Ein Fleischesser am Veganer-Stammtisch

Wenn zwei Lobbys in einem amerikanischen Diner an der Vogesenstrasse zum veganen Stammtisch aufeinandertreffen, entstehen lustige sowie hitzige Diskussionen.

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Ganz ehrlich, ich hatte noch nie im Leben persönlich mit Veganern zu tun. Sogar Vegetarier sind mir teilweise suspekt: Auf dem Grill kam das Tofu-Nugget einer Freundin meinem Fisch verdächtig nahe! Das Geschrei war perfekt und das arme Nugget wurde komplett verschmäht. Der böse Fisch hatte es nämlich auch ohne Berührung total kontaminiert. Bei solchen Erlebnissen und auch sonst wenn ich an Veganismus denke, kommt mir unweigerlich der unterhaltsame Spruch aus der Trickfilmserie «The Simpsons» in den Sinn: «Ich bin Veganer Stufe Fünf, ich esse nichts, was einen Schatten wirft» (s. Video links).

Um diesem Mythos des Veganers Stufe Fünf auf den Grund zu gehen und meinem Bildungsdefizit auf die Sprünge zu helfen, meldete ich mich zum Vegan-Stammtisch Basel an. Explizit wird erwähnt, dass Nicht-Veganer willkommen sind! Das monatliche Treffen findet in einer Lokalität statt, die mindestens ein veganisches Menü im Angebot aufweist. Für dieses Mal fiel die Wahl auf Mel´s Bar, ein italo-amerikanisches Diner im guten 50er-Jahre Stil mit Burger und Pizzas. Pünktlich angekommen überraschte es mich, so viele Veganer auf einem Haufen vorzufinden: Gut und gerne füllten 30 bis 40 Personen das Diner. Mit Namenschildchen gut erkennbar, ging das Plaudern und Essen los. Der erste Blick in die Runde zeigte nur junge Menschen und keine Übergewichtigen. Ist dieser Veganismus wirklich so gesund?

Aufklärung durch Medien

Meine Runde bestand aus drei Fleischessern, ich inklusive, fünf Veganern und einer – nun ja, nennen wir es mal – «Rohköstlerin»: Zumindest bis 16 Uhr, danach ist sie Veganerin. Mit 18 Jahren war der Schüler Yannick der Jüngste am Tisch und erst seit drei Monaten vegan. Als Konterpart sass Patrick dazu, ein 38-jähriger Unternehmensberater, der seit zwei Jahren pflanzlich lebt. Die Übrigen waren Studenten: Dies bestätigt das Vorurteil, dass nur Studenten genug Zeit haben und es hipp ist Veganer zu sein.

Alle waren davor Vegetarier. Ausser die Rohköstlerin Valerie: Sie sprang vom Karnivor direkt zum Veganer. Ihre Entwicklung war interessant: Sie folgte einer Dame auf Youtube, die Videos über Kosmetik und Schönheit hochlud. Diese beschloss ihre Ernährung umzustellen und Valerie folgte ihrem Beispiel. Und die Lebensart kommt ihr gelegen, wie sie sagt: «Ich bin zu faul zum Kochen, so gibt es den Tag durch Rohkost und Abends Linsen oder Reis mit ein bisschen Gemüse, wenn überhaupt.» Kritisch zu hinterfragen ist die Intuition, sie folgt wohl eher der «Hippen»-Spur. Zudem soll da nochmals jemand behaupten, die Medien hätten keinen Einfluss mehr!

Die Medien spielten allgemein bei Entscheidungen Veganer zu werden eine grosse Rolle. «Nachdem ich mir einige Dokumentationen zu Massentierhaltung angeschaut habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen» sagen Patrick und Olivia, die 26-jährige Sprachstudentin, im Kanon. Sie waren berührt und schockiert durch Filme wie «Earthlings», «We Feed the World- Essen global» oder einen neuen Film aus der Schweiz «Magst du Tiere?». Bitte nur mit eigenem Risiko betrachten: Die Filme sind nur bedingt für zart besaitete geschaffen.

