Eric Weber, der Bürgerschreck

Letzten Sommer wollte Grossrat Eric Weber dem Rheinknie wutentbrannt den Rücken kehren. Ein Jahr später sitzt er immer noch im Basler Parlament. Ausländerfeind, Journalist, Politiker – eine Annäherung an Eric Weber.

«Provinzparlament lahmlegen». Eric Weber (51) hat seit Beginn der Legislatur im Grossen Rat rund 200 Vorstösse eingereicht.

«Provinzparlament lahmlegen». Eric Weber (51) hat seit Beginn der Legislatur im Grossen Rat rund 200 Vorstösse eingereicht. Bild: Pierre Stoffel

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Mittwoch. Grossratstag. Die meisten Parlamentarier haben sich in die Mittagspause verabschiedet. Nur einer sitzt noch im Vorzimmer. Eric Weber – Schreckgespenst des Grossen Rates. Im Parlamentssaal herrscht Ruhe, der Präsidentenstuhl von Grossratspräsident Christian Egeler ist verwaist. Grund genug für Weber, sich durch den Saal zu schleichen und auf dem Stuhl Platz zu nehmen.

Weber lächelt spitzbübisch – doch sein Augenblick des Triumphs währt nicht lange: Thomas Dähler, Leiter des Parlamentsdienstes, stapft mit hochrotem Kopf auf Eric Weber zu und verweist ihn des Saals. «Raus mit Ihnen, Sie überschreiten Ihre Kompetenzen!», ruft Dähler wutentbrannt und bugsiert Weber vor die Türe, um diese dann hinter sich abzuschliessen. «Nichts darf ich in diesem Haus!», entfährt es darauf Eric Weber und er tritt an die Türe des Rathauses – wie ein kleiner Junge, der gerade in der Schule vor die Türe geflogen ist. Um dann verstohlen zu bemerken: «Es gibt eine Hinter­türe, dort gehen wir jetzt wieder rein.»

«Wir sind in einem Verbrecherstaat»

Diese Episode ist beispielhaft für den 51-Jährigen, der 1984 bereits einmal in den Grossen Rat gewählt wurde. «Als jüngster und schönster Grossrat», wie Weber heute noch behauptet. Im Jahr 2012 trat er mit seiner «Volks-­Aktion gegen zu viele Ausländer und Asy­lanten in unserer Heimat – Liste Ausländerstopp» (VA) an. Und zum Entsetzen des Basler Politestablishments erreichte seine VA im Wahlkreis Kleinbasel aus dem Stand 5,5 Prozent, was zwei Sitzen im Grossen Rat entspricht. Bei der Verkündung des Wahlergebnisses stürmte der frischgebackene Grossrat plötzlich nach vorne und stahl Staatsschreiberin Barbara Schüpbach die Schau: «Wir sind in einem Verbrecherstaat, ich wurde eingesperrt und konnte mich eine Woche nicht rasieren!», schrie Weber ins Blitzlichtgewitter der zahlreichen Fotografen.

Eric Weber war zu diesem Zeitpunkt erst zwei Stunden zuvor aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Vorwürfe wegen «Eingriffen in das Stimm- und Wahlrecht» hatten die Basler Staatsanwaltschaft dazu veranlasst, ihn einige Tage vor dem Wahlsonntag in Untersuchungshaft zu nehmen – das Verfahren dauert bis heute an, Anklage soll demnächst erhoben werden. Der Angeschuldigte bestreitet die Vorwürfe: «Das ist eine Riesenfrechheit. Ich machte nur Wahlkampf und sagte den Leuten, bitte wählt mich. Das ist nicht verboten.» 2008 war Weber nach Manipulationen bei den Grossratswahlen nach einem ersten Fall im Jahr 1988 zum zweiten Mal verurteilt worden – zwanzig Jahre zuvor trug ihm Urkundenfälschung eine Verurteilung ein. Ausserdem verbot ihm damals das Gericht während fünf Jahren die Mitgliedschaft in einer Behörde – Weber bestreitet auch diese Vorwürfe bis heute.

Reisen in die DDR

Eric Weber ist zusammen mit seinem älteren Bruder, der heute als Anwalt tätig ist, im beschaulichen Hirzbrunnenquartier aufgewachsen – Schweizer Vorstadtidylle mit Reiheneinfamilienhäusern, gepflegten Vorgärten und Geranien auf der Terrasse. Vater Rudolf, ein mittlerweile 83-jähriger Pensionär, war Inhaber eines Reise­büros, das sich auf Gruppenreisen nach Afrika spezialisiert hatte. Familie Weber selber reiste im Sommer jeweils in die ehemalige DDR. «Wenn man nur in Basel bleibt, hat man eine begrenzte Sicht», sagt Eric Weber und erinnert sich an die Reisen in den Osten: «Unsere Grosseltern hatten ein grosses Porzellangeschäft in Chemnitz, das waren reiche Leute und uns ging es gut, weil wir mit der Ost-Mark einkaufen konnten.»

