Die «TagesWoche» und die Glaubwürdigkeit

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die «TagesWoche» wegen Betrugverdachts. AZ Medien stoppen den gemeinsamen Inseratepool. Und die TaWo sagt zum ersten Mal etwas zur Affäre seit Publikwerden der geschönten Abo-Zahlen.

Dani Winter (links): Er wollte sprechen, aber durfte nicht. Derweil könnte Peter Wanner sprechen, aber nur aus den Ferien. Fotos: zvg, Keystone.

Dani Winter (links): Er wollte sprechen, aber durfte nicht. Derweil könnte Peter Wanner sprechen, aber nur aus den Ferien. Fotos: zvg, Keystone.

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Dani Winter, Redaktionsleiter der «TagesWoche» (TaWo), wollte in einem Interview mit der BaZ Stellung beziehen zur Abo-Affäre, die der «Report» von Telebasel vom Mittwochabend losgetreten hatte. Er als publizistischer Leiter wollte schon gestern ein Interview geben und vorgestern auch. Die Geschäftsleitung um Tobias Faust hinderte ihn daran. Summarisch und lückenhaft nur beantwortete die TaWo auf ihrer Website die Fragen von Telebasel, Stunden vor der Ausstrahlung des Reports.

Im kommunikativen Vakuum der «TagesWoche» produzierten Medienmacher und -interessierte derweil auf Twitter einen Strom an Nachrichten zu den geschönten Abo-Zahlen. Die Krisenkommunikation wurde bemängelt, der Glaubwürdigkeitsschaden abgeschätzt. Kritisiert und gelobt wurde, dass sich das gebührenfinanzierte «Regionaljournal» von Radio SRF erdreistete, bei Werbekunden nachzufragen, ob sie nach den Enthüllungen noch bereit seien, bei der «TagesWoche» zu inserieren.

Der Geschäftsleiter spricht

Dieter Hieber, Geschäftsführer des Detailhandels Hieber, gab sich enttäuscht: «Für mich macht es keinen Sinn mehr, in einem Produkt Anzeigen zu schalten, das dann auf dem Flughafen Zürich landet.» Er sprach von einem K.-o.-Kriterium, rechtliche Schritte behalte er sich vor. Versöhnlich gab sich der Verein Pro Innerstadt. Man sehe keinen Grund für eine Beendigung der guten Zusammenarbeit. Kurt W. Zimmermann, Medien-Experte, brachte den Common Sense, egal aus welcher politischen Richtung man sich der Sache nähert, in einem Interview mit der BaZ auf den Punkt: «Der entscheidende Schaden für die ‹TagesWoche› ist der Glaubwürdigkeitsschaden.»

Gestern Abend stellte sich nun der Geschäftsleiter Tobias Faust dem «Regiojournal» von Radio SRF: «Der Vorwurf des Betrugs ist für uns sehr unangenehm, allein der Vorwurf beschädigt unsere Glaubwürdigkeit, und das ist für uns dramatisch.» Die Führung der «TagesWoche» habe die Situation unterschätzt. «Wir sehen, es ist nicht vermittelbar, warum ein so grosser Teil der Auflage am Flughafen Zürich aufliegt, das ist eine Fehleinschätzung von unserer Seite. Deshalb werden wir damit aufhören.» Die Wochenzeitung liefert künftig also keine Exemplare mehr an den Flughafen Zürich. «Glaubwürdigkeit herstellen werden wir, indem wir wieder absolute Transparenz schaffen», so Faust.

«TagesWoche entschuldigt sich»

Eine weitere Stellungnahme war schriftlich auf der Website des Mediums veröffentlicht: Die «TagesWoche» begrüsst die Abklärung durch die Staatsanwaltschaft Basel (siehe Box) und bedauert die verursachte Verunsicherung in Leserschaft und bei den Anzeigenkunden. Was die Verbreitung der TaWo ausserhalb des Kerngebiets, sprich am Flughafen Zürich und wohin Passagiere die Zeitung noch getragen haben mögen, anbelangt, so schreibt sie: «Die ‹TagesWoche› findet als Wochenzeitung aus Basel auch erfreulich grossen Anklang national und international. Das kann für Anzeigenkunden auch ein Vorteil sein.» Weiter: «Sollten wir Kunden durch die bisherige Praxis bei der Auflagebeglaubigung irregeführt und enttäuscht haben, tut uns dies sehr leid.»

Rekapitulieren wir: Der Telebasel- «Report» zeigte anhand interner, ihm zugespielter Dokumente, dass die Zeitung wöchentlich 8250 Exemplare am Flughafen Zürich, weitere 3250 Exemplare am Flughafen Basel-Mulhouse aufgelegt hat. Die Crux an der Sache: Die 11'500 Gratisexemplare wurden als Abo-Exemplare ausgewiesen und sind Teil der Auflage von 22'639 Stück, die die Wemf (Kontrollbehörde der Zeitungsauflagen) der TaWo beglaubigt.

