigt wurden, setzt diese Ausgabe auf performative Beiträge. Dadurch erscheint der Parcours leichter – aber nur auf den ersten Blick. Denn unter den Beiträgen gibt es Handfestes zu sehen, das mehr als im Vorjahr zum Nachdenken über die Konstitution von Stadt, Öffentlichkeit und den Kunstmarkt anregt.

Möbelrück-Theaterstück

Der noch sehr junge Künstler Mateo Tannatt, der im letzten Jahr auch auf der Biennale von Venedig hätte landen können, trägt ein Werk des noch nicht sehr lange verstorbenen Allen Kaprow vor. Kaprow ist der Erfinder des Happenings, einer Mischform aus Thateraufführung und Performance, die in den 60er-Jahren im Trend lag und heute im allgemeinen Sprachgebrauch geläufig ist. 1963 verfasste Kaprow «Push and Pull: A Furniture Comedy For Hans Hofmann». Man ahnt es bereits im Titel, der Mann hatte Humor. Das Stück basiert mehr oder weniger auf Mobiliar, das vom Publikum herumgeschoben werden kann. Es wird kolportiert, dass damals ältere Frauen zu putzen begannen, als hinter den verrückten Möbeln Staub zum Vorschein kam.

Ganz so genau nimmt es Mateo Tannatt mit der Sauberkeit aber nicht. Er hat eine nicht mehr bewohnte Wohnung an der St.-Johanns-Vorstadt 3 gefunden, aus der er das noch vorhandene Mobiliar kopieren liess und dieses im Festsaal des Restaurants zur Mägd auf Podesten platzierte. Während den Öffnungszeiten werden sich nun eine Schauspielerin und ein Schauspieler in der Wohnung aufhalten. Das Publikum im Festsaal kann ihnen über einen Monitor zuschauen und sie mittels Herumrücken der Möbel dazu bringen, das gleiche zu tun. Im besten Fall entsteht ein synchrones Möbelrück-Theaterstück. Was hier so nebenbei wie eine Komödie daherkommt, ist im Grunde aber ernsthaft. Mateo Tannatt stellt nicht mehr als die Frage nach der Trennung zwischen öffentlich und privat in unserer Zeit, in der Realtime-Communication Alltag geworden ist.

Einverleibung der Kritik?

Am Rheinweg unten sind vier Arbeiten zu sehen. Zwei Filme, einer von Henrik Håkansson in der Wasserpumpstation und einer von Simon Dybbroe MØller in einer Autogarage, sowie eine Skulptur von Eduardo Basualdo. Spannend war am Mittwochabend die Performance-Installation «Voix de Ville» von Kathryn Andrews, die mit Performance-Vorstellungen das Publikum am Rheinufer unterhielt. Kunstmessen verwenden Performances gerne als Unterhaltungsformate, ihre Bedeutung für das Publikum wird als Staffage wahrgenommen – so zuminest macht es einem das Art-Parcours-Faltblatt deutlich.

Man bemerkt, der Kurator Jens Hofmann hat die Einrichtung des Art Parcours dieses Jahr etwas selbstkritischer angegangen als im Vorjahr. Aber, und das ist immer die Gefahr bei kritisch anmutenden Allüren, der Kunstmarkt geht nur dann auf Schmusekurs, wenn er damit Profite einfahren kann. Kritische Kunst – wenn es denn solche noch gibt – wird als authentisch sofort einverleibt. Daran dürfte auch die mit ernsthaften Absichten versehene Arbeit «Baby Marx» von Pedro Reyes nichts ändern, der einen Clash zwischen Karl Marx und Adam Smith evoziert, um damit die Geschäfte ennet des Rheins zu persiflieren.

Mahnmal der Ausgegrenzten

Der Gang zum nahegelegenen Totentanzpark lohnt sich auch. Die in Görlitz geborene und in Kalifornien lebende Maria Nordman führt eine in diesem Jahr begonnene Reihe «Actions In Real Time With Any Person(s) Arriving» durch. Man weiss nicht so genau, was und ob überhaupt etwas passieren wird. Die Künstlerin setzt auf direkten Kontakt mit Menschen, untersagt das Fotografieren, um so den Körper als Speicherformat zu aktivieren.

Im selben Park hat Claude Lévêque ein Wohnwagenmonument erstellt. Inmitten des gepflegten Wohnquartiers erscheint eine solche Behausung suspekt, es könnten darin Aussteiger leben. Oder ist «Ring of Fire» ein Symbol für diejenigen Menschen, die das wohlhabende Europa systematisch ausgrenzt? Ein Mahnmal also für unser schlechtes Gewissen? Kunst macht es einem nicht leicht, auch nicht der eigenen Kritik. Und das ist gut so. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.06.2012, 02:16 Uhr

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