Ein «unwürdiger Ort» im Fokus der Politik

Grossräte fordern einen Abriss der Häuserzeile an der Steinentorstrasse – die Liegenschaftsbesitzer üben sich in Schadensbegrenzung.

Aus den ehemaligen Animier-Bars (r.) soll ein Lokal für gehobenere Ansprüche werden.

Aus den ehemaligen Animier-Bars (r.) soll ein Lokal für gehobenere Ansprüche werden. Bild: Christian Merz

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Es ist kein schöner Anblick: Die Steinentorstrasse generell und drei leere, trübe Schaufenster des Hauses 26 im Besonderen. An der Scheibe hängen Handynummern, das Innere gähnt vor Trostlosigkeit. In zwei Räumen befanden sich früher Animier-Bars, das El Harrem und die Steinen-Bar, doch seit vielen Monaten stehen die Räume leer. Mehrere frühere Betreiber haben Pleite gemacht. «Die Miete war so hoch. Das konnte sich ein normaler Barbetreiber nie und nimmer leisten», sagt ein Nachbar. Der Mann, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen will, sagt, die kleineren Räume von insgesamt etwa 50 Quadratmetern, hätten zwischen 8000 und 9000 Franken Miete pro Monat gekostet, die grösseren über 12 000 Franken.

«Das kann sich auch niemand mehr leisten, der das Geld mit Prostituierten reinholt», sagt der Mann. Mit der Öffnung der EU-Grenzen gebe es ein massives Überangebot an Frauen, die ihre Dienste zu Dumping-Preisen anbieten würden. Auch mit Alkohol könne man eine solche Miete nicht mehr rausschlagen: «Ein Cüpli kostet 20 Franken. Dafür kann ich im Kleinbasel eine sexuelle Dienstleistung kaufen.»

Sorgfältige Wahl neuer Mieter

Lorenzo Parri von der Liegenschaftsverwaltung Parfinam Fiduciaria SA in Lugano ist für die BaZ nicht zu sprechen. Seine Assistentin Liliana Zambelli lässt ausrichten, dass die leer stehenden Lokale jetzt wieder vermietet sind. Man habe jedoch tatsächlich den Mietzins nach unten angepasst. Und dass die Räumlichkeiten so lange leer gestanden seien, habe einen guten Grund. Man habe versucht, die Auswahl der Interessenten besser und sorgfältiger zu prüfen. Dies habe zur Folge gehabt, dass im Verauf dieses Prozesses viele Bewerbungen nicht hätten berücksichtigen werden können. Man hoffe nun, dass die ausgewählten Mieter «gute, korrekte und zumutbare Personen» seien.

In der Nachbarschaft sei häufig aufs Wildeste spekuliert und es seien übertriebene Gerüchte gestreut worden, sagt Zambelli. Anscheinend sollen die zwei Räume nun durchgebrochen und auch wieder als Bar genutzt werden. Gemäss Parfinam solle es jedoch ein Lokal «für Personen mit gehobenem Lebensstandard» geben.

In der vergangenen Zeit wurden an die Besitzerin Steinentor AG immer wieder anonyme Briefe gesandt von Nachbarn, die sich gestört fühlen. Der Verwalter Ernst Giger jedoch bezweifelt, dass dies wegen des Betriebs in seinem Haus ist. Bei ihm herrsche eine friedliche Stimmung. Rund die Hälfte der 97 Studios und Wohnungen sind an Prostituierte vermietet, welche dort günstig wohnen können. Während Sexarbeiterinnen im Kleinbasel an der Weber- oder Ochsengasse rund 100 Franken pro Zimmer und Nacht bezahlen müssen, bekommen sie an der Steinentorstrasse 26 ein Eineinhalb-Zimmer-Studio schon für rund 1200 Franken.

Ein Blick in die 1950er-Jahre

Falls die kleine Aufwertung an der Steinentorstrasse wirklich klappt, dürfte dies auch den ehemaligen SP-Grossrat Daniel Goepfert freuen. In einem Anzug hat er Anfang Jahr verlangt, dass die Steinentorstrasse deutlich aufgewertet wird. An dieser zentralen Lage der Stadt müsse heute von einem unwürdigen Bild gesprochen werden. Er forderte den Regierungsrat auf, die Parzellen zwischen Kino Plaza und Heuwaage zu erwerben, die Liegenschaften abzureissen, Projekte bis zur Baureife zu bringen und dann wieder zu Wohnzwecken zu verkaufen. Also alles plattmachen und neu aufbauen. Die Mehrheit der Parlamentarier befand jedoch, die Häuserzeile sei zwar kein Bijou, jedoch Ausdruck des Baustils aus den 1950er-Jahren, der seine Berechtigung habe.

Ausserdem könne es nicht Aufgabe des Kantons sein, Liegenschaften aufzukaufen, nur weil sie gemäss einigen Leuten nicht ins Stadtbild passen. Der Anzug wurde nicht überwiesen. Doch die unwirtliche Strassenzeile scheint zu beschäftigen. Im Grossen Rat wurde ausführlich darüber diskutiert. Die Linke hätte gerne vom Kanton geplanten Wohnraum gesehen, die Bürger­lichen waren dagegen.

Frage des Tages:

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Sie gilt als Schmuddelecke der Stadt. Wäre es besser, die Steinentorstrasse neu zu bauen?

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(Basler Zeitung)

Erstellt: 21.04.2017, 06:50 Uhr

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