Der Machtfaktor Vischer

Die Basler Anwaltskanzlei Vischer gilt als Sprungbrett in Politik und Wirtschaft. Ihre Mitglieder besetzen Schlüsselpositionen im Stadtkanton.

Der starke Mann im Hintergrund. Ueli Vischer zog bei Verhandlungen zum Neubau der Messe als Verwaltungsratspräsident im Hintergrund die Fäden.

Der starke Mann im Hintergrund. Ueli Vischer zog bei Verhandlungen zum Neubau der Messe als Verwaltungsratspräsident im Hintergrund die Fäden. Bild: Margrit Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Eingang zum Basler Epizentrum von Macht und Einfluss ist unscheinbar: Nur ein dezentes Schild verweist auf die Anwaltskanzlei Vischer, die im Hinterhof eines Hauses in der Aeschenvorstadt beheimatet ist. Die Basler Anwaltskanzlei, deren Anfänge bis ins Jahr 1857 zurückgehen, gilt als beste Adresse für Jungtalente der Jurisprudenz – und als Sprungbrett in Politik und Wirtschaft. Den umgekehrten Weg wählte der frühere Verwaltungsratspräsident und heutige Verwaltungsrat der gleichnamigen Kanzlei Ueli Vischer. Nach seinem Rücktritt als Finanzdirektor im Jahr 2005 trat Vischer in die Kanzlei ein und hat seither ein prestigeträchtiges Mandat nach dem anderen angenommen.

So ist der 62-jährige Liberale seit 2006 Verwaltungsratspräsident der Messe Schweiz (MCH), die er noch aus alten Tagen kennt: Vischer war von 1992 bis zu seinem Rücktritt von Amtes wegen Verwaltungsrat der ehemaligen Messe Basel und ab 2001 der neuen MCH. Als es um den umstrittenen Neubau der Messe ging, holte sich die Messe ihren besten Mann ins Boot. Vischer verhandelte mit den beiden Kantonen Basel-Stadt und Baselland, die an der MCH beteiligt sind. Und er verhandelte gut: Er holte Investitionsbeiträge und zinslose Darlehen in der Höhe von 100 Millionen Franken für die MCH heraus. Kritiker monierten damals, dass die zinslosen Darlehen und die A-fonds-perdu-Beiträge eine indirekte Subven­tion der MCH darstellen würden.

Neben der MCH und einigen Verwaltungsratsmandaten präsidiert Vischer zudem den Universitätsrat der Uni Basel. Portiert wurde er dort im Jahr 2005 von seinem ehemaligen Regierungsratskollegen und Jugendfreund, LDP-Politiker Christoph Eymann. Beide spielten sie in ihrer Jugend zusammen Handball und arbeiteten später in den 1980er-Jahren beim Basler Volkswirtschaftsbund.

Albrecht oft im Ausstand

Im Jahr 2007 übernahm Vischer bei der Immobilienfirma Warteck Invest ein weiteres VR-Mandat. Im Dezember 2007 gab die Firma bekannt, eine ihr gehörende Häuserzeile am Riehenring mit dem Alten Warteck erneuern und ein Hochhaus bauen zu wollen – den Claraturm, der am 24. November zur Abstimmung kommt. Der vom Grossen Rat bewilligte Bebauungsplan wurde in der vorberatenden Grossratskommis­sion, der Bau- und Raumplanungskommission (BRK) vorbereitet. Präsident der BRK ist Andreas Albrecht, liberaler Grossrat und Managing Partner der Kanzlei Vischer.

In der entscheidenden Schlussabstimmung in der Kommission trat Albrecht zwar in den Ausstand, gemäss Angaben von Kommissionsmitgliedern war der BRK-Präsident aber jeweils in den Sitzungen dabei, in denen der Bebauungsplan behandelt wurde. Der Claraturm-Bebauungsplan reiht sich damit ein in eine lange Liste von Bauprojekten, bei denen Albrecht wegen Interessenverflechtungen in den Ausstand treten musste: Ob Stücki, Sevogelpark, Erlenmatt oder Stadtcasino, jedes Mal musste Albrecht seine Interessenverbindungen offenlegen oder in den Ausstand treten.

