Die Bösen sprachen meist Baseldeutsch

Sprache und Dialekt verändern sich. Eine Reprise mit Filmperlen aus dem SRF-Archiv lud zum Schmunzeln ein – speziell eine Umfrage auf dem Barfüsserplatz zum Frauenstimmrecht aus den 60er Jahren.

So sprachen die Baslerinnen und Basler einst: Sehen Sie, wie die beliebte Basler Fernsehfrau, Heidi Abel, 1963 die Leute auf dem Barfi zum Frauenstimmrecht befragt (Video weiter unten).

So sprachen die Baslerinnen und Basler einst: Sehen Sie, wie die beliebte Basler Fernsehfrau, Heidi Abel, 1963 die Leute auf dem Barfi zum Frauenstimmrecht befragt (Video weiter unten). Bild: Screenshot von SRF-Filmmaterial, 1963

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Baseldeutsch-Sprechende stechen unter Schweizern sofort hervor. Auch nicht am Rheinknie ansässige Deutschschweizer können den Dialekt, der Konsonanten so betont wie sonst kaum einer, wohl mit Leichtigkeit heraushören und Basel zuordnen. In der übrigen Schweiz geniesst das zuweilen hart klingende Baseldytsch teilweise nicht die grösste Sympathie – von Schnitzelbänken einmal abgesehen. Werden Antagonisten im Schweizer Filmschaffen doch häufig Baseldeutsch-sprechend dargestellt. So etwa in den schwarzweissen Heimatfilmen der Fünfziger und Sechziger.

Auch Michael Frick, der Fiesling in der beliebten TV-Soap «Lüthi und Blanc», wird vom Basler Gilles Tschudi verkörpert. Dieser gewinnt auch als Kommissar Madörin in den TV-Krimis «Hunkeler» nicht viele Sympathien für sich. Die verstorbenen Alfred Rasser als HD Läppli und Martin Schenkel als kreativen Sympathieträger «Flip» aus der Serie «Fascht e Familie» sind dabei Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Baseldeutsche Evolution

Doch wie hat sich das Baseldeutsch über die Jahre entwickelt? Obwohl der Baslerdialekt dank der Fasnacht auf Zetteln und von Bänken auch schriftlich gepflegt wird wie kein anderer, hat er sich über die Zeit gewandelt. Kaum jemand redet heute noch ernsthaft von einem «Ilp» beim Zolli-Besuch (Baseldeutsch für Elefant). Auch öffnen die Basler bei Regen schon länger einen Schirm und nicht mehr den aus dem Französischen entliehenen «Baareblyy». Auch das «I-grecque», das «Y», ist im Baseldeutschen ist unter Druck geraten, seit es im 2010 erschienenen Baseldeutsch-Wörterbuch nicht mehr aufgeführt wird. Sprachwissenschaftlich korrekt wird nun zwischen «i» und «ì» unterschieden. Auch das dem alten Baseldeutsch eigene «Doppel-E» (wie bei Leeli, neu: Lööli) oder das «Doppel-Ü» (wie bei yyber, neu: üüber) sind im neusten Wörterbuch überholt.

Befürchtete Sprach-Verarmung – schon früher

Schon 1984 äussert der verdienstvolle Baseldeutsch-Dialekt-Pionier Rudolf Suter sein Bedenken zum Verwischen des Dialekts. In einem Fernsehbeitrag von DRS aktuell zu seiner Publikation des ersten Baseldeutsch-Dialekt-Wörterbuch bedauert er, dass die Spracherziehung in den Elternhäusern nicht mehr so geschehe wie zu seiner Kindheit. Ihm sei beispielsweise noch beigebracht worden, rennen und nicht «seckeln» zu sagen. Heute – also 1984 – würden sich auch gut Baseldeutsch-sprechende Personen vor anderen genieren, zu sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sie müssten befürchten als einen «Dalbanesen», also einen «Mehrbesseren», abgestempelt zu werden.

Diese und andere Perlen aus dem SRF-Archiv waren letzte Woche im Stadtkino am Film- und Diskussionsabend «Mundart!» zu sehen, einer Veranstaltung der Reihe «Erlebte Schweiz».

Video: Dialekt-Wörterbuch Baseldeutsch, DRS aktuell 28.05.1984, Copyright: SRF, zur Verfügung gestellt von Erlebte Schweiz.

Heidi Abel auf dem Seibi

Ja, wie ein anderer Film zeigt, war das Baseldeutsch früher noch ursprünglicher – damals 1963 zum Beispiel: Bei der Umfrage der berühmten Basler Fernsehfrau Heidi Abel auf dem Barfüsserplatz zu einem geplanten Fackelumzug für das Frauenstimmrecht, zeigt sich, wie die Leute auf Basels Strassen einst sprachen. Interessant ist auch zu sehen, welche Anziehungskraft ein Fernseh-Team damals hatte. Im Hintergrund der befragen Personen ringen sich Dutzende Schaulustige zusammen. In der an Medien viel gewohnteren Gesellschaft würde ein Kamerateam heute wohl nicht mehr die gleiche Faszination ausüben. Auch die Mode, speziell die der Damen, ist, aus heutiger Sicht, köstlich anzusehen.

Video: Frauenstimmrecht, Antenne 23.01.1963, Strassenumfrage zum Frauenstimmrecht, mit Heidi Abel, Copyright: SRF, zur Verfügung gestellt von Erlebte Schweiz.

Kollektives Gedächtnis

Dass diese Filmdokumente überhaupt noch angesehen werden können, ist der Arbeit von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, zu verdanken. Denn die alten Filmrollen drohen sich zu zersetzen und unbrauchbar zu werden. Auch der zunehmende Mangel an Abspielgeräten gefährtet die Wiedergabe. Hier setzt Memoriav an und leistet auch mit seiner Sensibilisierung für die audiovisuellen Kulturgüter so einen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis der Schweiz.

Im folgenden Beitrag des Schweizer Fernsehens aus dem Jahr 1989 etwa sind gleich mehrere eigentümliche Dialekte festgehalten. Im damals beliebten Format «Mundart Wettbewerb» waren die Zuschauer eingeladen, die gezeigten Dialekt-Beispiele zu lokalisieren – und ihre Antworten per Post einzusenden.

Mundart Wettbewerb, DRS aktuell 11.01.1989, Copyright: SRF, zur Verfügung gestellt von Erlebte Schweiz. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.10.2012, 07:29 Uhr

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