Ein Gay-Callboy kämpft an mehreren Fronten

Der Basler Sex-Arbeiter Mateusz Skibinski erzählt, was er zur HIV-Prävention und gegen tobende Ehefrauen unternimmt. Dabei kann er sich auch Andeutungen zu prominenten Interessenten nicht verkneifen.

Kämpft um Anerkennung und Akzeptanz: Callboy Mateusz Skibinski hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Kämpft um Anerkennung und Akzeptanz: Callboy Mateusz Skibinski hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Bild: Joël Gernet

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Es grenzt an ein Wunder, dass uns die Nachricht von Mateusz Skibinski überhaupt erreicht hat. Normalerweise werden Mails, deren Absender­namen sich aus den Wörtern Amor, Gay und Callboy zusammensetzen, vom Spam-Filter eliminiert. Nicht so dieses Mal. Und so erfahren wir, dass sich der 28-jährige Wahlbasler für eine bessere Akzeptanz schwuler Sexarbeiter und gegen die Ausbreitung des HI-Virus einsetzt.

Wir treffen Skibinski, den seine ­Kunden als Callboy Mateusz kennen, in der Bar des Hotels Trois Rois. Hier fühlt er sich wohl, mag das edle Ambiente und die Diskretion. Trotz seinem distinguierten Auftreten wirkt der gebürtige Pole im Nobelhotel wie ein Paradies­vogel: extrovertierte Frisur, knallgelbe Rüeblihosen, das Shirt mit Strass-­Steinen verziert, dazu Lackschuhe. Die Brille ist von Prada, die Tasche von Louis Vuitton. Neben schönen Hotels und Kleidern mag er Theater, Opern und Museen. Orte, an denen auch Skibinskis Kunden verkehren. Diese seien nicht selten prominent, meist sogar verheiratet. Hier gäbe es einige Anekdoten zu erzählen. Aber erstens gehört Diskretion zum Callboy-Job und zweitens ist Skibinski hier, weil er Wichtigeres zu sagen hat.

Gegen das ewige Versteckspiel

«Als schwuler Ausländer aus der Sexbranche ist man dreifacher Aussenseiter», findet er. Sein Ziel ist, dass Homosexualität und Sexarbeit als normal angesehen werden. Als Callboy fühlt sich der Pole auch von der Gay Community nicht immer akzeptiert – was ihm zu schaffen macht. Zu Skibinskis Vision gehört, dass sich Schwule getrauen, zu ihrer Sexualität zu stehen. Insbesondere Ehemänner und Familienväter, die einen wesentlichen Teil seiner Kundschaft ausmachen. «Ich will, dass dieses Versteckspiel ein Ende hat», erklärt der Sex-Worker.

Dass Callboy Mateusz Sex mit ­verheirateten Männern hat, bereitet ihm kein schlechtes Gewissen. «Die sind nicht untreu», findet er, «denn ihre Frauen können sie nicht so befriedigen wie ich.» Es sei schon vorgekommen, dass ihn eine Ehefrau mit ihrem Mann in der Küche erwischt hat. «Wir waren nicht am Kochen», erinnert er sich schmunzelnd, «aber sie». Man habe die Situation danach ausdiskutiert.

In der Küche erwischt

Im zarten Alter von 16 Jahren hat Skibinski seine Leidenschaft zum Beruf gemacht – vorerst als Nebenerwerb. «Als Callboy kann ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden», erklärt er und betont, dass es ihm nicht in erster Linie ums Geld gehe. Schliesslich lasse er nicht jeden ran. «Ich habe vor allem Spass an meiner Arbeit.» Trotzdem: Dass er die luxuriösen Seiten seines ­Lebens zu schätzen weiss, ist nicht nur seiner Kleidung zu entnehmen. Die Vorliebe zeigt sich auch, wenn Skibinski von den Auslandsreisen mit seinen ­Freiern schwärmt. Das Angebot des Sexarbeiters umfasst nämlich auch einen Begleitservice.