Andreas Albrecht präsidiert die BRK seit dem Jahr 2003 und folgte dort auf den ehemaligen Grossratspräsidenten Bernhard Christ – Senior Counsel bei der Kanzlei Vischer. Mit Christian Brückner verfügt die Kanzlei über einen weiteren einflussreichen Senior Counsel, der bis vor wenigen Jahren eine weitere Schlüsselposition im Kanton besetzte: Mit der Verselbstständigung der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) wurde Brückner Ende 2005 Verwaltungsratspräsident der BVB. Damit belohnte der damalige Regierungsrat die guten Dienste von Vischer-Anwalt Brückner. Dieser hatte den Kanton im Streit um Schadenersatzzahlungen gegen die deutsche Firma Siemens vertreten, als in den neuen Combino-Trams Risse festgestellt wurden und diese für viel Geld saniert werden mussten.

Treffen im Vischer-Auditorium

Kurzzeitig stand Andreas Albrecht nach dem Rücktritt von Ueli Vischer im Gespräch für das Amt des Regierungsrates, doch Albrecht wollte nicht. Stattdessen wurde er Mitglied des Bankrates der Basler Kantonalbank (BKB), stieg zum Vizepräsidenten auf und wurde 2009 deren Präsident.

Anfang desselben Jahres fädelten die bürgerlichen Parteien nach der ­Verkleinerung des Grossen Rates auf 100 Sitze die Verteilung der Kommis­sionssitze ein: Am frühen Morgen vom 4. Februar 2009 luden die Spitzen der bürgerlichen Parteien zur Befehlsausgabe. Im Auditorium der Kanzlei Vischer kamen 60 Grossrätinnen und Grossräte zusammen und erhielten Instruktionen für die Kommissionswahlen. Die Ergebnisse der Kommissionswahlen waren eindeutig: Sämtliche linke Kandidaten unterlagen, die bürgerlichen Parteien waren entgegen dem geltenden Ver­teilschlüssel übervertreten – und die Linke zog vor Gericht.

«Kanzlei braucht wieder einmal einen Regierungsrat»

Anstatt Albrecht soll nun nach fast zehn Jahren Abstinenz wieder einer aus den Reihen von Vischer Regierungsrat werden. Wie hinter vorgehaltener Hand herumgereicht wird, sei man in der Kanzlei der Meinung, dass «man wieder einmal einen Regierungsrat braucht». Richten soll es in der parteiinternen Ausmarchung gegen die Präsidentin der Liberalen, Patricia von Falkenstein, ihr Parteifreund, Grossratspräsident und Anwalt bei Vischer, Conradin Cramer. Der eloquente 34-jährige Notar gilt bei vielen Liberalen als heisser Anwärter auf die Nachfolge von Eymann, der kürzlich angekündigt hatte, dass die laufende Legislatur seine letzte sein werde. Cramer hat mit Andreas Albrecht einen gewichtigen Fürsprecher bei den Liberalen, und auch die Unterstützung von Anwaltskollege und Zunftbruder Ueli Vischer dürfte dem ambitionierten Conradin Cramer sicher sein. Die beiden sind zusammen in der E.E. Zunft zum Schlüssel, in der Vischer seit März diesen Jahres als Meister und Cramer als Vorgesetzter amten.

Neben den beiden einflussreichen Grossräten Andreas Albrecht und Conradin Cramer hat die Kanzlei Vischer seit den letzten Wahlen einen Vertreter mehr im Grossen Rat: Den 53-jährigen Anwalt David Jenny, Sohn des 2004 verstorbenen ehemaligen FDP-Regierungsrats Kurt Jenny. Der promovierte Jurist gilt innerhalb der Basler FDP als «Zukunftshoffnung», und auch für Vischer könnte er an Bedeutung gewinnen, dann nämlich, wenn Kommissions­präsident Albrecht wie angekündigt dem Grossen Rat den Rücken kehrt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.11.2013, 11:23 Uhr

Artikel zum Thema

Happy Birthday Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Frank B. Vischer!

Frank Vischer ­feierte vergangene Woche seinen 90. Geburtstag. Wer nicht mindestens einen Doktortitel besass, eine Stadtvilla im Gellert, den Faust auswendig konnte oder dem Vischer-Clan an­gehörte, war an der Feier fehl am Platz. Die Klatschkolumne. Mehr...

Conradin Cramer neuer Grossratspräsident

Basel-Stadt Der baselstädtische Grosse Rat wird ein Jahr lang von Conradin Cramer (LDP) präsidiert. Mehr...

«Zürich ist für uns eine Erfolgsstory»

Bereits im März gab es Anzeichen von Unregelmässigkeiten. Doch das Management der Basler Kantonalbank blieb untätig. Bankratspräsident Andreas Albrecht nimmt Stellung. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...