Wie bei einem Outing

Nachdem alle eifrig und voller Begeisterung mit mir über ihr Veganerdasein diskutierten – dabei hatte ich das Gefühl mich in einer völlig fremden Welt zu bewegen – kam unweigerlich die Frage: «Wie lange bist du denn schon dabei?» Nun musste ich als Fleischesser zu erkennen geben: Die Reaktionen reichten von halb schockiert bis ganz akzeptabel. Auch die Blicke als ich mir eine Cola bestellte, sprachen Bände: Wie kann ich es nur wagen so etwas ungesundes in mich rein zu schütten. Ist Cola eigentlich vegan? Nun kamen die Geschichten der Falschverstandenen und Ausgegrenzten auf den Tisch: «Die behandeln einen wie einen Loser», «Die zeigen oft kein Verständnis» oder «Solche habe ich gar nicht mehr in meinem Freundeskreis» sind öfters gefallen. Die Abneigung gegen das «Andersartige» ist also auf beiden Seiten vorhanden. Komplette missionierende Ideologen waren zum Glück nicht an meinem Tisch.

Dafür konnte ich nun alle meine Fragen endlich los werden: Wie schwierig ist die Umsetzung? Wird es bei Möbeln oder Kleidung angewendet? Hier war Olivia wohl die Ehrlichste: «Der Aufwand ist gross, ich denke immer voraus, wenn ich irgendwo hingehe. Ich schmiere mir Brötchen, damit ich sicher Essen dabei habe und organisiere meinen Alltag durch.» Sie macht es aus Überzeugung, denn «Tierische Eiweisse sind extrem angenehm im Mund» – die Erinnerung ist wohl noch lebendig. «Meine Möbel und Schuhe ersetzte ich durch vegane Produkte, wenn Neues gekauft werden muss. Ich tue mein Bestmöglichstes, aber manchmal weiss man schlicht nicht, aus was eine Ware genau besteht.» Von den Restlichen war das Übliche zu hören, wie das es nur am Anfang schwer ist, dafür ist man gesünder und sieht besser aus. An diesem Lebensstil sei alles Perfekt, wenn man ihnen Glauben schenken mag. Diese Liste der positiven Effekte könnte man unendlich weiterführen: Sie sind überzeugt von dem was sie tun, dass steht ausser Frage.

Es geht um Nachhaltigkeit

Ihnen allen geht es gemeinsam, um den besseren Umgang mit Tieren und eine Nachhaltigkeit bei den Lebenswaren. Warum jemand zum Veganer wird, ist sehr persönlich. Deswegen wollte keiner so richtig mit der Sprache rausrücken ausser Marielle Kappeler, die Leiterin des Vegan-Stammtisch. Sie wurde mit acht Jahren zur Vegetarierin als sie mit ihrer Mutter ein Bauernhof besucht und bei der Geburt eines Kälbchens zuschauen konnte. Verliebt, wie sie in das Tier war, merkte sie als kleines Kind schon, dass sie dieses sonst auch isst. Von dem Tag an ass sie fleischlos und mit knapp 20 wurde sie Veganerin. Auch ihr Kollege Kay Honegger ist seit drei Jahren Veganer: Initial aus Umweltschutzgründen.

Beide kämpfen in Basel für eine Aufklärung über Veganismus, um die Hürden und Schranken, die zwischen den zwei Lobbys besteht, abzubauen. Die Sichtweisen waren natürlich einseitig, aber es war schön zu sehen, dass soviele junge Leute gut informiert sind über ihre Umwelt und ihre Nahrung. Mit dem offenen Vegan-Stammtisch wurde ein guter Grundstein gelegt für die Aufklärung. Mein Fazit: Mehr Gedanken machen über das, was man isst und gegenseitigen Respekt. Dazu war die Wahl von Mel´s Bar gelungen, der Vegi-Burger war wirklich appetitlich! Zum Schluss musste ich mich natürlich noch über den Veganer Stufe Fünf auslassen und jeder kannte ihn: Auf ein Quäntchen Selbstironie verzichten sie also nicht. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.03.2014, 13:01 Uhr

Basels veganer Stadtplan

Hier überall gibt es zumindest einige veganische Speisen oder Getränke


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Lisa Simpson will Veganerin werden

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Weitere Informationen

Der Verein Basel Vegan unterhält eine Homepage mit vielen interessanten Themen und Tipps: www.basel-vegan.ch
Hier gibt es noch weitere Informationen zum Thema: www.vegan.ch
Mel´s Bar ist sehr zu empfehlen für Vegis wie Fleischliebhaber: www.mels-bar.ch

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Initiative Basel-Stadt

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