Nicht selten plant Skibinski die Liebes­trips seiner Kunden. Nachdem er in Polen seine Schulzeit mit dem Abitur abgeschlossen hatte und erste Erfahrungen in der Medien- und Kommunikationsbranche sammelte, liess er sich in Deutschland zum Tourismusexperten mit Fachgebiet Fidschi ausbilden. Daneben war er zwei Jahre lang mit einem wesentlich älteren Familienvater «verheiratet», der sich spät geoutet hatte. Heute lebt Skibinski abwechslungsweise in Deutschland und der Schweiz.

Basler mögens sanfter

Seine Escort-Firma mit Reisebüroservice ist zwar im Kanton Solothurn angemeldet, den Wohnsitz aber hat er am Rheinknie. «Basel ist der perfekte Standort», erklärt Skibinski und schwärmt von der Lage im Dreiländereck und dem Charme der überschaubaren Stadt. «Zürich ist viel zu hektisch.» Der 28-Jährige mag seine Basler Kunden. Diese bevorzugten eher sanftere Sexdienstleistungen wie Massagen. ­Generell seien Freier in der Schweiz ­konkreter, seriöser und zuverlässiger als anderswo.

Erstaunt hat den Polen, wie einfach er in der Schweiz die nötigen Bewilligungen für seine Ein-Mann-Firma erhalten hat. Und vor allem, dass der deklarierte Sexarbeiter ohne Weiteres von einer Krankenkasse aufgenommen wurde. «So etwas ist nicht überall möglich», sagt der Callboy. Er bezeichnet sich als seriösen Dienstleister. Safer Sex ist für ihn keine Floskel, sondern Pflicht. «Die paar Minuten Spass sind nicht so wichtig wie mein Leben», erklärt Skibinski.

Interessenten aus Promi-Kreisen

Pornofilme, in denen ungeschützter Sex praktiziert wird, könne er sich nicht ­ansehen. Der 28-Jährige engagiert sich aus Überzeugung für das Projekt Break the Chains. Bei der von Schweizer Schwulen-Organisationen mitgetragenen Aktion geht es darum, die Infek­tionsketten von HIV und anderen Krankheiten zu unterbrechen, indem ein Monat lang strikt Safer Sex praktiziert wird. Die Devise: Kein Koitus ohne Kondom. Kommenden April ist es wieder so weit. «Alle können mithelfen», erklärt Skibinski und nippt an seiner heissen Schokolade.

Dann ist Klatsch und Tratsch an­gesagt. Skibinski schildert, dass ein bekannter Schweizer Hellseher und ein nicht minder prominenter Festivalleiter übers Internet Interesse an seinen Diensten bekundet hätten. Inwiefern die Aussagen des 28-Jährigen zutreffen, ist schwer zu sagen. Als ich dem Callboy vorhalte, dass er ziemlich indiskret ­umgehe mit seinen Freiern, kontert er grinsend: «Sie waren am Ende ja nicht meine Kunden.» Zu diesen zählen gemäss Skibinski hingegen Prominente aller Bereiche – auch Fussballprofis – und Kirchenmänner.

Humor und Glamour, harter Sex und Streichelspiele, Reisen und Hausbesuche – Skibinski scheint alle Facetten seines Jobs zu mögen. Dabei geht es ihm nicht nur um Akzeptanz, sondern auch um Selbstvertrauen und Anerkennung. «Dass ich für Sex bezahlt werde, ist für mich eine Form der Bestätigung», erklärt er. Weniger Zuspruch erhält ­Skibinski von seinem Elternhaus. Nach jahrelanger Funkstille fuhr er an Weihnachten wieder zum Familienbesuch nach Polen. Nach einem harmonischen Auftakt sah er sich – wie befürchtet – mit kritischen Fragen und Ablehnung konfrontiert. Ein Dämpfer für den 28-Jährigen, der sich endlich Akzeptanz erhoffte. Beim Gespräch im «Trois Rois» wirkt Skibinski hingegen ziemlich zufrieden. Und entschlossen. Er will weiter für die bessere Akzeptanz schwuler Sex-Worker kämpfen. In der Gay Community, der Öffentlichkeit und an der Heimatfront. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2013, 11:48 Uhr

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