«Die Debatte hat fast schon hysterische Züge»

Vergangene Woche begann die Fussballsaison 2010/11 – mit verschärften Massnahmen zur Eindämmung der Fangewalt. Thomas Gander (34), Co-Leiter der Fanarbeit Basel, äussert sich im Interview kritisch zur aktuellen politischen Debatte über Fussballfans.

Vermittler: Co-Leiter der Fanarbeit Basel Thomas Gander im St.-Jakob-Park.

Vermittler: Co-Leiter der Fanarbeit Basel Thomas Gander im St.-Jakob-Park. Bild: Mischa Christen

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Thomas Gander, der Auftakt zur Fussballsaison ist friedlich verlaufen. Werten Sie dies als gutes Zeichen für die Saison?
Sicher ist es ein gutes Signal, aber natürlich keine Garantie, dass die Saison ohne Zwischenfälle verlaufen wird. Wichtig scheint mir aber der Blick auf die vergangene Spielzeit. Da gab es in Basel drei Vorfälle bei Spielen: Gegen Rom, als gegnerische Fans hinter die Basler Kurve kamen, und zweimal gegen Zürich, als die Gästefans in ihrem Sektor randalierten und es Auseinandersetzungen bei der Abfahrt des Zuges gab. Ansonsten hatten wir punkto Gewalt eine ruhige Saison.

Sie sprechen von einer ruhigen Saison. Der politische Diskurs zum Thema lässt jedoch einen anderen Eindruck entstehen: Dass Fangewalt eines der grössten Sicherheitsprobleme der Schweiz darstellt.
Stimmt, ich nehme den politischen Diskurs auch so wahr. Ich behaupte jedoch, dass dieser Diskurs von subjektiven Wahrnehmungen geprägt wird. Ich vermisse die verlässlichen, objektiven Anhaltspunkte, dass die Gewalt im Schweizer Fussball zugenommen hat. Es ist kein Zufall, dass immer wieder Einzelfälle zitiert werden wie die Ausschreitungen vom 13. Mai 2006. Die Debatte zum Thema hat sich verselbstständigt, mittlerweile hat sie fast hysterische Züge.

Wie ist denn Ihre Wahrnehmung: Hat die Gewalt rund um Fussballspiele zugenommen?
Nein. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass sie abgenommen hat. Gewalt ist im Fussball eine Realität, so wie sie es bereits in den 80er- und 90er-Jahren war. Innerhalb der Stadien haben wir derzeit kaum Gewaltprobleme. Es gibt aber Konfrontationen im Eingangsbereich, wo Fans mit privaten Sicherheitskräften aneinandergeraten. Zudem kommt es zu Konflikten ausserhalb des Stadions zwischen Fanlager und Polizei. Letztere haben in den letzten Jahren zugenommen.

Sie sagen, dass es innerhalb der Stadien keine Gewalt gibt. Es fällt aber auf, dass die meisten neu eingeführten Massnahmen vor allem die Sicherheit innerhalb des Stadions erhöhen wollen: zum Beispiel das Leichtbier. Zielen solche Massnahmen ins Leere?
In der Tat ist dies ein Fehler der Debatte: Es wird zu wenig darüber nachgedacht, wo und weshalb die Gewalt stattfindet. Mir fällt zudem auf, dass die meisten Massnahmen gar nicht darauf abzielen, die Gewalt einzudämmen, sondern in erster Linie darauf, die Pyros zu bekämpfen – beispielsweise die Kameraüberwachung oder die verstärkten Eingangskontrollen.

Allzu erfolgreich scheint dieser Kampf gegen Feuerwerkskörper jedoch nicht zu sein. In den Stadien brennen die Leuchtfackeln wie eh und je. Warum?
Es gibt gewisse Protestbewegungen innerhalb der Fanszene gegen die zunehmende Repression. Die Ultra-Bewegung beispielsweise betrachtet Pyros als zentralen Bestandteil ihrer Fankultur. Diese Fans wollen zeigen, dass sie sich ihre Fankultur nicht zerstören lassen. Eine Folge davon: Es wird noch mehr gezündet. Das ist durchaus als politische Äusserung zu verstehen.

