Die Schule wird zum Hürdenlauf für Kinder und Eltern

Die Einführungsklassen werden schmerzlich vermisst. In der Region laufen Bemühungen zur Wiedereinführung. Bildungsdirektor Christoph Eymann jedoch schaltet auf stur.

Viele Eltern wünschen sich für ihre behinderten Kinder eine eigene Schule.

Viele Eltern wünschen sich für ihre behinderten Kinder eine eigene Schule. Bild: Bettina Matthiessen

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Eltern mit behinderten Kindern müssen sich mit Zuständigkeiten verschiedenster Ämter herumschlagen. Häufig wird ihr Kind dann in eine normale Klasse eingeschult und muss sie später aufgrund von Schwierigkeiten wieder verlassen. Die IG Besondere Kinder und Schule befasst sich seit einigen Jahren mit den Nöten von Eltern, die von Behörden nicht ernst genommen und nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. In Integra­tionsklassen würden Kinder mitgenommen, solange es gut gehe, sagt IG-Vizepräsidentin Eveline Plattner Gürtler. «Doch wenn es kompliziert wird, müssen sie gehen.»

Alle sind Verlierer

Plattner Gürtler spricht aus Erfahrung, denn sie und ihr Mann haben einen Sohn mit einer geistigen Behinderung und haben darum gekämpft, ihn in eine Sonderschule auf dem Gempen einschulen zu können. Ihnen war Konstanz für ihr Kind wichtiger als Integration um jeden Preis. Doch in dieser Sonderschule stellen sich wieder Probleme besonderer Art. «Dort befinden sich mittlerweile viele Kinder, die lediglich verhaltensauffällig sind. Das Problem ist, dass so auch in der Sonderschule eine problematische Mischung von geistig normalen und behinderten Kindern entsteht.» Früher bekamen diese verhaltensauffälligen Kinder in Kleinklassen die geeignete Zuwendung. Dort konnte sich ein Lehrer im kleinen Rahmen um sie kümmern. Hatten sie lediglich Entwicklungsdefizite, so konnten sie in Einführungsklassen die erste Klasse in zwei Jahren absolvieren. Indem man diese nun in Sonderschulen steckt, schaffen die Schulbehörden wieder ein Getto und benachteiligen die wirklich behinderten Kinder, die den geschützten Rahmen nötig hätten.

Während Baselland noch einzelne Klein- und Einführungsklassen führt und aufgrund von zahlreichen Protesten wieder einige neu installiert hat, schaltet Basel-Stadt auf stur. Bildungsdirektor Christoph Eymann argumentierte im vergangenen Frühling im Gros­sen Rat, dass das Modell der Einführungsklassen dem im Behindertengleichstellungsgesetz verankerten Prin­zip der integrativen Schule widerspreche. Allerdings beschloss das Parlament trotzdem, einen Anzug von Thomas Grossenbacher (Grüne) stehen zu lassen, aufgrund dessen sich die Regierung mit der Wiedereinführung von Einführungsklassen beschäftigen muss.

Die Gemeinde Riehen überlegt sich gar, Einführungsklassen auf eigene Kosten wieder einzuführen. Allerdings gibt es vonseiten des Gemeinderates noch Widerstand, weil Basel-Stadt argumentiert, es sei rechtlich unmöglich, solche Klassen zu führen. Nun fordert Einwohnerrats-Mitglied Thomas Widmer- Huber (EVP) mittels Interpellation, diese Behauptung seitens Basel nochmals genau zu prüfen. Da im Kanton ja noch ein politischer Prozess zum Thema im Gange ist, sei es forsch, zu behaupten, Einführungs- und Kleinklassen seien rechtlich nicht mehr vertretbar. Widmer stellt sich auf den Standpunkt, dass Einführungsklassen nötig sind, um die Schwächeren gezielt zu fördern und die heutigen Pädagogen zu entlasten. «Momentan sind Lehrer in Regelklassen eher Manager eines Heers therapeu­tischer Hilfskräfte als Pädagogen.» Die Belastung sei enorm und häufig sei den Schwächeren so nicht geholfen.

Keine Stellungnahme von Eymann

Der frühere Basler SP-Präsident und langjährige Kleinklassenlehrer Roland Stark ärgert sich, dass durch den Reformprozess ein erfolgreiches Integrations- und Fördermodell mit Klein- und Einführungsklassen gekippt worden ist. Die Reformen seien von der Bildungsverwaltung über die Köpfe der Betroffenen hinweg von oben nach unten durchgesetzt worden. Doch ausgereifte pädagogische Konzepte und die nötigen finanziellen Ressourcen würden fehlen.

Doch Basel-Stadt bleibt stur: «Mit dem Bekenntnis zur Integrativen Schule hat man sich vom Konzept der damals bestehenden Einführungsklassen verabschiedet», ist die trockene Antwort aus dem Bildungsdepartement auf Anfrage. Die Mittel seien in die schulische Heilpädagogik geflossen, die nun diese Aufgaben übernehme. Für eine Stellungnahme war Bildungsdirektor Christoph Eymann die vergangenen Tage nicht zu erreichen. Für Eveline Plattner Gürtler stellt sich auch die Frage, ob man diese absolute Inklusion wirklich will: «Die Kinder gehören ja nicht wirklich dazu, nur weil sie in den Klassen sitzen.» Häufig würde ihnen gerade in einer normalen Klasse ihre Andersartigkeit umso bewusster. Das sieht sie auch an den zahlreichen Hilferufen von Eltern, die an die IG Besondere Kinder und Schule gelangen. So schreiben ihr unter anderem Eltern, die für ihr Kind lieber eine Sonderbeschulung hätten, es jedoch in einen Normalbetrieb schicken müssen.

«Eigentlich wären wir ja für die Inklusion der Kinder – schulisch und gesellschaftlich. Doch dafür müsste das Konzept viel besser durchdacht sein und finanziell auf besseren Beinen stehen», sagt Eveline Plattner Gürtler.

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Mit der Integrativen Schule sind Einführungsklassen abgeschafft worden. Soll man zurückbuchstabieren?

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 14.11.2016, 07:00 Uhr

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