«Eine Woche stinknormales Winterwetter»

Der Basler Wetterexperte Max Baumann spricht über Wind, Wetter und die aktuell grassierende Kältehysterie.

«Die Kältespitze dürfte am Freitag bei uns eintreffen», meint Meteorologe Max Baumann.

«Die Kältespitze dürfte am Freitag bei uns eintreffen», meint Meteorologe Max Baumann. Bild: Roland Schmid

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Max Baumann ist Geschäftsführer des Meteorologischen Vereins der Regio Basel auf dem Margarethenhügel in der Venusstrasse. Er ist Meteorologe, ein leidenschaftlicher, und seine Haare sind so weiss wie frischer Schnee. Baumann (64) führt die berühmte Basler Klimareihe weiter, die 1755 ihren Anfang nahm und weltweit zu den ältesten zählt.

BaZ: Herr Baumann, das Sibirienhoch Cooper mit seinen Frosttemperaturen…
Moment bitte. Der «Cooper» heisst jetzt «Dieter». Eine neue Hochdruckzelle ist da hinzugekommen.

Was passiert denn zurzeit meteorologisch?
«Dieter» prallt gegen die Warmluft aus dem Westen, die nicht über genug Energie verfügt oder genug bekommt, um die Kaltluft wegzudrängen.

In Sibirien herrschen Temperaturen von minus 26 Grad. Was bleibt davon übrig, wenn «Dieter» definitiv angekommen ist?
Die Kältespitze dürfte am Freitag bei uns eintreffen. Ich rechne mit um die sieben Grad minus, weil die Kaltluft auf ihrer Reise in den Westen erwärmt wird. Bei klarem Nachthimmel allerdings kann das Thermometer auf bis zu minus zehn oder ein bisschen darunter sinken.

In den Medien ist da und dort von Rekordkälte zu lesen und von Vergleichen zum «Rekordwinter» von 1987.
Rekordverdächtig ist das alles sicher nicht. Im Januar 1987 haben wir in Binningen minus 23,5 Grad gemessen. Das ist kalt. Die kälteste je in Basel gemessene Temperatur finden wir übrigens im Jahr 1830 mit minus 27 Grad. Sehen Sie, es ist jetzt einfach ganz normaler Winter.

Find ich ja auch. Aber ein bisschen Wetterdrama würde dem Interview guttun, Sie verstehen …
Im Kern hat «Dieter» einen Wert von 1065 Hektopascal. Das ist zwar nicht dramatisch, aber doch, wie soll ich sagen, sehr viel.

Hektopascal sagt mir was …
Vereinfacht gesagt, Herr Bahnerth, ist das der Luftdruck. Hoher Luftdruck, schönes Wetter – und umgekehrt. Das sibirische Hoch bildet sich, wenn der Erdboden und die bodennahen Schichten stark auskühlen. Der Kerndruck kann dann bis maximal 1084 Hektopascal ansteigen bei einer dramatischen maximalen Tiefsttemperatur von minus 70 Grad.

Das heisst, es wird bald sonnig hier?
Nur teilweise. Ich würde sagen: wolkig mit sonnigen Abschnitten. Vielleicht ab Donnerstag.

Dann soll, so hab ich gelesen, noch eine kräftige Bise aus dem Osten wehen.
Eine Bise ist immer ein Ostwind. Die ist für uns hier aber nicht so relevant. Und über 50 Kilometer pro Stunde werdens auch nicht werden. Wenn überhaupt. Durch diese Bise wird natürlich das Kältegefühl intensiver.

Darf ich zusammenfassen? Wir haben ein wenig richtigen Winter, am kältesten wird es am Freitag/Samstag, alles in allem teilweise sonnig?
So ist es. Es wird eine Woche stinknormales Winterwetter. Schnee ist kaum zu erwarten, und wenn, dann in geringen Mengen. Ich vermute, dass das, was jetzt rumliegt, einfach liegen bleibt.

Bis wann?
Das ist natürlich die Frage: Wie lange dauert die Kälte? Es gibt ein einziges Wettermodell, das englische, das davon ausgeht, dass am Sonntag oder Montag schon Schluss ist mit der Kälte. Alle andern Modelle jedoch rechnen mit Mitte nächster Woche.

Was passiert dann?
Durch stärker werdende Tiefdrucktätigkeit über dem nördlichen Atlantik wird die sibirische Kaltluft wieder nach Osten gedrängt. Die Temperaturen kommen tagsüber wieder in den Plusbereich und nachts fallen sie nicht dramatisch unter die Nullgradgrenze.

Wie ist Ihr Fazit zum bisherigen Verlauf des Winters?
Sehr mild, kann ich da nur sagen. Sowohl der Dezember wie auch der Januar. Die waren eindeutig zu warm. Die Klimaerwärmung spielt sich ja in erster Linie im Winterhalbjahr ab. Erinnern Sie sich? Am 1. Januar hatten wir elf Grad plus im Tagesmittel, danach lange um plus sieben Grad. Und die normale, wenn man so will, Tagestemperatur im Januar liegt bei 0,7 Grad.

Sie sind kein Prophet, ich weiss, aber wird das dieses Jahr noch etwas mit einer Schneedecke in Basel? Mit Schlitteln gar?
Nun, je länger kein Schnee fällt, desto unwahrscheinlicher ist die Möglichkeit einer Schneedecke und des Schlittelns, weil die Temperaturen ja allmählich ansteigen in Richtung Frühling. Im März liegt die Durchschnittstemperatur dann ja doch wieder bei etwas über fünf Grad plus. Im Februar übrigens bei 1,4 Grad. Allerdings wurden die höchsten Schneehöhen im März gemessen. Aber dann halten sie sich nur kurz.

Erinnern Sie sich an einen Winter ohne Schnee?
Erinnern schon, aber wenn Sie wissen wollen, wann das war, muss ich nachschauen. Hier ist es. Winter 1989/90 war schneefrei. Die Durchschnittstemperatur lag bei plus 3,5 Grad. 2007 lag sie gar bei 4,4 Grad. Aber es gab Schnee. Sie sehen, das Wetter ist oft eine undurchsichtige Angelegenheit und manchmal viel schwerer zu verstehen als etwa eine Frau. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.02.2012, 10:53 Uhr

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