Haben die Fankurven generell Angst davor, dass die repressiven Mittel des Staats ihre Kultur zerstören?
Ja, es sind in den letzten Jahren immer wieder Fans auf uns zugekommen, die solche Ängste äusserten. Dies birgt die Gefahr, dass es zu einer Radikalisierung der Fankurven kommt, weil die Fans ihre Kultur verteidigen wollen – nach dem Motto: Wenn überall Kameras hängen, vermummen wir uns, wenn jemand von uns festgenommen wird, gehen wir notfalls mit Gewalt gegen Sicherheitskräfte vor. Wir müssen verhindern, dass Fans Gewalt mit der Verteidigung ihrer Fankultur legitimieren. Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass die Fans auch ihre Verantwortung wahrnehmen müssen. Sie müssen ihr Verhalten ebenfalls kritisch hinterfragen.

Tun sie das denn – funktioniert die Selbstregulierung der Fankurve?
Die Selbstregulierung ist das Wichtigste, was in einer Fankurve gefördert werden muss. Mein Eindruck ist, dass sie in Basel ganz gut funktioniert. Dafür gibt es Beispiele. Vor den Heimspielen gehen die Fans der Kurve nicht mehr auf die Kreuzung vor dem Stadion, um dort die gegnerischen Fans zu provozieren. Auch in den Extrazügen zu den Auswärtsspielen funktioniert die Selbstkontrolle. Man glaubt es kaum, aber die FCB-Fans haben, neben den Fans des FC Luzern, in der letzten Saison die geringste Schadenssumme aller Fans verursacht. Die Saubannerzüge durch Städte gibt es nicht mehr, es werden keine Pyros mehr aufs Spielfeld geworfen. Auch Rassismus wird nicht mehr toleriert. Was die Fans aufregt: Nirgendwo wird anerkannt, was sie in den letzten Jahren erreicht haben. Stattdessen erhalten sie stets gespiegelt: Die Kurve wird immer schlimmer und krimineller.

Was Sie aber selber erwähnt haben: Die Konfrontationen zwischen Fans und Polizei haben zugenommen. Was sind die Gründe dafür?
Es ist ein Wechselspiel. Die Polizei würde vermutlich sagen: Wir sind stärker vor den Stadien präsent, weil die Gewalt zugenommen hat, und wir treten härter auf, weil auch die Fans härter auftreten. Die Fans sagen das Umgekehrte: Sie sind der Meinung, dass sie als potenziell kriminell angeschaut werden. Da sind Feindbilder entstanden. Ich finde, hier sollten die Fans einen Schritt zurück machen, denn bei diesem Kampf gibt es nichts zu gewinnen.

Müsste auch der Staat einen Schritt zurück machen?
Ja, eindeutig. Ich traf mich vor einigen Tagen mit einer Person aus der englischen Delegation im Hinblick auf das Länderspiel Schweiz–England vom September. Die Delegation schaute sich den Polizeieinsatz beim Spiel FCB–FCZ an – und selbst die englische Polizei sagte danach: Das ist ja extrem, wie bewaffnet die Polizei den Fans gegenübertritt. Die Engländer hoffen, dass die Schweizer Polizei zurückhaltender auftrete, wenn die englischen Fans nach Basel kommen. Ich finde auch, dass es in der Schweiz ein Umdenken braucht, auf welche Art die Polizei den Fans gegenübertritt. Wir müssen zur Normalität zurückfinden.

Es fällt auf, dass zumindest in Basel die Debatte zum Thema Fangewalt in einem gelasseneren Tonfall geführt wird als in der restlichen Schweiz. Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass hat etwa davon abgesehen, die Sicherheitskosten für den FCB zu erhöhen.
Stimmt, die Debatte wird in Basel anders geführt. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst von FCB-Vizepräsident Bernhard Heusler. Er hat stets klar signalisiert, dass die Muttenzer Kurve wichtig für den Verein ist, und er hat sich auf einen gegenseitigen Dialog mit den Fans eingelassen. Dabei hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt, das enorm wertvoll ist. Dieses Verhältnis sorgt mit für eine gute Atmosphäre in der Kurve. Bernhard Heusler ist es nun offenbar gelungen, auch der Basler Politik zu vermitteln, dass es neben repressiven Mitteln auch präventive gibt, welche die Gewalt eindämmen können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.07.2010, 08:01 Uhr

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