Rudolf Weber brachte seinen Sohn auch in die Politik: Er war Mitglied der Nationalen Aktion und wurde 1968 in den Grossen Rat gewählt – nur zwei Jahre später übernahm er das Präsidium der Nationalen Aktion von James Schwarzenbach, der kurz zuvor mit seiner «Überfremdungs-Initiative» Schiffbruch erlitten hatte. Im Juni 1970 lehnten 54 Prozent der Stimmbürger die ­Initiative ab, die eine Begrenzung des Ausländeranteils in der Schweiz gefordert hatte. «Als Sechsjähriger stand ich bereits Schmiere, wenn mein Vater illegal für die Initiative plakatierte», erinnert sich Weber und lächelt erneut verschmitzt. Fast sieht es so aus, als habe sich Weber den kleinen Eric von damals bewahrt.

«Gefoltert mit Rauch»

Wie Eric Weber sucht auch sein Vater Rudolf die grosse Bühne – bis heute: Er tingelt als Kleinaktionär von Generalversammlung zu Generalversammlung und schilt am Rednerpult die Verwaltungsräte der grossen Schweizer Unternehmen. Unvergessen bleibt sein Auftritt, als er im Krisenjahr 2008 bei der UBS ans Rednerpult tritt, einen Kranz mit Cervelats auspackt und Marcel Ospel dazu anhält, «in Zukunft ein bescheideneres Leben zu führen», worauf der damalige UBS-Verwaltungsratspräsident unter dem schallenden Gelächter der Aktionäre eine Tube Senf hervorholt.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Eric Weber ebenfalls mit einem Auftritt vor rund einem Jahr bekannt, der für Gelächter sorgte: medienwirksam kündigte Weber kurz vor den Sommerferien an, ins Emirat Abu Dhabi auszuwandern, um dort für einen Scheich zu arbeiten. Mit dem Rücken Richtung Grossbasel stand Weber nur einen Tag nach seinem Geburtstag vor dem Käppelijoch und erklärte im Video-Interview mit der BaZ die Gründe für seinen Wegzug (Box links). Weber redet sich von Minute zu Minute mehr in Rage – wettert über das «Verbrecherparlament», die Staatsanwaltschaft und angebliche «Folter mit Rauch» in der Untersuchungshaft.

Eric Webers Auftritt gipfelt darin, dass er die Hose runterlässt und sich in aller Öffentlichkeit auf sein entblösstes Hinterteil klopft. «Staatsanwaltschaft, leckt mich am Arsch!», ruft er in einem Anflug von Hysterie, um dann seine endgültige Abreise nach Abu Dhabi anzukünden: «Freitag, 28. Juni, ICE 61, Bahnsteig 4 – ich verlasse mit meinem Gefolge Basel, und 2016 treten wir in allen Wahlkreisen an.» Abgereist ist Eric Weber dann auch, doch nur wenige Stunden später war er wieder in Basel. Und mit seinem Auftritt schweizweit zum Internetstar avanciert: Unzählige wollten sich das Video von Eric Weber nicht entgehen lassen, allein auf baz.ch wurde es mehrere Hunderttausend Mal abgerufen. Und auch auf den neuen Medien wie Facebook oder Youtube machte Weber die Runde, wie er selber stolz bemerkt: «Ich führe eine eigene Statistik, pro Woche kommen bei Youtube 4000 Klicks dazu.»

Mit Burn-Out in die UPK

Wenn Weber durch die Stadt geht, erkennt man ihn mittlerweile, sagt er. «Viele Junge haben mein Video gesehen, und wollen dann ein Bild mit mir zusammen machen», freut er sich. Nur seine beiden Töchter hätten manchmal Mühe, wenn sie mit ihm unterwegs seien, meint Weber: «Als wir an die Herbstmesse gingen und Passanten ein Bild von mir wollten, fanden meine Töchter das peinlich.» Ihm selber ist hingegen nichts zu peinlich: Er fühlt sich wohl in seiner Rolle als Störenfried. Eine Rolle, die der 51-Jährige geradezu verinnerlicht hat. «Ich muss so sein, wie ich bin, ansonsten nimmt mich doch niemand mehr ernst und ich bekomme keine Aufmerksamkeit», meint Weber nachdenklich. Ein Drang, der ihn vergangenen Sommer an die psychischen Grenzen brachte: Weber, der sich selbst als «durchgeknallt» bezeichnet, trat in den Universitären Psychiatrischen Kliniken wegen eines Burn-outs eine ambulante Therapie an.

Seinen Drang nach Aufmerksamkeit als Politiker tauschte Eric Weber zu Beginn der 1990er-Jahre gegen seine Tätigkeit als Journalist ein. Weber wanderte kurz vor der Wende nach Ostdeutschland aus, wo er bei mehreren Lokalzeitungen anheuerte. Bei einigen hat Eric Weber einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so etwa bei der Freien Presse Chemnitz. Auf Anfrage heisst es dort, dass man den Mann sehr wohl kenne, er aber «nur kurz» für die Zeitung gearbeitet habe. «Dieser Eric Weber ist ein rotes Tuch für uns», dröhnt es in breitem Sächsisch am anderen Ende der Telefonleitung, bevor aufgelegt wird.

