Der Chefarzt und die Scheichs

Der kürzlich entlassene Chefarzt des Unispitals ,Victor Valderrabano, sei zu erfolgreich geworden, sagen viele – die BaZ hat sich seine Triumphe angeschaut.

Neue Technik: Unter anderem durch das Tragen von Hauben bei OPs gelang es Victor Valderrabano, die Infektionsrate tief zu halten.

Neue Technik: Unter anderem durch das Tragen von Hauben bei OPs gelang es Victor Valderrabano, die Infektionsrate tief zu halten. Bild: Kostas Maros

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Er ist ein zurückhaltender Mann, wirkt ruhig und freundlich, sein Händedruck ist weder fest noch schwach, sondern liegt irgendwo dazwischen. Auf den ersten Blick wirkt Valderrabano, dessen Eltern aus Spanien in die Schweiz gekommen sind, nicht wie der entschlossene Karrieretyp, der er aber offenbar ist. Sein Erfolg habe ihn den Kopf gekostet, sagen Branchenkenner. Zu viele Neider habe er gehabt. Das klingt nach grossen Würfen, Millioneneinnahmen, Ruhm. Dennoch haben viele Valderrabanos Namen bis vergangenen Montag, als seine Kündigung vom Universitätsspital Basel öffentlich wurde, noch nie gehört – es sei denn, sie wurden von ihm behandelt oder kommen aus der Branche.

Viele derer, die ihn kennen, können den Entscheid der Spitalleitung nicht verstehen. Obwohl diese die Gründe kommuniziert hat: Valderrabano soll sich unrechtmässig bereichert haben, unter anderem Honorare falsch abgerechnet und Reisekosten für seine Familie aus einem zweckgebundenen Fonds bezahlt haben. Viele sind jedoch der Meinung, der 42-Jährige habe der Institution weit mehr gebracht, als er sie gekostet haben könne – selbst dann, wenn er bei der Auslegung dessen, was ein Chefarzt darf, zu weit gegangen sei. Und tatsächlich, das hebt auch Spital­direktor Werner Kübler hervor, hat sich Valderrabano in den fünf Jahren in Basel äusserst bezahlt gemacht.

Vision von einem Spitzenplatz

Die Basler Orthopädie agierte, als er dort Leiter wurde, nicht auf einem universitären Niveau, Forschung fand nur in eher kleinem Rahmen und weitgehend ohne grosse internationale Beachtung statt. Valderrabano jedoch wollte hoch hinaus. Seine Vision: Der Standort Basel sollte in der Zukunft in einer Reihe genannt werden mit renommieten Kliniken wie der Berliner Charité oder den Mayo-Kliniken in den USA. «In diese Aufgabe stürzte er sich mit voller Kraft», sagt ein Weggefährte. Dafür brauchte der Mediziner vor allem eines: internationale Anerkennung. Valderrabano baute Spezialitätenteams auf und investierte in die Forschung. Er gründete unter anderem die Forschungsgruppe Arthrose, welche mittlerweile zu einem viel beachteten Forschungszentrum angewachsen ist. Der zweifache Vater, der in Kanada ein Zwei­tstudium in Biomechanik absolvierte, entwickelte neue Techniken, publizierte gemeinsam mit seinem Team in Fachzeitschriften, und organisierte Kongresse in Basel.

Eine Teeküche für die Prinzessin

Auch finanziell zahlte sich sein Engagement aus. Es gelang, die Fallzahlen der Orthopädie jährlich zu steigern. 2013 verzeichnete die Klinik 2549 stationäre Patienten, 3731 Eingriffe wurden durchgeführt. 2010 waren es noch 2881 Operationen. Aber vor allem wen Valderrabano unter dem Messer hatte, war für das Unispital von Vorteil. Dem Chefarzt gelang es, den Medizinaltourismus nach Basel kräftig anzukurbeln. Vermögende Patienten, vor allem aus Russland und den Emiraten, legten sich auf seinen OP-Tisch. Valderrabano war es auch, der zur Behandlung ganze Königsfamilien aus dem Nahen Osten nach Basel holte. Davon profitierten nicht nur der Chirurg und das Spital, auch die Hotellerie, Juweliere und Luxusgeschäfte machen ihren Umsatz mit den Scheichs und deren Anhang.

Als einmal eine saudische Prinzessin eine Operation brauchte, quartierte sich der ganze Tross mit, so sagt man, rund 80 Personen in den beiden Fünf­sterne-hotels Les Trois Rois und Swissôtel ein. Bereits Wochen im Vorfeld reiste die Küchencrew der Königsfamilie an, richtete sich in der Küche des «Trois Rois» ein und sorgte während des rund zweimonatigen Aufenthalts der Prinzessin für das leibliche Wohl des Hofstaats. Es wird gemunkelt, dass für den Aufenthalt im Luxushotel eigens eine Teeküche eingebaut werden musste. Beim «Trois Rois» werden immer wieder Zimmer für Medizinaltouristen direkt vom Uni-Spital gebucht. Details möchte man im Hotel zu den berühmten Gästen nicht preisgeben, sagt aber: «Der Betrieb liegt natürlich durch die Nähe zum Spital ideal, wenn auch Angehörige anreisen und die Patienten regelmässig besuchen möchten.» Vor allem Gäste aus den Golfstaaten und aus Russland kämen auf diese Art ins Hotel, sagt Caroline Jenny, Head of Marketing.

Innerhalb von fünf Jahren haben diese Selbstbezahler aus dem Ausland, denen ein höherer Tarif verrechnet wird, alleine in der Orthopädie über drei Millionen Franken gelassen. Für das Prestige der Klinik noch wichtiger war aber eine weitere Kundengruppe: die Spitzensportler. Boris Becker outete sich als Patient des Universitätsspitals. Auch Marathonläufer Viktor Röthlin lag in Valderrabanos Operationssaal, dazu zahlreiche Fussballer der grossen Clubs. «Wenn Boris Becker öffentlich sagt, er habe sich bei uns operieren lassen, ist das natürlich willkommene Wer-bung für uns», sagte der damalige Kom­munikatonsbeauftragte des Uni-Spitals, Andreas Bitterlin. Nur, wer sich öffentlich als Uni-Spital-Patient outet, wird genannt. Ansonsten gilt Diskretion.

Scheichs, Stars, Millionen: Valderrabano hat offensichtlich Gas gegeben in Basel. Nach seiner Kündigung wurde der Vorwurf laut, das Spital opfere die erfolgreiche Orthopädie, um ihn loszuwerden. Spitaldirektor Werner Kübler gibt sich aber zuversichtlich, dass sich die Orthopädie auch in Zukunft auf hohem Niveau weiterentwickeln kann. Mit dem interimistischen Leiter Marcel Jakob, der der Traumatologie vorsteht, habe man einen mehr als fähigen Mann, teilte er am Montag mit. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.10.2014, 12:00 Uhr

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