Dialekt wird gefördert, hat aber keinen Vorrang

Der Regierungsrat lehnt die Dominanz des Dialekts im Kindergarten ab und empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. Er will aber im Schulgesetz verankern, dass Dialekt und Standarddeutsch gleichwertige Lernziele haben.

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Die 5000 Unterschriften waren in kurzer Zeit beisammen. Die IG Dialekt reichte im April 2009 die Volksinitiative «Ja zum Dialekt» ein. Sie will der Mundart als Unterrichtssprache im Kindergarten Priorität einräumen. Die Förderung in Hochdeutsch soll lediglich in einzelnen Sequenzen erfolgen. Die Initiative war eine Reaktion auf die neue Praxis in Basels Kindergärten. Seit dem Schuljahr 2009/10 gilt die Regelung, dass Kindergärtnerinnen in der Hälfte der Zeit mit ihren Kindern Hochdeutsch sprechen müssen.

Gleichwertige Lernziele

Die Regierung will an ihrer bisherigen Praxis festhalten. «Denn die Erfahrungen, die wir gemacht haben, sind positiv», sagt Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP). Gleichzeitig möchte man jedoch auch den Initianten entgegenkommen. Die Regierung stellt der Initiative deshalb einen Gegenvorschlag gegenüber. Anders als die Initiative sieht der Gegenvorschlag keine Dominanz des Dialekts im Kindergarten vor. Stattdessen soll im Schulgesetz festgeschrieben werden, dass der Kindergarten-Lehrplan für Dialekt und Standarddeutsch gleichwertige Lernziele erhalten muss. Die Aufteilung der beiden Sprachen im Unterricht legt der Erziehungsrat fest. Er bestimmt gemäss Gegenvorschlag also, ob er für den Dialekt einen Mindestanteil festsetzen will.

Der Gegenvorschlag möge zu einer «Versachlichung der öffentlichen Debatte zum Thema» führen, hofft Pierre Felder, Leiter Volksschulen im Erziehungsdepartement (ED). Man habe nie die Absicht gehabt, «den Dialekt auszurotten». Die heutige Regelung im Kindergarten mit 50 Prozent Standardsprache, die man gerne fortführen möchte, sei das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung. 2001 begannen Langzeitversuche mit Standarddeutsch in vier Basler Kindergärten, 2006 bis 2008 wurden diese auf 31 Kindergärten erweitert. Seit März liegt zudem ein unabhängiger Bericht der Linguistin Rahel Sacco-Wolber vor. Dieser kommt zwar zum Schluss, dass die Hälfte aller Kindergarten-Lehrkräfte der 50-Prozent-Regelung kritisch gegenübersteht. Der Bericht hält jedoch gleichzeitig fest, dass Kinder in ihrem Sprachgebrauch von der neuen Regelung profitieren. «Die Wissenschaft kommt zum Schluss, dass Standarddeutsch im Kindergarten gerade Fremdsprachigen Vorteile bringt», sagt Christoph Eymann – und Basel-Stadt sei nach Genf der Kanton mit den heterogensten Kindergarten-Klassen.

Wichtig ist dem ED jedoch auch die Pflege des Dialekts im Kindergarten, betont Pierre Felder. «Wir verpflichten uns als erster Kanton in der Schweiz zur Dialektförderung im Kindergarten.» Er betont zudem, dass die Kinder nicht zum Gebrauch von Standarddeutsch gezwungen würden. «Die Kinder können jederzeit so sprechen, wie sie wollen.»

«Heimatschutz für Hochdeutsch»

Verhalten fällt die Reaktion auf den Gegenvorschlag bei den Initianten von der IG Dialekt aus. Jost Müller, Co-Präsident des Initiativkomitees, zeigt sich zwar erfreut, dass gemäss Gegenvorschlag «nun auch der Dialekt Bestandteil des Lehrplans ist». Er stört sich jedoch daran, dass weiterhin ein Grossteil des Unterrichts auf Standarddeutsch erfolgt. «Das heisst, es gibt einen Heimatschutz für Hochdeutsch, aber keinen Heimatschutz für den Dialekt.» Die IG Dialekt werde nun an einer Vorstandssitzung prüfen, ob sie an der Initiative festhält oder diese zurückzieht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.05.2010, 07:54 Uhr

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In Basels Kindergärten sind die Lehrkräfte dazu verpflichtet, in der Hälfte der Zeit Standarddeutsch zu sprechen. Die Initiative «Ja zum Dialekt» fordert dagegen Vorrang für die Mundart. Zu Recht?

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