Stasi-Akte über Weber

Ab 1991 arbeitete Eric Weber dann für das deutsche Boulevardblatt Bild und berichtete hauptsächlich über lokale Themen aus Chemnitz im Bundesland Sachsen. Unter dem Titel «Hallo, hier spricht Christine, schicken Sie 180 Mark» schrieb Eric Weber etwa über «die faulen Tricks der Kontakt-­Clubs», einer Art Partnervermittlung, die alleinstehende Männer abzockte. Auch der Sorgen von Schrebergärtnern nahm er sich in einem Artikel für die Bild an: «Wahnsinn! Kleingarten- Pacht um 2000% erhöht», titelte Eric Weber und liess besorgte Kleingärtner zu Wort kommen, die «statt bisher zehn Pfennig pro Quadratmeter zwei Mark zahlen sollen».

Doch seine grösste Geschichte publizierte Eric Weber nach eigenen Angaben kurz vor der Wende, als das erste Bordell in der DDR eröffnete: «Ich schrieb eine Reportage über meinen Besuch in dem Lokal – danach wollten die Steuerbehörden von mir die Preise für die Damen wissen, da sie keine Ahnung hatten, wie sie ein Bordell besteuern sollten», erzählt Weber, um dann in einem erneuten Anflug von Spitzbübigkeit zu bemerken, dass er als Journalist nichts habe bezahlen müssen. Seine Tätigkeit soll auch der Staatssicherheit (Stasi) der DDR nicht entgangen sein. In einer angeblichen Akte, die Eric Weber vorlegt, bemerkt 1987 ein gewisser Stasi-Hauptmann Fankhänel: «WEBER besitzt einen gut entwickelten Intellekt, ist redegewandt, kann gut schriftlich formulieren und betätigte sich auch journalistisch und publizistisch.»

20'000 Franken pro Monat

Seit dem Jahr 2012 ist Eric Weber zurück in Basel – seine letzte Stelle bei einer Zeitung habe er in Ostdeutschland wegen der Basler Justiz verloren, behauptet er. «Diese Verbrecher haben bei meinem Arbeitgeber angerufen, und gefragt, ob man wisse, dass Eric Weber ein Rechtspopulist ist.» Mittlerweile deckt der Grossrat die Regierung beinahe täglich mit Interpellationen und schriftlichen Anfragen ein. «Ich schreibe so viele Anfragen, um den angestauten Frust abzubauen», erklärt sich Weber. «Meine Anfragen kosten die Regierung pro Monat 20 000 Franken», behauptet er beinahe triumphierend. Und tatsächlich: Seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren hat Weber rund 200 Vorstösse eingereicht. «Ich will dieses Provinzparlament mit meinen Vorstössen lahmlegen», hatte er denn auch nach seiner Wahl angekündigt. Lahm­legen konnte Weber das Parlament indes nicht, man habe sich mit ihm «arrangiert», ist aus dem Büro des Grossen Rates zu vernehmen. So beantwortet die Regierung die unzähligen Vorstösse des streitbaren Grossrates mittlerweile nur noch sehr einsilbig.

Viele Anfragen von Eric Weber sind an Skurrilität nicht zu überbieten. So fragte er etwa nach der Fasnacht im vergangenen Jahr, welche Gesetze konkret geändert werden müssen, um die Fasnacht abzuschaffen, und ob Schnitzelbänkler, die sich über ihn lustig gemacht haben, strafrechtlich verfolgt werden können. In einer anderen Anfrage wollte er von der Regierung wissen, ob «Sex in der Öffentlichkeit» strafbar sei. Und auch die defekte Uhr der Clarakirche beschäftigte bereits den Regierungsrat: So wollte Eric Weber wissen, wer für diese Uhr «zuständig» sei und ob die Regierung seine Meinung teile, dass die Uhr «bis zur kommenden Uhren- und Schmuckmesse wieder gehen muss». Der Regierungsrat antwortete lapidar, dass «das reparierte Uhrwerk im Dezember 2013 wieder in Betrieb gesetzt werden konnte».

Triumph mit der Kunstmuseums-Schliessung

Manchmal trifft aber auch Eric Weber mit einer seiner Anfragen einen wunden Punkt, wie zuletzt geschehen, als er eine Anfrage zum Neubau beim Kunstmuseum bei der Regierung deponierte. Bei der Beantwortung der Fragen musste das Präsidialdepartement bestätigen, was Eric Weber offenbar zugetragen wurde: Das Kunstmuseum wird ab Februar 2015 während eines ganzen Jahres geschlossen – und löste damit ein Erdbeben in der Kulturstadt Basel aus.

Es sind seltene Erfolge wie dieser, die den Parlamentsschreck zum Weitermachen anstacheln. Voller Selbstbewusstsein sagt er denn auch: «Ich bin der einzige Wahlsieger!» Und so trat Eric Weber, wenn auch erneut erfolglos, im zweiten Wahlgang um die Nachfolge von Regierungsrat Carlo Conti an. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.07.2014, 15:40 Uhr

Hat inzwischen Kultstatus: Eric Webers Wutausbruch inklusiv nackten Tatsachen vor dem Käppelijoch. (Video: Joël Gernet)

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