Drei Leser pro Exemplar

Gleichzeitig geht die TaWo von drei Lesern pro Exemplar aus, was angesichts der Hortung der Zeitungsexemplare am Flughafen Zürich, sehr unwahrscheinlich ist. Man kann sich fragen, ob dies moralisch problematisch ist. Zimmermann war dieser Ansicht: «Die ‹TagesWoche› brauchen wir aufgrund ihrer Verwerflichkeit in der Schweizer Medienlandschaft nicht.» Zweite Frage: Ist die Auflagenbescheinigung reglementskonform, im Sinne der Wemf? Ja, sie ist es.

Die TaWo veranstaltete ein Nullsummenspiel: Sie schickte 11'500 Exemplare per Rechnung an die Flughäfen Zürich und ­EuroAirport Basel. Die Flughäfen ihrerseits schickten eine Rechnung in gleicher Höhe an die «TagesWoche». Die NZZ hat sich gestern in die Reglemente vertieft und die entsprechende Stelle identifiziert. Solche Abonnements, «können der beglaubigten Auflage zugerechnet werden». Die TaWo hat reglementskonform gehandelt, wie Marco Bernasconi, Geschäftsführer Wemf, der BaZ bestätigt.

Warum legt die Wemf aber keine Limitierungen dieser Gegengeschäftspraktiken fest, die im Fall der TaWo die tatsächlich verkaufte Auflage arg verzerrten? «Gute Frage», meint Bernasconi, «wir von der Wemf-Geschäftsleitung würden es begrüssen, wenn man die Auflage innerhalb von Gegengeschäften separat deklarieren würde.» Das Reglement macht allerdings nicht die Wemf, sondern eine Kommission (KAV), in der alle werbemarktrelevanten Verbände Einsitz haben. Die KAV ist aber nur beratend tätig, die Regeln bestimmt der Verwaltungsrat, in dem alle grossen Verlagshäuser der Schweiz sitzen. So auch Peter Wanner, der Verleger der AZ Medien. Er ist in den Ferien. Zu einer Anpassung des Reglements möchte er sich nicht äussern, auch nicht, warum die Wemf solche Geschäfte überhaupt legitimiert.

Doppelpack mit AZ Medien

Einzig zum gemeinsamen Inserate-Pool «Weekend Duo Basel» von der «TagesWoche» und den AZ Medien äussert sich die Pressestelle. «TagesWoche» und «Schweiz am Sonntag» (Ausgabe Basel) hätten eine Gesamtauflage von rund 50 000 Exemplaren, geben sie im gemeinsamen Inserate-Pool an. Das Duo sei «eine unumgängliche Kombination für den Werbemarkt Basel». Die gemeinsame Inserateplattform rechnet mit den frisierten Zahlen, denn nur so kommen die beiden Partner auf diese Mengenzahl. Einzeln weist die «Schweiz am Sonntag» (Ausgabe Basel) 18'052 Abo-Exemplare aus, die «TagesWoche» 22'639 Exemplare.

Zieht man die 11'500 Flughafen-Gratis-Exemplare ab, gelangt man zu einer Zahl, die näher bei 30'000 liegt. Wussten die AZ Medien, dass sie mit den geschönten Zahlen der «TagesWoche» wirbt? Unternehmenssprecherin Ursulina Stecher lässt ausrichten: «Wir waren uns dieser Zahlen nicht bewusst. Darum haben wir umgehend veranlasst, dass das Angebot gestoppt wird.» Was geschieht mit den Inserenten, die bereits im Pool sind? Im Detail könne man das noch nicht abschätzen, man sei nun aber mit den Kunden in Kontakt und kläre das weitere Vorgehen, so Stecher.

Medienrechtsexperte Andreas Meili meint, eine strafrechtliche Verfolgung der AZ Medien sei unwahrscheinlich, sofern der Verlag, wie dieser schriftlich bezeugt, von der Inkorrektheit der Zahlen nichts wusste. Anders sehe es hingegen im Zivilrecht aus: «Ein Werbekunde des Weekend Duo Basel, der sich durch geschönte Zahlen in die Irre geführt fühlt, könnte auf Schadenersatz pochen, auch bei den AZ Medien. Denn zivilrechtlich ist für eine Haftung kein Vorsatz erforderlich, Fahrlässigkeit würde genügen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.02.2014, 10:14 Uhr

Staatsanwaltschaft ermittelt

Nach der Ausstrahlung des «Reports» auf Telebasel über die seltsamen Praktiken der «TagesWoche», ihre Auflage markant zu erhöhen, nimmt sich nun auch die Basler Staatsanwaltschaft der Sache an. Der Sprecher Peter Gill bestätigte, dass ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsverdachts eingeleitet wird. Die Staatsanwaltschaft wird wohl mehrere Wochen benötigen, um zu untersuchen, ob ein strafrechtlicher Tatbestand vorliegt. Bereits gestern hatten Medienrechtsexperten wie Andreas Meili von einem möglichen Betrug gesprochen, zumindest aber von einer Verletzung des Wettbewerbsrechts, wenn falsche Wemf-Zahlen angegeben wurden.

Eine Anzeige gegen die «TagesWoche» ist bislang nicht eingegangen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt von sich aus und klärt den Betrugsverdacht nun ab. Auch muss festgestellt werden, wer allenfalls dafür verantwortlich ist. rs

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